Einst­wei­li­ger Rechts­schutz – und die Anhö­rungs­rü­ge

Es besteht kein gene­rel­ler Aus­schluss der Anhö­rungs­rü­ge gegen­über End­ent­schei­dun­gen im einst­wei­li­gen Rechts­schutz.

Einst­wei­li­ger Rechts­schutz – und die Anhö­rungs­rü­ge

Ins­be­son­de­re bestehen für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bei der Auf­fas­sung, im einst­wei­li­gen Rechts­schutz sei die Anhö­rungs­rü­ge gegen End­ent­schei­dun­gen bereits dann unstatt­haft, wenn es im Haupt­sa­che­ver­fah­ren noch zu einer Kor­rek­tur kom­men kön­ne, erheb­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken.

Es ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass auch zur Wah­rung der Sub­si­dia­ri­tät einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dung des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes vor­her gege­be­nen­falls eine Anhö­rungs­rü­ge zu erhe­ben 1 und die­se regel­mä­ßig statt­haft ist.

Dies folgt aus dem Rechts­staats­prin­zip in Ver­bin­dung mit Art. 103 Abs. 1 GG. Der Rechts­weg steht im Rah­men des all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruchs auch dafür offen, eine behaup­te­te Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör durch ein Gericht zu über­prü­fen 2.

Der Gesetz­ge­ber darf einen sol­chen Rechts­be­helf zwar auf die Über­prü­fung des nach Art. 103 Abs. 1 GG ver­fas­sungs­recht­lich Gebo­te­nen beschrän­ken. Ist die behaup­te­te Rechts­ver­let­zung im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes erfolgt, darf er auch vor­se­hen, das recht­li­che Gehör im Haupt­sa­che­ver­fah­ren nach­zu­ho­len, sofern dadurch kei­ne unzu­mut­ba­ren Nach­tei­le für die Rechts­ver­fol­gung im Übri­gen zu erwar­ten sind 3.

Der Gesetz­ge­ber darf zudem Vor­keh­run­gen gegen die miss­bräuch­li­che Nut­zung die­ses Rechts­be­helfs tref­fen, soweit dies eine tat­säch­lich wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le nicht in einer die Rechts­schutz­su­chen­den unzu­mut­ba­ren, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se erschwert 4.

Ein gene­rel­ler Aus­schluss der Anhö­rungs­rü­ge gegen­über End­ent­schei­dun­gen im einst­wei­li­gen Rechts­schutz folgt dar­aus aber nicht. Einen sol­chen hat der Gesetz­ge­ber in der Rege­lung der Statt­haf­tig­keit der Anhö­rungs­rü­ge in § 178a SGG bewusst nicht vor­ge­nom­men 5.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Juni 2016 – 1 BvR 3046/​15

  1. vgl. aus der jün­ge­ren Recht­spre­chung BVerfG, Beschluss vom 19.08.2015 – 1 BvR 1917/​15; Beschluss vom 17.07.2015 – 2 BvR 1245/​15[]
  2. vgl. BVerfGE 107, 395, 401[]
  3. vgl. BVerfGE 107, 395, 412 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 107, 395, 413 unter Bezug­nah­me auf BVerfGE 88, 118, 123 f.; 101, 397, 408[]
  5. vgl. BT-Drs. 15/​3706, S. 14[]
  6. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – II ZR 109/​11, BGHZ 192, 236[]