Ver­sor­gungs­aus­gleich zuguns­ten eines con­ter­gan­ge­schä­dig­ten Ehe­gat­ten

Der Ver­sor­gungs­aus­gleich zuguns­ten eines con­ter­gan­ge­schä­dig­ten Ehe­gat­ten kann nicht nach § 27 VersAus­glG mit der Begrün­dung aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Aus­gleichs­be­rech­tig­te wegen sei­ner Con­ter­gan­ren­te auf die Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs nicht ange­wie­sen sei.

Ver­sor­gungs­aus­gleich zuguns­ten eines con­ter­gan­ge­schä­dig­ten Ehe­gat­ten

Die Con­ter­gan­ren­te gehört nicht zu den gemäß § 2 Abs. 2 VersAus­glG in den Ver­sor­gungs­aus­gleich ein­zu­be­zie­hen­den Anrech­ten, weil sie aus Ent­schä­di­gungs­grün­den gezahlt wird und weder durch Arbeit noch durch Ver­mö­gen erwor­ben wor­den ist.

Gemäß § 18 Abs. 1 Cont­StifG blei­ben Leis­tun­gen nach dem Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz bei der Ermitt­lung oder Anrech­nung von Ein­kom­men, sons­ti­gen Ein­nah­men und Ver­mö­gen nach ande­ren Geset­zen, ins­be­son­de­re dem Zwei­ten, Drit­ten, Fünf­ten und Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch und dem Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, außer Betracht. Die Auf­zäh­lung die­ser Geset­ze ist wie die For­mu­lie­rung "ins­be­son­de­re" ver­deut­licht nicht abschlie­ßend 1 und schließt des­halb das Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz nicht aus. § 18 Abs. 2 Satz 1 Cont­StifG bestimmt dar­über hin­aus, dass Ver­pflich­tun­gen Ande­rer, ins­be­son­de­re Unter­halts­pflich­ti­ger und der Trä­ger der Sozi­al­hil­fe oder ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen, durch das Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz nicht berührt wer­den. Im Ver­sor­gungs­aus­gleich wür­de die Aus­gleichs­pflicht des Ehe­gat­ten mit den höhe­ren Ver­sor­gungs­an­rech­ten jedoch durch­aus berührt, wenn man (auch) die dem aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten gewähr­ten Leis­tun­gen nach dem Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz zum Anlass neh­men wür­de, den auf § 1 Abs. 1 VersAus­glG beru­hen­den Anspruch des Con­ter­gan­ge­schä­dig­ten auf Halb­tei­lung der in der Ehe­zeit erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­te nach § 27 VersAus­glG her­ab­zu­set­zen oder aus­zu­schlie­ßen. Zwin­gen­de geset­zes­sys­te­ma­ti­sche Grün­de, wel­che die Schluss­fol­ge­rung nahe­le­gen könn­ten, dass § 18 Cont­StifG der Berück­sich­ti­gung von Leis­tun­gen nach dem Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz zumin­dest bei der Anwen­dung von Här­te- oder Bil­lig­keits­re­ge­lun­gen des bür­ger­li­chen Rechts nicht ent­ge­gen­stün­de, bestehen nicht. Hät­te der Gesetz­ge­ber dies gewollt, hät­te er es wie bei­spiels­wei­se in § 11 Satz 4 BEEG und der dort ent­hal­te­nen Bezug­nah­me auf §§ 1579, 1611 Abs. 1 BGB aus­drück­lich anord­nen kön­nen.

