Altenpflegehelferin mit Hepatitis-B

Die Tätigkeit als Pflegehelferin in einem Altenpflegeheim birgt keine besondere Infektionsgefahr, so dass die Anerkennung einer Hepatitis-B-Erkrankung als Berufskrankheit (BK 3101) nicht möglich ist.

Altenpflegehelferin mit Hepatitis-B

So hat das Landessozialgericht Baden-Württemberg in dem hier vorliegenden Fall einer Klägerin, die von 1988 an bei verschiedenen Arbeitgebern als Erzieherin beschäftigt gewesen ist. Vom 1.4.2005 bis 30.9.2005 war sie in Teilzeit (20h/Woche) als Pflegehelferin im Pflegestift I. gGmbH beschäftigt. Eine Impfung gegen Hepatitis erfolgte vor Antritt dieser Tätigkeit nicht. Im Juli 2005 wurde sie im Pflegestift von einer demenzkranken Bewohnerin (B) am rechten Arm gekratzt. Die Wunde entzündete sich später, so dass sie mit Diagnose einer Blutvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ab dem 2.8.2005 war die Klägerin bis zum Ende ihrer Beschäftigung arbeitsunfähig erkrankt. Eine später im Laufe des Verwaltungsverfahrens durchgeführte Laboruntersuchung bei der Heimbewohnerin B ergab einen negativen Hepatitis-B-Befund. Am 27.1.2006 ergab eine Laboruntersuchung bei der Klägerin einen positiven Hepatitis B-Befund. Im Februar 2006 zeigte die Klägerin bei der Beklagten ihre Erkrankung an und beantragte die Einleitung eines Verwaltungsverfahrens zur Prüfung des Vorliegens einer Berufskrankheit. Mit Bescheid vom 6. Dezember 2006 lehnte die Beklagte eine Anerkennung der Virushepatitis B als Berufskrankheit nach Nr. 3101 der Anlage 1 zur Berufskrankheitenverordnung (BKV) ab. Nach erfolglosem Widerspruchsverfahren hat die Klägerin vor dem Sozialgericht Klage eingereicht. Mit Urteil vom 26. August 2009 hat das Sozialgericht die Klage abgewiesen. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Tätigkeit der Klägerin im Pflegestift I. und der Virushepatitis-B sei nicht hinreichend wahrscheinlich. Der Nachweis einer erhöhten Infektionsgefahr sei nicht erbracht. Hiergegen ist Berufung eingelegt worden.

In seiner Urteilsbegründung hat das Landessozialgericht Baden-Württemberg ausgeführt, dass nach § 9 Abs. 1 Satz 1 SGB VII Berufskrankheiten Krankheiten sind, welche die Bundesregierung durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates als Berufskrankheiten bezeichnet und die Versicherte infolge einer den Versicherungsschutz nach den §§ 2, 3 oder 6 SGB VII begründenden Tätigkeit erleiden. Die Bundesregierung ist ermächtigt, in der Rechtsverordnung solche Krankheiten als Berufskrankheiten zu bezeichnen, die nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre versicherte Tätigkeit in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind; sie kann Berufskrankheiten auf bestimmte Gefährdungsbereiche beschränken oder mit dem Zwang zur Unterlassung aller gefährdenden Tätigkeiten versehen.

Gemäß diesen Vorgaben lassen sich bei einer Listen-Berufskrankheit im Regelfall folgende Tatbestandsmerkmale ableiten, die ggf. bei einzelnen Listen-Berufskrankheiten einer Modifikation bedürfen1: Die Verrichtung einer grundsätzlich versicherten Tätigkeit (sachlicher Zusammenhang) muss zu Einwirkungen von Belastungen, Schadstoffen oder Ähnlichem auf den Körper geführt haben (Einwirkungskausalität), und die Einwirkungen müssen eine Krankheit verursacht haben (haftungsbegründende Kausalität). Die Tatbestandsmerkmale „versicherte Tätigkeit“, „Verrichtung“, „Einwirkungen“ und „Krankheit“ müssen im Sinne des Vollbeweises, also mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit, vorliegen. Für die nach der Theorie der wesentlichen Bedingung zu beurteilenden Ursachenzusammenhänge genügt die hinreichende Wahrscheinlichkeit, nicht allerdings die bloße Möglichkeit2.

