Vor­läu­fi­ger Ver­fah­rens­wert und Beschwer­de­sum­me bei einer Stu­fen­kla­ge

Die Fest­set­zung eines vor­läu­fi­gen Ver­fah­rens­wer­tes von über 600 € für einen Stu­fen­an­trag in ver­mö­gens­recht­li­chen Fami­li­en­streit­sa­chen lässt für sich genom­men noch nicht dar­auf schlie­ßen, dass das Amts­ge­richt auch von einer ent­spre­chend hohen Beschwer auf Sei­ten des in der ers­ten Stu­fe zur Aus­kunft ver­pflich­te­ten Antrags­geg­ners aus­ge­gan­gen ist und des­halb kei­ne Ver­an­las­sung gese­hen hat, über die Zulas­sung der Beschwer­de nach § 61 Abs. 2 und 3 FamFG zu befin­den 1.

Vor­läu­fi­ger Ver­fah­rens­wert und Beschwer­de­sum­me bei einer Stu­fen­kla­ge

Auch aus dem Umstand, dass das Amts­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung in einer ver­mö­gens­recht­li­chen Ange­le­gen­heit die gemäß § 39 Satz 1 FamFG vor­ge­schrie­be­ne Beleh­rung über die Beschwer­de als statt­haf­tes Rechts­mit­tel ange­schlos­sen hat, folgt für sich genom­men noch nicht, dass es die erfor­der­li­che Beschwer­de­sum­me für den unter­le­ge­nen Betei­lig­ten als erreicht ange­se­hen und des­halb die Zulas­sung der Beschwer­de nach § 61 Abs. 2 und 3 FamFG nicht erwo­gen hat 2.

Die Ent­schei­dung über die Zulas­sung der Beschwer­de ist, wie sich aus § 61 Abs. 2 und 3 FamFG ergibt, dem Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges vor­be­hal­ten. Hat wie im vor­lie­gen­den Fall kein Betei­lig­ter die Zulas­sung der Beschwer­de bean­tragt, ist inso­weit eine aus­drück­li­che Ent­schei­dung ent­behr­lich; das Schwei­gen in der End­ent­schei­dung des Amts­ge­richts bedeu­tet Nicht­zu­las­sung. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs – auch des Bun­des­ge­richts­hofs – ist das Beschwer­de­ge­richt aller­dings berech­tigt und ver­pflich­tet, eine Ent­schei­dung über die Zulas­sung der Beschwer­de nach­zu­ho­len, wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht kei­ne Ver­an­las­sung zu einer sol­chen Ent­schei­dung gese­hen hat, weil es erkenn­bar davon aus­ge­gan­gen ist, dass die Beschwer des unter­le­ge­nen Betei­lig­ten 600 € über­steigt, wäh­rend das Beschwer­de­ge­richt dem­ge­gen­über eine aus­rei­chen­de Beschwer nicht für erreicht hält 3. Unter die­sen Umstän­den kann dem Schwei­gen in der erst­in­stanz­li­chen End­ent­schei­dung nicht ent­nom­men wer­den, dass das Amts­ge­richt die Beschwer­de nicht zuge­las­sen habe. Denn es muss­te sich wegen sei­ner Vor­stel­lun­gen von einer 600 € über­stei­gen­den Beschwer des unter­le­ge­nen Betei­lig­ten aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig kei­ne Gedan­ken über eine Zulas­sung der Beschwer­de machen.

