Aus­le­gung einer Ver­trags­stra­fen­re­ge­lung im For­mu­lar­ar­beits­ver­trag

Zwar sind Ver­trags­stra­fen­ab­re­den in For­mu­lar­ver­trä­gen nach § 309 Nr. 6 BGB gene­rell unzu­läs­sig, in for­mu­lar­mä­ßi­gen Arbeits­ver­trä­gen folgt aber aus der ange­mes­se­nen Berück­sich­ti­gung der im Arbeits­recht gel­ten­den Beson­der­hei­ten nach § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB deren grund­sätz­li­che Zuläs­sig­keit 1. Dabei ist aller­dings zum Schutz des Arbeit­neh­mers ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen 2.

Aus­le­gung einer Ver­trags­stra­fen­re­ge­lung im For­mu­lar­ar­beits­ver­trag

Nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB sind Ver­wen­der von All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­spre­chend den Grund­sät­zen von Treu und Glau­ben ver­pflich­tet, Rech­te und Pflich­ten ihrer Ver­trags­part­ner mög­lichst klar und durch­schau­bar dar­zu­stel­len. Dazu gehört auch, dass All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen wirt­schaft­li­che Nach­tei­le und Belas­tun­gen soweit erken­nen las­sen, wie dies nach den Umstän­den gefor­dert wer­den kann 3. Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen müs­sen so genau beschrie­ben wer­den, dass für den Ver­wen­der kei­ne unge­recht­fer­tig­ten Beur­tei­lungs­spiel­räu­me ent­ste­hen. Eine Klau­sel genügt dem Bestimmt­heits­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB, wenn sie im Rah­men des recht­lich und tat­säch­lich Zumut­ba­ren die Rech­te und Pflich­ten des Ver­trags­part­ners des Klau­sel­ver­wen­ders so klar und prä­zi­se wie mög­lich beschreibt. Sie ver­letzt das Bestimmt­heits­ge­bot, wenn sie ver­meid­ba­re Unklar­hei­ten und Spiel­räu­me ent­hält 4.

Unter Anwen­dung die­ser Recht­spre­chung gilt in dem hier vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall Fol­gen­des:

Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ver­wir­kung einer Ver­trags­stra­fe sind vor­lie­gend in § 12 Abs. 1 des Arbeits­ver­tra­ges prä­zi­se beschrie­ben und genü­gen dem Tranz­pa­renz­erfor­der­nis des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB. Das hat das BAG bei einer dies­be­züg­lich inhalt­lich gleich­lau­ten­den Klau­sel 5 bereits ent­schie­den. Es hat aus­ge­führt, die Klau­sel sei klar geglie­dert. Es wür­den zunächst fünf Fäl­le auf­ge­zählt, in denen die Ver­trags­stra­fe ver­wirkt wer­de, dar­un­ter auch die Lösung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ohne Ein­hal­tung der maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­frist und ohne Recht­fer­ti­gung dafür 6. Das ist auch vor­lie­gend genau der Fall.

Aller­dings unter­schei­det sich der hier zu beur­tei­len­de Fall von dem, den das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu ent­schei­den hat­te dar­in, dass hier bei der Höhe der ver­wirk­ten Ver­trags­stra­fe in § 12 Abs. 2 Satz 1 des Arbeits­ver­tra­ges nicht wie dort drei Fäl­le, dar­un­ter auch der Fall der Nicht­ein­hal­tung der Kün­di­gungs­frist auf­ge­zählt wer­den, son­dern nur zwei Fäl­le, näm­lich die ver­spä­te­te Arbeits­auf­nah­me und die vor­über­ge­hen­den Arbeits­ver­wei­ge­rung. Damit wird hier der Fall der unfris­ti­gen ordent­li­chen Arbeit­neh­mer­kün­di­gung, der aus­drück­lich in Abs. 1 genannt ist, in Abs. 2 Satz 1 des Arbeits­ver­tra­ges ver­schwie­gen. Abs. 2 Satz 2 des Arbeits­ver­tra­ges legt dann für alle übri­gen Fäl­le, in denen laut Abs. 1 die Ver­trags­stra­fe ver­wirkt sein soll, deren Höhe auf ein Brut­to­mo­nats­ent­gelt fest. Damit ist hier eben­so wie im Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts 6, klar, dass die in Abs. 2 Satz 1 nicht wie in Abs. 1 iden­tisch auf­ge­zähl­ten Fäl­le hin­sicht­lich der Höhe der Ver­trags­stra­fe Abs. 2 Satz 2 des Arbeits­ver­tra­ges unter­fal­len. Denn nur dann ist Abs. 2 klar und trans­pa­rent.

Will man dage­gen, wie es die Klä­ge­rin macht, den vor­lie­gen­den Fall "klar und ein­deu­tig" hin­sicht­lich des Aus­lö­sens der Ver­trags­stra­fe Abs. 1 Fall 3 des Arbeits­ver­tra­ges zuord­nen ("löst er das Arbeits­ver­hält­nis ohne Ein­hal­tung der maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­frist auf") dage­gen bei der Höhe der Ver­trags­stra­fe auf Abs. 2 Satz 1 Fall 2 zugrei­fen ("vor­über­ge­hen­de Arbeits­ver­wei­ge­rung"), der sich aller­dings wört­lich auf Abs. 1 Fall 4 bezieht, stellt sich zwangs­läu­fig die Fra­ge, war­um es dann über­haupt Abs. 1 Fall 3 geben soll – schließ­lich wäre der Fall ja auto­ma­tisch von Abs. 1 Fall 4 erfasst und war­um die Fall­be­schrei­bun­gen nicht iden­tisch sind. Damit wür­de aller­dings die Klau­sel hin­sicht­lich der Höhe der Ver­trags­stra­fe intrans­pa­rent (§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB) und folg­lich unwirk­sam oder zumin­dest unklar (§ 305c Abs. 2 BGB), was ohne­hin zu Las­ten des Ver­wen­ders gehen wür­de.