Der Verordnungsgeber hat als unter Nr. 3101 der Anlage 1 zur BKV folgende Berufskrankheit bezeichnet: „Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war.“

Die Klägerin ist an Hepatitis-B erkrankt, einer Infektionskrankheit. Der Zeitpunkt der Infektion ist offen. Der gerichtliche Sachverständige Prof. Dr. L. hat aufgrund der vorliegenden Daten geschlussfolgert, dass die Infektion zu jedem beliebigen Zeitpunkt zwischen 1988 und 2006 erfolgt sein könne. Die Klägerin war während ihren verschiedenen beruflichen Tätigkeiten u.a. im Kinderhaus der Drogenhilfe T. und im Pflegestift I. der Evangelischen Heimstiftung und damit im Gesundheitsdienst tätig. Im Alters- und Pflegeheim I. werden ältere Menschen u.a. stationär betreut und gepflegt.

Die Voraussetzungen der Berufskrankheit 3101 i.V.m. mit § 9 Abs. 1 SGB VII liegen nicht vor, weil nicht mit dem erforderlichen Vollbeweis erwiesen ist, dass die Klägerin im Rahmen ihrer versicherungspflichtigen Beschäftigung „Einwirkungen“ ausgesetzt war, die, um den Voraussetzungen der Berufskrankheit 3101 zu genügen, in einer im Vergleich zur Normalbevölkerung besonders erhöhten Infektionsgefahr bestehen müssen.

Zur Überzeugung des Landessozialgerichts bestand während den Tätigkeiten der Klägerin im Kinderhaus der Drogenhilfe T. und im Pflegestift I. keine erhöhte Gefahr einer Infektion mit Hepatitis-B, weder im Hinblick auf den Personenkreis, mit dem die Klägerin Kontakt hatte, noch im Hinblick auf die Art der Tätigkeiten, die die Klägerin verrichtet hat. Die Klägerin war einer Infektionsgefahr nicht in besonderem Maße ausgesetzt.

Bei der Berufskrankheit 3101 tritt aufgrund der Nachweisschwierigkeit eines konkreten Infektionsvorgangs an die Stelle der Einwirkungen die besondere Infektionsgefahr, die anhand der Durchseuchung des beruflichen Umfelds und der Übertragungsgefahr bei der versicherten Tätigkeit zu beurteilen ist3. Die Übertragungsgefahr wird durch den Übertragungsmodus der jeweiligen Infektionskrankheit sowie die vom Versicherten nach Art, Häufigkeit und Dauer ausgeübten gefährdenden Verrichtungen bestimmt. Da für die Anerkennung der Berufskrankheit 3101 nicht eine schlichte Infektionsgefahr genügt, sondern eine (zum Teil typisierend nach Tätigkeitsbereichen) besonders erhöhte Infektionsgefahr vorausgesetzt wird (§ 9 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1 SGB VII), kommt es darauf an, welche einzelnen Arbeitshandlungen im Hinblick auf den Übertragungsweg besonders gefährdend sind. Das Bundessozialgericht hat seine frühere Rechtsprechung zur Berufskrankheit 3101, dass die notwendige Wahrscheinlichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen der versicherten Tätigkeit und einer Infektionskrankheit den Nachweis einer berufsbedingten besonderen, über das normale Maß hinausgehenden Ansteckungsgefahr erfordere, dahingehend präzisiert, dass die besondere Infektionsgefahr nicht Bestandteil eines Ursachenzusammenhanges zwischen versicherter Tätigkeit und Infektionskrankheit ist4. Sie ersetzt vielmehr als eigenständiges Tatbestandsmerkmal die Einwirkungen und ist mit dem weiteren Tatbestandsmerkmal „Verrichtung einer versicherten Tätigkeit“ durch einen wesentlichen Kausalzusammenhang, hingegen mit der „Erkrankung“ nur durch die Möglichkeit eines Kausalzusammenhangs verbunden. Für die besondere Infektionsgefahr gelten hinsichtlich des Beweismaßstabes die Anforderungen, die ansonsten für das Tatbestandsmerkmal der Einwirkungen zu beachten sind5. Sie muss im Vollbeweis vorliegen. Zwar setzt der Begriff der Gefahr eine Wahrscheinlichkeitsprognose voraus. Er charakterisiert einen Zustand, bei dem nach den objektiven Umständen der Eintritt eines Schadens als wahrscheinlich gelten kann6. Allerdings ist zwischen der tatsächlichen Ebene, auf die sich die Wahrscheinlichkeitsprognose beziehen muss, und der rechtlichen Wertung, ob aufgrund der nachgewiesenen Tatsachen eine Schädigung möglich ist, zu unterscheiden.