Tref­fen im Rah­men eines Stu­fen­an­tra­ges ein Leis­tungs­an­spruch und ein vor­be­rei­ten­der Aus­kunfts­an­spruch zusam­men, fal­len der Ver­fah­rens­wert und die Beschwer eines in der ers­ten Stu­fe zur Ertei­lung einer Aus­kunft ver­pflich­te­ten Antrags­geg­ners in aller Regel deut­lich aus­ein­an­der. Soweit das Gericht der ers­ten Instanz einen vor­läu­fi­gen Gebüh­ren­ver­fah­rens­wert bestimmt, rich­tet sich die Wert­fest­set­zung gemäß § 38 FamG­KG nach dem Wert für den höchs­ten Ein­zel­an­trag, der in aller Regel der Leis­tungs­an­trag sein wird. Maß­geb­li­che Schät­zungs­grund­la­ge für die vor­läu­fi­ge Fest­set­zung des Ver­fah­rens­wer­tes sind daher nach all­ge­mei­ner Ansicht die (rea­lis­ti­schen) wirt­schaft­li­chen Erwar­tun­gen, die der Antrag­stel­ler zu Beginn des Rechts­zu­ges mit dem noch unbe­zif­fer­ten Antrag in der Leis­tungs­stu­fe ver­knüpft 4. Dem­ge­gen­über rich­tet sich die Beschwer des in der ers­ten Stu­fe zur Ertei­lung der Aus­kunft ver­pflich­te­ten Antrags­geg­ners – wie das Beschwer­de­ge­richt auch zutref­fend erkannt hat – in ers­ter Linie nach dem Auf­wand an Zeit und Kos­ten für die sorg­fäl­ti­ge Ertei­lung der geschul­de­ten Aus­kunft und somit nach gänz­lich ande­ren Kri­te­ri­en. Dem­entspre­chend kann in der erst­in­stanz­li­chen Fest­set­zung des Ver­fah­rens­wer­tes nichts zur Bemes­sung der Beschwer des in der ers­ten Stu­fe unter­le­ge­nen Aus­kunfts­schuld­ners ent­nom­men wer­den; damit schei­det aber auch die Annah­me aus, das Gericht des ers­ten Recht­zu­ges sei auf­grund sei­ner Wert­fest­set­zung davon aus­ge­gan­gen, dass die Beschwer des zur Aus­kunft ver­pflich­te­ten Antrags­geg­ners mehr als 600 € betra­gen habe 5.

Auch aus dem Umstand, dass das Amts­ge­richt sei­nen Teil­be­schluss mit einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung ver­se­hen hat, kann nicht dar­auf geschlos­sen wer­den, dass es von einer 600 € über­stei­gen­den Beschwer des Antrags­geg­ners aus­ge­gan­gen ist.

Gemäß § 39 Satz 1 FamFG hat jeder Beschluss eine Beleh­rung über das "statt­haf­te" Rechts­mit­tel zu ent­hal­ten. Bereits aus dem Wort­laut die­ser Norm ergibt sich damit, dass die Rechts­be­helfs­be­leh­rung immer dann zu ertei­len ist, wenn ein Rechts­mit­tel statt­haft ist, ohne dass das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges dar­über hin­aus auch die sons­ti­gen Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen die­ses Rechts­mit­tels – und damit in ver­mö­gens­recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten auch nicht das Errei­chen der gemäß § 61 Abs. 1 FamFG erfor­der­li­chen Beschwer­de­sum­me – zu prü­fen hät­te. Denn die Ent­schei­dung, ob die per­sön­li­che Beschwer des unter­le­ge­nen Betei­lig­ten den Wert von 600 € über­steigt, hat das Beschwer­de­ge­richt in eige­ner Zustän­dig­keit von Amts wegen zu tref­fen, ohne dabei an die erst­in­stanz­li­che Wert­fest­set­zung gebun­den zu sein 6. Auch wenn des­halb das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges davon aus­geht, dass die Beschwer des unter­le­ge­nen Betei­lig­ten 600 € nicht über­steigt, wird es die­se Vor­stel­lun­gen vom un- zurei­chen­den Wert des Beschwer­de­ge­gen­stands nicht zum Anlass neh­men kön­nen, auf die Ertei­lung der gemäß § 39 Abs. 1 FamFG vor­ge­se­he­nen Rechts­be­helfs­be­leh­rung zu ver­zich­ten, wenn es die Beschwer­de nicht zulässt 7. Etwas ande­res ergibt sich unter den hier obwal­ten­den Umstän­den auch nicht aus der ein­lei­ten­den Wen­dung in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung, wonach die Ent­schei­dung "mit der Beschwer­de ange­foch­ten wer­den" kön­ne. Denn es wird nicht hin­rei­chend deut­lich, dass mit die­ser For­mu­lie­rung eine über den Hin­weis auf das nach § 58 FamFG statt­haf­te Rechts­mit­tel hin­aus­ge­hen­de Aus­sa­ge ver­bun­den wer­den soll­te.