Damit genügt § 12 des Arbeits­ver­tra­ges nur dann dem Bestimmt­heits­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB, wenn hin­sicht­lich des vor­lie­gen­den Fal­les, näm­lich dem, dass der Arbeit­neh­mer das Arbeits­ver­hält­nis ohne Ein­hal­tung der maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­frist auf­löst, die Höhe der Ver­trags­stra­fe ein Brut­to­mo­nats­ge­halt nach Abs. 2 Satz 2 des Arbeits­ver­tra­ges beträgt. Das führt aber, wie es das Arbeits­ge­richt rich­tig erkannt hat, zu einer unzu­läs­si­gen Über­si­che­rung 7, weil die Kün­di­gungs­frist inner­halb der Pro­be­zeit nur zwei Wochen betrug, wes­halb die Klau­sel ins­ge­samt unwirk­sam ist.

Eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung kommt schon wegen des inso­weit kla­ren Wort­lauts der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­trags­stra­fen­klau­sel und wegen des Trans­pa­renz­ge­bots des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB nicht in Betracht.

An die­sem Ergeb­nis ändert auch die von der Klä­ge­rin zitier­te arbeits­recht­li­che Lite­ra­tur 8 nichts. Preis/​Stoffels haben in II V 30 Rz. 34 zwar auf die Pro­ble­ma­tik der Ver­trags­stra­fen­hö­he bei einer ver­ein­bar­ten Pro­be­zeit aus­drück­lich hin­ge­wie­sen, die­se aber bei den kon­kre­ten For­mu­lie­rungs­vor­schlä­gen 9 im Hin­blick auf das Bestimmt­heits­ge­bot aber noch nicht deut­lich genug umge­setzt, obwohl die den Vor­schlä­gen zugrun­de lie­gen­den und zitier­ten Tarif­ver­trä­ge 10 kür­ze­re Kün­di­gungs­fris­ten in der Pro­be­zeit vor­se­hen. Die Neu­auf­la­ge von Hüm­me­rich konn­te von der Kam­mer noch nicht ein­ge­se­hen wer­den. Schaub/​Schrader/​Klagges, 11 haben unter aus­drück­li­chem Hin­weis auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 28.05.2009 12 auch bei der Höhe der Ver­trags­stra­fe die "Auf­lö­sung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ohne Ein­hal­tung der maß­geb­li­chen Kün­di­gungs­frist" in den Teil auf­ge­nom­men, der die Ver­trags­stra­fe auf das Brut­to­ta­ge­geld für jeden Tag der Zuwi­der­hand­lung beschränkt und daher die­se Ent­schei­dung in ihren Vor­schlag für die For­mu­lie­rung einer Ver­trags­stra­fe ein­ge­baut.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 8. Juli 2014 – 11 Sa 31/​14

  1. vgl. BAG 4.03.2004 – 8 AZR 196/​03BAGE 110, 8, AP BGB § 309 Nr. 3, EzA BGB 2002 § 309 Nr. 1[]
  2. BAG 23.01.2014 – 8 AZR 130/​13, Rn. 21; BAG 14.08.2007 – 8 AZR 973/​06, Rn. 23, AP BGB § 307 Nr. 28, EzA BGB 2002 § 307 Nr. 28[]
  3. BAG 23.01.2014 – 8 AZR 130/​13, Rn. 23; BAG 3.04.2007 – 9 AZR 867/​06, Rn. 29, BAGE 122, 64, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 46, EzA BGB 2002 § 307 Nr. 22[]
  4. BAG 23.01.2014 – 8 AZR 130/​13, Rn. 23; BAG 14.08.2007 – 8 AZR 973/​06, Rn. 26, AP BGB § 307 Nr. 28, EzA BGB 2002 § 307 Nr. 28[]
  5. BAG 28.05.2009 – 8 AZR 896/​07, Rn. 2[]
  6. BAG aaO, Rn. 37[][]
  7. BAG 23.09.2010 – 8 AZR 897/​08, Rn. 22[]
  8. Preis, Der Arbeits­ver­trag, 4. Aufl.2011[]
  9. Preis/​Stoffels, aaO., II V 30 Rz. 106; Preis, aaO. III C Rz.20; 34, 49 und 74[]
  10. Pri­va­tes Bank­ge­wer­be § 17 Nr. 1, III C Rz. 21; Pri­va­tes Ver­si­che­rungs­ge­wer­be § 15 Nr. 4, III C Rz. 35; Che­mi­sche Indus­trie § 11 II Nr.1 Abs. 2, III C Rz. 49a; Metall­in­dus­trie §§ 2 Nr. 2, 20 Nr. 2, III C Rz. 75[]
  11. ArbRFV-HdB, 10. Aufl.2013, A 2. Teil Rn. 174[]
  12. BAG 28.05.2009 – 8 AZR 896/​07[]