Der Sozi­al­ge­richts­pro­zess und das feh­len­de Wider­spruchs­ver­fah­ren

Fehlt es an der nach § 78 Abs. 1 Satz 1 SGG bzw. § 78 Abs. 3 SGG erfor­der­li­chen Durch­füh­rung eines Vor­ver­fah­rens, ist die Kla­ge nach Ansicht des Sozi­al­ge­richts Mann­heim – ent­ge­gen der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts – als unzu­läs­sig abzu­wei­sen. Das Kla­ge­ver­fah­ren ist auch nicht aus­zu­set­zen, um Gele­gen­heit zu geben, das Wider­spruchs­ver­fah­ren durch­zu­füh­ren bzw. nach­zu­ho­len 1.

Der Sozi­al­ge­richts­pro­zess und das feh­len­de Wider­spruchs­ver­fah­ren

Die gegen­tei­li­ge Ansicht, wonach eine Kla­ge ohne Durch­füh­rung des Wider­spruchs­ver­fah­rens zwar unzu­läs­sig, das Ver­fah­ren aber bis zum Erlass des Wider­spruchs­be­schei­des aus­zu­set­zen ist, über­zeugt nicht. Jene Ansicht, die auf einem Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 18. Febru­ar 1964 2 grün­det und mit Urtei­len vom 22. Juni 1966 3, 3. März 1999 4 und 13. Dezem­ber 2000 5 bestä­tigt wor­den ist, führt zur Begrün­dung pau­schal ledig­lich die Pro­zess­öko­no­mie an. Wei­te­re Begrün­dun­gen lie­fert sie nicht.

Die höchst­ge­richt­li­che Recht­spre­chung hat sich am Maß­stab von Fäl­len gebil­det, in denen – wie hier – inner­halb der lau­fen­den Wider­spruchs­frist ledig­lich Kla­ge zum Sozi­al­ge­richt erho­ben wor­den ist, und hier­zu zutref­fend aus­ge­führt, dass in die­ser Kla­ge­er­he­bung zugleich auch ein Wider­spruch zu erbli­cken ist. Zu Unrecht wird die­se Ansicht jedoch in einen nicht vor­han­de­nen Sach­zu­sam­men­hang mit dem Fort­gang des gericht­li­chen Ver­fah­rens gestellt. Zwar lie­fe die Klä­ge­rin Gefahr, infol­ge Ver­säu­mung der Wider­spruchs­frist ihrer Rech­te ver­lus­tig zu gehen, wenn die Kla­ge nicht zugleich auch als Wider­spruch zu ver­ste­hen wäre. Es ist aber nicht ersicht­lich, war­um es „bei die­ser Rechts­la­ge … auch aus pro­zess­öko­no­mi­schen Grün­den gebo­ten“ sein soll, das gericht­li­che Ver­fah­ren bis zu einer Ent­schei­dung aus­zu­set­zen 6. Die über­kom­me­ne höchst­ge­richt­li­che Ansicht wür­digt nicht hin­rei­chend, dass das pro­zes­sua­le Schick­sal einer Kla­ge, die man­gels durch­ge­führ­ten Vor­ver­fah­rens als unzu­läs­sig abge­wie­sen wird, kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit des Wider­spruchs zei­tigt, der zugleich mit der Kla­ge erho­ben wor­den ist. Da Wider­spruch und Kla­ge auch dann, wenn sie wie in den höchst­ge­richt­lich ent­schie­de­nen Fäl­len in einem Schrift­satz gemein­sam erho­ben wer­den, eigen­stän­di­ge Rechts­be­hel­fe dar­stel­len, droht die Klä­ge­rin durch Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig kei­ner Rech­te ver­lus­tig zu gehen, die sie nicht auch mit dem wei­ter­hin zuläs­si­gen Wider­spruch und ggf. einer anschlie­ßen­den Gestal­tungs­kla­ge gel­tend machen kann. Die­se Rechts­ver­fol­gung wird durch das Pro­zes­sur­teil nicht berührt, weil nur die dadurch ent­schie­de­ne Pro­zess­fra­ge in mate­ri­el­le Rechts­kraft erwächst 7.

Der Auf­fas­sung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist außer­dem ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bis zum Erlass eines Wider­spruchs­be­scheid weder aus mate­ri­ell-recht­li­chen noch aus kos­ten­recht­li­chen Gesichts­punk­ten pro­zess­öko­no­misch ist.