Im Übri­gen ist auch die Antrag­stel­le­rin durch den amts­ge­richt­li­chen Teil­be­schluss beschwert wor­den, weil ihr zum Unter­halt gestell­ter Aus­kunfts­an­trag zu den Ein­künf­ten des Antrags­geg­ners aus selb­stän­di­ger Tätig­keit und zu des­sen Kapi­tal­ein­künf­ten zurück­ge­wie­sen wor­den war. Ihre Beschwer durch die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung des Amts­ge­richts hät­te sich nach einem Bruch­teil des nach § 3 ZPO zu schät­zen­den (zusätz­li­chen) Unter­halts­be­tra­ges bemes­sen, den sie in einem drei­ein­halb­jäh­ri­gen Zeit­raum (§ 9 Satz 1 ZPO) bei gehö­ri­ger Ertei­lung der wei­te­ren von ihr ver­lang­ten Aus­künf­te erwar­tet hät­te 8. Selbst wenn man – wofür aller­dings nichts spricht – der in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung gewähl­ten For­mu­lie­rung eine Aus­sa­ge dar­über ent­neh­men könn­te, dass nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts die erfor­der­li­che Min­dest­be­schwer erreicht sei, blie­be immer noch offen, ob sich die­se Aus­sa­ge auf die Antrag­stel­le­rin, den Antrags­geg­ner oder auf bei­de Betei­lig­te bezieht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Juli 2014 – XII ZB 219/​13

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 26.10.2011 XII ZB 465/​11 Fam­RZ 2012, 24[]
  2. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 09.04.2014 XII ZB 565/​13 Fam­RZ 2014, 1100[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 23.03.2011 – XII ZB 436/​10 , Fam­RZ 2011, 882 Rn. 14; und vom 28.03.2012 – XII ZB 323/​11 , Fam­RZ 2012, 961 Rn. 6; BGH Urtei­le vom 14.11.2007 – VIII ZR 340/​06 , NJW 2008, 218 Rn. 12; und vom 10.02.2011 – III ZR 338/​09 , NJW 2011, 926 Rn. 15[]
  4. vgl. Zöller/​Herget ZPO 30. Aufl. § 3 Rn. 16 'Stu­fen­kla­ge'; Musielak/​Heinrich ZPO 11. Aufl. § 3 Rn. 34 'Stu­fen­kla­ge'; Prütting/​Helms/​Klüsener FamFG 3. Aufl. § 38 FamG­KG Rn. 2 mit jeweils zahl­rei­chen Nach­wei­sen aus der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung[]
  5. vgl. auch BGH, Beschluss vom 26.10.2011 – XII ZB 465/​11 , Fam­RZ 2012, 24 Rn. 11; BGH Urtei­le vom 10.02.2011 – III ZR 338/​09 , NJW 2011, 926 Rn. 17; und vom 07.03.2012 – IV ZR 277/​10 , NJW-RR 2012, 633 Rn. 15 jeweils zur Wert­fest­set­zung bei der iso­lier­ten Aus­kunfts­kla­ge[]
  6. Kei­del/­Mey­er-Holz FamFG 18. Aufl. § 61 Rn. 10; Prütting/​Helms/​Abramenko FamFG 3. Aufl. § 61 Rn. 4; vgl. auch BGH, Beschluss vom 13.03.2013 XII ZR 8/​13 , NJW-RR 2013, 1401 Rn. 8 zur Fest­set­zung der Beschwer im Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de[]
  7. BGH, Beschluss vom 09.04.2014 – XII ZB 565/​13 , Fam­RZ 2014, 1100 Rn.20 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 08.01.1997 – XII ZR 307/​95 , Fam­RZ 1997, 546 und BGH, Beschluss vom 21.04.1999 – XII ZB 158/​98 , Fam­RZ 1999, 1497[]