Haf­tung des Jugend­am­tes im Rah­men der unter­halts­recht­li­chen Bei­stand­schaft.

Als Anspruchs­grund­la­ge für eine Haf­tung des Jugend­am­tes bei Aus­übung einer unter­halts­recht­li­chen Bei­stand­schaft kommt zum einen § 839 Satz 1 BGB i.V.m. Art. 34 Satz 1 GG und zum ande­ren § 1716 Satz 2 BGB i.V.m. §§ 1833 Abs. 1 Satz 1, 1915 Abs. 1 Satz 1 BGB in Betracht [1].

Haf­tung des Jugend­am­tes im Rah­men der unter­halts­recht­li­chen Bei­stand­schaft.

Eine Pflicht­ver­let­zung liegt danach in jedem Ver­stoß gegen das Gebot treu­er und gewis­sen­haf­ter Amts­füh­rung [2]. Die Fra­ge, ob der mit der Aus­übung der Auf­ga­ben der Bei­stand­schaft betrau­te Amts­trä­ger sei­ne dem Kind gegen­über bestehen­den Pflich­ten ver­letzt hat, ist maß­geb­lich danach zu beant­wor­ten, wie der Wir­kungs­kreis der Bei­stand­schaft beschaf­fen ist [3].

Da dem Jugend­amt gemäß § 1712 Abs. 1 Nr. 2 BGB die Auf­ga­be zuge­wie­sen ist, im Rah­men der Bei­stand­schaft Unter­halts­an­sprü­che für min­der­jäh­ri­ge Kin­der gel­tend zu machen, kön­nen die­se dar­auf ver­trau­en, dass das Jugend­amt die­se Auf­ga­be fach­kun­dig erle­digt. Grund­sätz­lich obliegt es der Behör­de, durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sicher­zu­stel­len, dass ihre mit der Sach­be­ar­bei­tung betrau­ten Mit­ar­bei­ter die für die Erfül­lung ihrer täg­li­chen Auf­ga­ben benö­tig­ten Rechts­kennt­nis­se erwer­ben oder die Vor­gän­ge in Zwei­fels­fäl­len einem Beschäf­tig­ten vor­ge­legt wer­den, der über die erfor­der­li­chen Rechts­kennt­nis­se ver­fügt [4].

Vor­lie­gend hat­te das das Jugend­amt nicht dar­auf hin­ge­wirkt, dass das Kind mit Voll­endung sei­nes sechs­ten Lebens­jah­res gemäß § 1612 a Abs. 3 BGB Unter­halt gemäß der zwei­ten Alters­stu­fe der Düs­sel­dor­fer Tabel­le erhält und dass es ab Juli 2005 mit der Gel­tung der Düs­sel­dor­fer Tabel­le 2005 einen höhe­ren Unter­halt ver­lan­gen konn­te.

Dabei kann dahin ste­hen, ob die Pflicht­ver­let­zung schon dar­in zu sehen ist, dass sich das Jugend­amt mit den vom Kinds­va­ter erstell­ten, sta­ti­schen Urkun­den begnügt hat, statt auf dyna­mi­sche Titel zu bestehen. Jeden­falls hät­te es recht­zei­tig dar­auf hin­wir­ken müs­sen, dass der Kinds­va­ter den mit Voll­endung des sechs­ten Lebens­jah­res des Kin­des zuste­hen­den erhöh­ten Unter­halt zahlt.

Dem steht eine etwai­ge Bin­dung auf­grund der bereits erstell­ten Urkun­de nicht ent­ge­gen. Denn im Fal­le einer – wie hier – ein­sei­tig vom Unter­halts­pflich­ti­gen erstell­ten Urkun­de kann der Unter­halts­be­rech­tig­te ohne Bin­dung hier­an einen höhe­ren Unter­halt ver­lan­gen [5].

Auch inso­weit, wie die Düs­sel­dor­fer Tabel­le zum 1.07.2005 geän­dert wor­den ist und die Unter­halts­be­trä­ge erhöht wor­den sind, trifft das Jugend­amt eine Pflicht­ver­let­zung. Der Scha­den liegt in der nicht gezahl­ten Dif­fe­renz.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Dezem­ber 2013 – XII ZR 157/​12

  1. vgl. BGH Urteil vom 17.06.1999 – III ZR 248/​98, FamRZ 1999, 1342, 1344; OLG Saar­brü­cken FamRZ 2012, 801; Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1833 BGB Rn. 2[]
  2. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1833 BGB Rn. 3[]
  3. vgl. BGH Urteil vom 17.06.1999 – III ZR 248/​98, FamRZ 1999, 1342, 1344[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 27.02.2013 – XII ZB 6/​13, FamRZ 2013, 779 Rn. 8[]
  5. BGH, Urteil BGHZ 189, 284 = FamRZ 2011, 1041 Rn. 24 f.[]