Die Durchseuchung des Arbeitsumfeldes auf der einen und die Übertragungsgefahr der versicherten Verrichtungen auf der anderen Seite stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. An den Grad der Durchseuchung können umso niedrigere Anforderungen gestellt werden, je gefährdender die spezifischen Arbeitsbedingungen sind. Je weniger hingegen die Arbeitsvorgänge mit dem Risiko der Infektion behaftet sind, umso mehr gelangt das Ausmaß der Durchseuchung an Bedeutung. Allerdings muss zumindest die Möglichkeit einer Infektion bestehen. Ist das nicht der Fall, weil z.B. trotz eines hohen Durchseuchungsgrades die Art der konkret ausgeübten Tätigkeit einen Infektionsvorgang ausschließt, ist für die Annahme einer Gefahr von vornherein kein Raum. Kommt indes eine Infektion in Betracht, ist im Wege einer Gesamtbetrachtung der Durchseuchung und der Übertragungsgefahr festzustellen, ob sich im Einzelfall eine Infektionsgefahr ergibt, die nicht nur geringfügig erhöht ist, sondern in besonderem Maße über der Infektionsgefahr in der Gesamtbevölkerung liegt. Dabei legt der Nachweis einer infizierten Kontaktperson bei gleichzeitiger übertragungsgefährdender Tätigkeit das Vorliegen einer besonders erhöhten Infektionsgefahr nahe. Zwingend ist dieser Schluss aber nicht7. Entscheidend ist nach der neueren Rechtsprechung des Bundessozialgerichts immer die Gesamtwürdigung der das Arbeitsumfeld und die versicherte Tätigkeit betreffenden beiden Risikobereiche unter Berücksichtigung des spezifischen Übertragungsmodus und Verbreitungsgrades der jeweiligen Infektionskrankheit. Dabei können nach den Vorgaben des Bundessozialgerichts die in der fachwissenschaftlichen Literatur für die Beurteilung der Übertragungsgefahr ausgearbeiteten Schemata herangezogen werden, sofern sie sich auf dem neuesten Stand befinden. Ihnen kommt indes keinerlei rechtliche Verbindlichkeit zu und sie ersetzen nicht die Ermittlung der erhöhten Infektionsgefahr anhand der Umstände des zu beurteilenden konkreten Einzelfalles8.

Liegt eine besonders erhöhte Infektionsgefahr vor, nimmt der Verordnungsgeber typisierend an, dass bei Vorliegen einer Krankheit die haftungsbegründende Kausalität grundsätzlich gegeben ist. Diese Typisierung kann aber nicht Platz greifen, wenn ausgeschlossen ist, dass die Infektion während oder aufgrund der versicherten Tätigkeit eingetreten ist. Nach Sinn und Zweck des Tatbestands der Berufskrankheit 3101, der von der beruflichen Gefahrenexposition auf die Verursachung einer Infektionserkrankung schließt, ist das Vorliegen einer Berufskrankheit 3101 zu verneinen, wenn der unterstellte Ursachenzusammenhang nicht eingetreten sein kann. Ein Ausschluss des unterstellten Ursachenzusammenhangs zwischen beruflicher Infektionsgefahr und Krankheit liegt vor, wenn die Infektion unter Berücksichtigung der Inkubationszeit der Krankheit nicht während der Dauer der beruflichen Gefahrenexposition erfolgt sein kann. Es darf also nicht ausgeschlossen sein, dass sich der Versicherte während der Dauer der Ausübung der gefährdenden Tätigkeit infiziert hat. Ebenso ist der Zusammenhang ausgeschlossen, wenn der Erkrankung durch eine Infektion in den unversicherten Lebensbereichen verursacht worden ist. Anlass zur Prüfung dieses Ausschlusstatbestandes besteht insbesondere dann, wenn der Versicherte sich auch in anderen als den beruflichen Gefahrenbereichen bewegt hat. Die tatsächlichen Voraussetzungen für das Vorliegen dieser Ausschlussgründe müssen nachgewiesen sein. Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung tragen insoweit die objektive Beweislast9.

Ausgehend von diesen Grundsätzen ist der Nachweis einer erhöhten Infektionsgefahr zur Überzeugung des Landessozialgerichts nicht erbracht.

