Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das ander­wei­tig ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Beab­sich­tigt das Gericht, in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren ein in einem ande­ren Ver­fah­ren ein­ge­hol­tes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ent­spre­chend § 411 a ZPO zu ver­wer­ten, muss es den Betei­lig­ten zuvor recht­li­ches Gehör gewäh­ren [1].

Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das ander­wei­tig ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Das Gericht darf also ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten aus dem vor­an­ge­gan­ge­nen Betreu­ungs­ver­fah­ren nicht ver­wer­ten, ohne die Betrof­fe­ne auf die beab­sich­tig­te Ver­wer­tung hin­zu­wei­sen und hier­zu aus­rei­chend recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren.

Gemäß § 280 Abs. 1 FamFG hat vor der Bestel­lung eines Betreu­ers eine förm­li­che Beweis­auf­nah­me über die Not­wen­dig­keit der Maß­nah­me durch Ein­ho­lung eines Gut­ach­tens statt­zu­fin­den. Die förm­li­che Beweis­auf­nah­me muss sich auch auf die feh­len­de Fähig­keit zur frei­en Wil­lens­bil­dung bezie­hen, wenn ein Betreu­er gegen den Wil­len des Betrof­fe­nen bestellt wer­den soll [2]. Wegen der gesetz­lich ange­ord­ne­ten Förm­lich­keit der Beweis­auf­nah­me (§§ 280 Abs. 1, 30 Abs. 2 FamFG) kann das in einem ande­ren Ver­fah­ren ein­ge­hol­te Gut­ach­ten nur dann ver­wer­tet wer­den, wenn es gemäß § 411 a ZPO in das Ver­fah­ren ein­ge­führt und dem Betrof­fe­nen Gele­gen­heit gege­ben wor­den ist, zu den Aus­füh­run­gen des zu ver­wer­ten­den Gut­ach­tens in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren Stel­lung zu neh­men. Beab­sich­tigt das Gericht von der Mög­lich­keit des § 411 a ZPO Gebrauch zu machen, muss es den Betei­lig­ten vor der Anord­nung der Ver­wer­tung recht­li­ches Gehör gewäh­ren [3].

Dar­an fehlt es im vor­lie­gen­den Fall. Die Rechts­be­schwer­de­füh­rer rügen zu Recht, dass ihnen hin­sicht­lich der aus dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 28.03.2015 ver­wer­te­ten Fest­stel­lun­gen kein aus­rei­chen­des recht­li­ches Gehör gewährt wor­den ist. Weder das Amts- noch das Land­ge­richt haben die beab­sich­tig­te Ver­wer­tung des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ange­kün­digt oder den Betei­lig­ten recht­li­ches Gehör zu der beab­sich­tig­ten Ver­wer­tung gewährt. Dass dem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten der Betrof­fe­nen Ein­sicht auch in die Bei­ak­te gewährt wur­de, in der sich das Gut­ach­ten befin­det, ver­mag das für ein Vor­ge­hen nach § 411 a ZPO erfor­der­li­che recht­li­che Gehör nicht zu erset­zen.

Der ange­foch­te­ne Beschluss kann des­halb kei­nen Bestand haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Okto­ber 2016 – XII ZB 152/​16

  1. im Anschluss an die BGH, Beschlüs­se vom 27.04.2016 XII ZB 611/​15 FamRZ 2016, 1149; und vom 16.11.2011 XII ZB 6/​11 FamRZ 2012, 293[]
  2. BGH, Beschluss vom 27.04.2016 XII ZB 611/​15 FamRZ 2016, 1149 Rn. 14[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 27.04.2016 XII ZB 611/​15 FamRZ 2016, 1149 Rn. 15; und vom 16.11.2011 XII ZB 6/​11 FamRZ 2012, 293 Rn. 24[]