Ein sol­ches Vor­ge­hen ent­spricht nicht dem Schutz­zweck der Ent­las­tung der Gerich­te (Fil­ter­funk­ti­on). Die­se wer­den zu einem Zeit­punkt in den Rechts­streit ein­be­zo­gen, der der gesetz­ge­be­ri­schen Ziel­set­zung wider­spricht. Wird die – unzu­läs­si­ge – Kla­ge nicht abge­wie­sen, son­dern das Ver­fah­ren aus­ge­setzt, ver­län­gert sich die gericht­li­che Ver­fah­rens­dau­er um die Dau­er des nach­zu­ho­len­den Vor­ver­fah­rens, in dem auch noch Ermitt­lun­gen not­wen­dig wer­den kön­nen. Wird dem Wider­spruch statt­ge­ge­ben, wur­de das Gericht unnö­ti­ger­wei­se mit einem Ver­fah­ren befasst 8.

Die nach höchst­rich­ter­li­cher Ansicht erfor­der­li­che Aus­set­zung des Ver­fah­rens hat zudem das in Art. 19 Abs. 4 GG ver­or­te­te Grund­recht auf wirk­sa­men Rechts­schutz zu beach­ten. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit sind strit­ti­ge Rechts­ver­hält­nis­se in ange­mes­se­ner Zeit zu klä­ren 9. Bei einer ableh­nen­den Wider­spruchs­ent­schei­dung wird das Ver­fah­ren um die Zeit, die das Wider­spruchs­ver­fah­ren benö­tigt, ver­län­gert, was ange­sichts der Ent­schä­di­gungs­pflicht des Staa­tes für über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­ern gemäß Art. 6 Abs. 1, 41 EMRK nicht pro­zess­öko­no­misch ist 10.

Die Aus­set­zung des Kla­ge­ver­fah­rens ist auch nicht erfor­der­lich, um effek­ti­ven Rechts­schutz zu gewäh­ren. Wei­gert sich eine Behör­de, einen Wider­spruchs­be­scheid zu erlas­sen oder braucht sie zu lan­ge, berech­tigt § 88 SGG die Klä­ge­rin zur Erhe­bung einer Untä­tig­keits­kla­ge. Im Fal­le der Eil­be­dürf­tig­keit kann einst­wei­li­ger Rechts­schutz gemäß § 86b SGG in Anspruch genom­men wer­den, des­sen Zuläs­sig­keit kein abge­schlos­se­nes Vor­ver­fah­ren vor­aus­setzt. Die höchst­ge­richt­lich erwo­ge­ne Ver­pflich­tung der Behör­de zur Wider­spruchs­ent­schei­dung durch Zwi­schen­ur­teil des Gerichts (§ 202 SGG i. V. m. § 303 ZPO) 4 stellt hier­zu kei­ne effek­ti­ve­re Rechts­schutz­mög­lich­keit dar und gleicht die Nach­tei­le mit Blick auf die Ver­fah­rens­dau­er nicht aus. Viel­mehr ist das Gericht infol­ge der Aus­set­zung des Ver­fah­rens bis zur Wider­spruchs­ent­schei­dung zusätz­lich gehal­ten, von Amts wegen zu prü­fen, ob das aus­ge­setz­te Ver­fah­ren wie­der auf­zu­neh­men ist 11.

Sozi­al­ge­richt Mann­heim, Urteil vom 4. April 2012 – S 10 AS 627/​12

  1. vgl. auch SG Stutt­gart, Gerichts­be­scheid vom 09.05.2011 – S 20 SO 1922/​11[]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 18.02.1964 – 11/​1 RA 90/​61[]
  3. vgl. BSG, Urteil vom 22.06.19966 – 3 RK 64/​62[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 03.03.1999 – B 6 KA 10/​98 R[][]
  5. vgl. BSG, Urteil vom 13.12.2000 – B 6 KA 1/​00 R[]
  6. vgl. BSG, Urteil vom 22.06.1966 – 3 RK 64/​62; BSG, Urteil vom 18.02.1964 – 11/​1 RA 90/​61 ver­bin­det die­se bei­den Erwä­gun­gen nur mit einem Semi­ko­lon[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 12.12.1990 – VIII ZB 42/​90[]
  8. vgl. Bin­der, in: Lüdtke (Hrsg.), Sozi­al­ge­richts­ge­setz, 3. Auf­la­ge 2009, § 78 Rn. 8[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.12.2010 – 1 BvR 404/​10, m. w. N.; Beschluss vom 20.07.2000 – 1 BvR 352/​00; Beschluss vom 17.11.1999 – 1BvR 1708/​99; Beschluss vom 6.5.1997 – 1 BvR 711/​96[]
  10. vgl. EGMR, Urteil vom 13.01.2011 – 397/​04, 2322/​07, m. w. N.[]
  11. vgl. Kel­ler, in: Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer (Hrsg.), Sozi­al­ge­richts­ge­setz, 9. Auf­la­ge 2008, § 114a Rn. 10a[]