Hepatitis B ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Der Durchseuchungsgrad ist regional sehr unterschiedlich. Auf der Grundlage der 1998 durchgeführten Bundesgesundheitssurvey ergibt sich ein bundesweiter Durchseuchungsgrad von 7% bei Erwachsenen. 0,6% sind chronische Träger des HBs-Antigen-Träger10. Die Übertragung des Virus erfolgt überwiegend durch Blut bzw. Plasma oder Serum. Das Virus kann allerdings nicht die Barriere der unverletzten Haut durchdringen11. Das Hepatitis-B-Virus ist in kleineren Mengen auch in Speichel, Tränenflüssigkeit, Sperma, Vaginalsekret, Menstrualblut und Colostrum enthalten, wenngleich in geringeren Mengen, nicht jedoch in Urin oder Stuhl12. Mit Abstand der häufigste Übertragungsweg ist der Sexualkontakt13. Eine Ansteckung (Infektion) durch Kontakt mit Blut kann sowohl direkt durch Transfusion von infektiösem Blut oder durch Kanülenverletzung als auch indirekt, z.B. durch kontaminierte Gegenstände, erfolgen14.

Was die Tätigkeit der Klägerin beim Kinderhaus der Jugend- und Drogenhilfe T. in H. (1.8.1995 bis 31.10.1998) angeht, hatte die Klägerin dort nach ihren Angaben im Verwaltungsverfahren keinen Kontakt mit Blut eines Bewohners. Außerdem sind alle Kinder, die sich im Haus aufhielten und mit denen die Klägerin Kontakt hatte, auf Hepatitis-B getestet worden, ohne dass ein Fall einer Infektion vorlag. Schließlich war die Art der Tätigkeit (pädagogische und pflegerische Betreuung der Kinder im Alter von 6 Monaten bis 10 Jahren; Erstellung von Anamnesen und Entwicklungsbögen als Grundlage der weiteren Behandlung/Betreuung; enge pädagogische Zusammenarbeit mit der Heilpädagogin; Organisation und Durchführung von Freizeitaktivitäten; pädagogische Elterngespräche sowie Durchführung der pädagogischen Elterngruppen und Mitarbeit in der Kinderhaus-Supervision) der Klägerin dort nicht infektionsgefährdend.

Was die Tätigkeit im Pflegestift I. angeht, kann nach dem Gesamtbild, wie es sich für das Landessozialgericht darstellt, eine erhöhte Infektionsgefahr im Pflegestift nicht angenommen werden, da zur Überzeugung des Senats im Pflegestift kein besonderer Durchseuchungsgrad vorlag und die Klägerin keine besonders infektionsgefährdende Tätigkeit zu verrichten hatte. Es kann zunächst keine konkrete Infektionsquelle festgestellt werden, zu der die Klägerin unmittelbar oder mittelbar Kontakt hatte. Weder die Bewohnerin K, bei der eine bereits vor Jahren abgelaufen Hepatitis B-Erkrankung vorlag, noch die Bewohnerin B, welche die Klägerin am 31.7.2005 verletzt hatte und zu diesem Zeitpunkt nicht an Hepatitis B erkrankt war, kommen als Ansteckungsquelle in Frage. Der prozentuale Anteil infektiöser Patienten in der Gruppe der beruflichen Kontaktpersonen war nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Bewohner von Altenheimen weisen keinen höheren Anteil infektiöser Hepatitis B-Patienten auf als die Allgemeinbevölkerung; auch Pflegeeinrichtungen in Altenheimen können nicht als besonders hepatitisgefährdend angesehen werden15. Über die Prävalenz von Hepatitis-B-Virus-Infektionen in deutschen Pflegeheimen gibt es, wie der Sachverständige Prof. Dr. L. ausgeführt hat, nur geringes Datenmaterial. Nach Schönberger/Mehrtens/Valentin16 gehören Pflegeheimbewohner nicht zum Personenkreis mit besonderen Infektionsrisiken für Hepatitis B. Danach ist, wie der Sachverständige Prof. Dr. L. ausgeführt hat, nicht davon auszugehen, dass die Seroprävalenz für HBs-Antigen als Indikator unter Pflegeheimbewohnern über der gemittelten Seroprävalenz für Deutschland mit 0,6% liegt. Im Epidemiologischen Bulletin Nr. 46 des Robert-Koch-Instituts vom 18.11.2005, S. 421, abrufbar unter http://www.rki.de , heißt es diesbezüglich: „Auf der Grundlage verschiedener Studien ist davon auszugehen, dass bei etwa 5-8% der bundesdeutschen Bevölkerung eine Hepatitis-B-Infektion abgelaufen ist und etwa 0,4-0,7% Virusträger sind.“ Zudem ist auch zu berücksichtigen, dass zum Zeitpunkt der beruflichen Tätigkeit der Klägerin lediglich etwa 35 Betten im Pflegestift belegt waren. Die fünf insulinpflichtigen Heimbewohner wurden auf das Vorliegen einer Hepatitis-B-Virus-Infektion getestet. Vier Bewohner wiesen einen negativen Befund auf (kein Kontakt mit dem Hepatitis-B-Virus), bei einer Bewohnerin ergab die Serologie Anti-HBs- und Anti-HBc-Antikörper, was nach den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Dr. L. für eine durchgemachte Hepatitis B Infektion mit vorliegender Immunität spricht, so dass keine Infektionsquelle plausibel gemacht werden konnte. Insofern kann der Vortrag der Klägerin, sie habe sich beim Entsorgen der Insulinspritzen mehrfach gestochen, als wahr unterstellt werden, ohne dass sich an der Gesamtbeurteilung etwas ändert.