Im Übri­gen gehört die Con­ter­gan­ren­te nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung 2 zu den Sozi­al­leis­tun­gen, die für Auf­wen­dun­gen infol­ge eines Kör­per- oder Gesund­heits­scha­dens gewährt wer­den und bei denen gemäß § 1610 a BGB bei der Fest­stel­lung eines Unter­halts­an­spru­ches ver­mu­tet wird, dass die Kos­ten der Auf­wen­dun­gen nicht gerin­ger sind als die Höhe die­ser Sozi­al­leis­tun­gen. Auch wenn die Vor­schrif­ten des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­rechts kei­ne unmit­tel­ba­re Ver­wei­sung auf § 1610 a BGB ent­hal­ten, wer­den die Grund­sät­ze des § 1610 a BGB auch im Rah­men des § 27 VersAus­glG bei der Beur­tei­lung der Fra­ge zu berück­sich­ti­gen sein, ob der Unter­halt des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten durch ander­wei­ti­ge Ein­künf­te gedeckt ist 3. Denn wenn und soweit eine dem Aus­gleichs­be­rech­tig­ten aus Ent­schä­di­gungs­grün­den gezahl­te Sozi­al­leis­tung ledig­lich scha­dens­be­ding­ten Mehr­auf­wand abde­cken soll, bezweckt sie kei­ne sozia­le Absi­che­rung für Alter oder Inva­li­di­tät und kann daher auch kei­nen Aus­schluss des Ver­sor­gungs­aus­gleichs recht­fer­ti­gen 4.

Zwar stellt § 1610 a BGB ledig­lich eine wider­leg­ba­re gesetz­li­che Ver­mu­tung auf, so dass die aus­gleichs­pflich­ti­ge Per­son den Gegen­be­weis dafür füh­ren könn­te, dass die aus­gleichs­be­rech­tig­te Per­son, die eine Con­ter­gan­ren­te bezieht, in vol­ler Höhe ihrer Ren­te tat­säch­lich kei­nen durch Kör­per- und Gesund­heits­scha­den beding­ten Mehr­be­darf hat. Gera­de die­sen Gegen­be­weis woll­te der Gesetz­ge­ber aber durch die Fas­sung des § 18 Cont­StifG aus­schlie­ßen; es soll­te aus­weis­lich der Begrün­dung des Gesetz­ent­wur­fes klar­ge­stellt wer­den, dass die Leis­tun­gen nach dem neu­en Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz "als ech­te Zusatz­leis­tun­gen" erhal­ten blei­ben 5. Nach die­sen Inten­tio­nen des Gesetz­ge­bers ist es trotz der mitt­ler­wei­le nicht uner­heb­li­chen Höhe der Leis­tun­gen nach dem Con­ter­gan­stif­tungs­ge­setz nicht mög­lich, von der Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs mit der Begrün­dung abzu­se­hen, die aus­gleichs­be­rech­tig­te Per­son sei bereits mit ihrer Con­ter­gan­ren­te aus­rei­chend ver­sorgt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Juli 2014 – XII ZB 164/​14

  1. vgl. BT-Drs. 15/​5654, S. 13[]
  2. Palandt/​Brudermüller BGB 73. Aufl. § 1610 a Rn. 3; Münch­Komm-BGB/Born 6. Aufl. § 1610 a Rn. 10; Soergel/​Seibl BGB 13. Aufl. § 1610 a Rn. 5; Erman/​Hammermann BGB 13. Aufl. § 1610 a Rn. 6; Botur in Büte/​Poppen/​Menne Unter­halts­recht 2. Aufl. § 1610 a BGB Rn. 5; NK-BGB/­Kath-Zur­hor­st/­Reu­ter 3. Aufl. § 1610 a Rn. 4; Heiß/​Heiß in Heiß/​Born Unter­halts­recht [Bear­bei­tungs­stand: 2014] 3. Kap. Rn. 111; Breuer/​Louis MedR 2007, 223, 226; vgl. auch BT-Drs. 15/​5654, S. 13[]
  3. vgl. auch OLG Düs­sel­dorf Fam­RZ 1995, 1277, 1278[]
  4. vgl. bereits Staudinger/​Rehme BGB [2000] § 1587 c Rn. 22; Soergel/​Lipp BGB 13. Aufl. § 1587 c Rn. 13[]
  5. BT-Drs. 15/​5654, S. 13[]