Die Klägerin übte zur Überzeugung des Landessozialgerichts auch keine besonders infektionsgefährdende Tätigkeit aus. Diesbezüglich wird zwischen drei Gefährdungsniveaus unterschieden17. Zur Kategorie I gehören Ärzte, Zahnärzte, Krankenpflegepersonal, Zahnarzt- und Arzthelferinnen und Rettungsdienste. Es handelt sich um Tätigkeiten, bei denen eine regelmäßige Exposition gegenüber Blut, Körperflüssigkeiten oder mit Hepatitis B kontaminiertem Material besteht. Die Kategorie I wird weiterhin in mehrere Fallgruppen mit unterschiedlichen Beweisanforderungen unterteilt18. Zur Fallgruppe 1 und 2 der Kategorie I gehören Berufsgruppen, die unmittelbar an Operationen beteiligt sind, oder in Notfallaufnahmen, zahnärztlichen Behandlungseinheiten, Dialyseeinrichtungen oder Krankenhausstationen mit frisch operierten oder verletzten Personen arbeiten. Dies war bei der Klägerin nicht der Fall. Zu beachten ist ferner, dass sie einen relativ überschaubaren Patientenkreis betreute und nur etwa vier Monate im Pflegeheim arbeitete und dies in Teilzeit (20h/Woche). Das Landessozialgericht folgt den überzeugenden Ausführungen Prof. Dr. L.s, wonach die Tätigkeiten, die die Klägerin während ihrer Tätigkeit als Pflegehelferin ausgeführt hat, aufgrund von Häufigkeit und Art nicht mit einem besonders hohen Infektionsrisiko verbunden gewesen sind. Keiner der von der Klägerin benannten Zeugen hat selbst wahrgenommen, dass sie selbst – entgegen ihrem Aufgabenbereich – Spritzen setzen musste, so dass dies jedenfalls – wenn überhaupt – nur unregelmäßig und offenbar selten der Fall war. Es erscheint auch eher unwahrscheinlich, dass die Klägerin regelmäßig Kontakt mit Blut oder Speichel der Heimbewohner hatte. Dies lässt sich retrospektiv nicht mehr im einzelnen aufklären, da hinsichtlich der Hygienebedingungen bzw. Sicherheitsvorkehrungen unterschiedliche Angaben vorliegen. Insoweit misst das Landessozialgericht allerdings der Tatsache, dass der von der Klägerin benannte Zeuge K. erklärt hat, nur etwa einmal im Monat seien die Sicherheitshandschuhe ausgegangen, Bedeutung zu. Selbst wenn die Klägerin jedoch regelmäßig mit Blut oder Speichel der behandelnden Pflegebedürftigen in Kontakt gekommen sein sollte, wäre erforderlich, dass der prozentuale Anteil an Hepatitis B-Erkrankungen höher ist als in der Allgemeinbevölkerung19. Dies war aber gerade nicht der Fall. Prof. Dr. L. führte diesbezüglich überdies überzeugend aus, dass auch bei unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen es nur mit geringer Wahrscheinlichkeit bei der Versorgung von Wunden oder beim Kontakt mit Wundsekret zu einer Infektion mit dem Hepatitis-B Virus gekommen sein könnte; in der Gesamtschau habe in keinem Fall eine über das normale Maß hinausgehende Hepatitis-Gefährdung bei der Tätigkeit im Pflegestift I. vorgelegen, da ein erhöhtes Infektionspotenzial im Arbeitsumfeld nicht festzustellen sei. Schließlich hat der Sachverständige auch darauf hingewiesen, dass Umstände aus dem privaten Lebensbereich zu würdigen sind, die möglicherweise zu einer Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus geführt haben können20.

Landessozialgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21. März 2012 – L 2 U 4715/09

  1. vgl. hierzu und zum Folgenden BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 7/08 R = SozR 4-5671 Anl. 1 Nr. 3101 Nr. 3 RdNr 14 ff.; LSG Baden-Württ., Urteil vom 19.10.2011 – L 2 U 1138/09[]
  2. vgl. BSG vom 27.06.2006 – B 2 U 20/04 R, BSGE 96, 291 = SozR 4-2700 § 9 Nr. 7; und BSG vom 09.05.2006 – B 2 U 1/05 R, BSGE 96, 196 = SozR 4-2700 § 8 Nr. 17[]
  3. BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 30/07 R = BSGE 103, 45 = SozR 4-5671 Anl. 1 Nr. 3101 Nr. 4 RdNr. 19 ff. m.w.N.[]
  4. BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 30/07 R, a.a.O.[]
  5. vgl. BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 30/07 R, a.a.O.; und LSG Baden-Württ., Urteil vom 19.10.2011 – L 2 U 1138/09[]
  6. vgl. BSG vom 13.09.2005 – B 2 U 6/05 R = SozR 4-2700 § 2 Nr. 7 RdNr. 11; BVerfG vom 04.04.2006 – 1 BvR 518/02 – BVerfGE 115, 320[]
  7. BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 30/07 R a.a.O. RdNr. 24[]
  8. BSG vom 02.04.2009, a.a.O., RdNr. 25[]
  9. BSG vom 02.04.2009 – B 2 U 30/07 R, a.a.O., RdNr. 34[]
  10. vgl. LSG Berlin-Brandenburg vom 08.09.2011 – L 3 U 287/09 unter Hinweis auf das Epidemiologische Bulletin des Robert Koch Instituts Nr. 29 vom 25.07.2001 „Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland: Virushepatitis B, C und D im Jahr 2010“, S. 261 f.; siehe auch: Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 8. Aufl. 2010, Anm. 9.2.2.2, S. 716: Durchseuchungsgrad 7,4%[]
  11. vgl. LSG Berlin-Brandenburg vom 08.09.2011 – L 3U 287/09 unter Hinweis auf Böhm/Jilg, Die Stabilität und Dauer der Infektiosität von Hepatitis A-Viren, Hepatitis B-Viren und Hepatitis C-Viren außerhalb des menschlichen Organismus als wichtige Kriterien für die Beurteilung des berufsbedingten Infektionsrisikos, in: Selmair/Manns, Virushepatitis als Berufskrankheit, 3. Aufl. 2007, S. 152, 154[]
  12. vgl. den RKI-Ratgeber für Ärzte „Hepatitis B“ Stand 02.08.2010; Schönberger/Mehrtens/Valentin, a.a.O. S. 716[]
  13. vgl. Epidemiologisches Bulletin Nr. 46 des Robert-Koch-Instituts vom 18.11.2005, S. 423; vgl. auch LSG Berlin-Brandenburg vom 08.09.2011 unter Hinweis auf Wasmuth/Trautwein, Vorgehen nach Nadelstichverletzung bei Hepatitis B- und C-Infektion in der Klinik, in: Selmair/Manns, a.a.O., S. 172[]
  14. Mehrtens/Brandenburg, Die Berufskrankheitenverordnung, Kommentar, M 3101, Anm. 12.1, Stand Januar 2010[]
  15. vgl. BSG vom 30.05.1988 – 2 RU 33/87 = NZA 1988, 823; und BSG vom 15.09.2011 – B 2 U 22/10 R unter Hinweis auf Schreier/Höhne, Hepatitis C – Epidemiologie und Prävention, Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 6/2001, S 558; Hessisches LSG vom 13.07.2010 – L 3 U 5/03 = PflR 2011, 135 ff.[]
  16. Arbeitsunfall und Berufskrankheit, 8. Aufl. 2010, S. 716[]
  17. vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a.a.O., S. 725 ff.[]
  18. vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a.a.O.[]
  19. vgl. Schönberger/Mehrtens/Valentin, a.a.O., S. 726 f.[]
  20. Bluttransfusion 1973, Tätowierungen 1998 und 1999, Hepatitis-B-Erkrankung des Vaters[]