Pro­dukt­er­ken­nungs­sys­tems mit Sprach­aus­ga­be für Blin­de

Ist eine gesetz­li­che Kran­ken­kas­se dazu ver­pflich­tet, eine blin­de Klä­ge­rin mit einem Bar­code-Lese­ge­rät mit digi­ta­ler Sprach­aus­ga­be aus­zu­stat­ten? Anders als "Ein­kaufs­fuchs" für Blin­de auf Kas­sen­kos­ten">das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men sieht das Bun­des­so­zi­al­ge­richt einen sol­chen Anspruch des gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten aller­dings nur mit Ein­schrän­kun­gen:

Pro­dukt­er­ken­nungs­sys­tems mit Sprach­aus­ga­be für Blin­de

Das von der Klä­ge­rin begehr­te Bar­code­le­se­ge­rät kann ein Hilfs­mit­tel der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung im Sin­ne des § 33 Abs 1 SGB V sein, denn es ist grund­sätz­lich geeig­net, die Aus­wir­kun­gen einer Seh­be­hin­de­rung im Bereich der Grund­be­dürf­nis­se des täg­li­chen Lebens aus­zu­glei­chen bzw zu mil­dern. Die bis­her vom LSG getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen rei­chen aber nicht aus, um abschlie­ßend ent­schei­den zu kön­nen, ob die Ver­sor­gung mit dem begehr­ten Hilfs­mit­tel im Ein­zel­fall erfor­der­lich (§ 33 Abs 1 Satz 1 SGB V) und wirt­schaft­lich (§ 12 Abs 1 SGB V) ist.

Streit­ge­gen­stand im vor­lie­gend vom Bun­des­so­zi­al­geicht ent­schie­de­nen Ver­fah­ren ist der Anspruch der Klä­ge­rin auf Ver­sor­gung mit einem Bar­code­le­se­ge­rät bestehend aus einem omni­di­rek­tio­na­len Strich­code-Hand­scan­ner, einer Sprach­aus­ga­be, einer aus­tausch­ba­ren Spei­cher­kar­te mit aktu­el­lem Daten­be­stand und einem Akku. Rechts­grund­la­ge für die­ses Kla­ge­be­geh­ren ist § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V in der ab dem 1. April 2007 gel­ten­den Fas­sung des Art 1 Nr 17 GKV-Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­setz 1. Danach haben Ver­si­cher­te einen Anspruch auf Ver­sor­gung mit Hör­hil­fen, Kör­per­er­satz­stü­cken, ortho­pä­di­schen und ande­ren Hilfs­mit­teln, die im Ein­zel­fall erfor­der­lich sind, um den Erfolg der Kran­ken­be­hand­lung zu sichern, einer dro­hen­den Behin­de­rung vor­zu­beu­gen oder eine Behin­de­rung aus­zu­glei­chen, soweit die Hilfs­mit­tel nicht als all­ge­mei­ne Gebrauchs­ge­gen­stän­de des täg­li­chen Lebens anzu­se­hen oder nach § 34 Abs 4 SGB V aus­ge­schlos­sen sind. Dabei besteht ein Anspruch auf Ver­sor­gung mit Blick auf die "Erfor­der­lich­keit im Ein­zel­fall" nur, soweit das begehr­te Hilfs­mit­tel geeig­net, aus­rei­chend, zweck­mä­ßig und wirt­schaft­lich ist und das Maß des Not­wen­di­gen nicht über­schrei­tet; dar­über hin­aus­ge­hen­de Leis­tun­gen darf die Kran­ken­kas­se gemäß § 12 Abs 1 SGB V nicht bewil­li­gen 2. Der gel­tend gemach­te Anspruch betrifft kon­kret das Ver­sor­gungs­ziel des Behin­de­rungs­aus­gleichs (§ 33 Abs 1 Satz 1, 03. Vari­an­te SGB V).

Das Bar­code­le­se­ge­rät ist kei­ne Seh­hil­fe im Sin­ne des § 33 Abs 2 SGB V, so dass des­sen ein­schrän­ken­de Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt sein müs­sen. Aller­dings kann die Abgren­zung zwi­schen Hilfs­mit­teln im Sin­ne des § 33 Abs 1 SGB V und Seh­hil­fen im Sin­ne des § 33 Abs 2 SGB V nach der mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2004 vor­ge­nom­me­nen Ände­rung des § 33 SGB V durch das GKV-Moder­ni­sie­rungs­ge­setz 3 nicht mehr – wie frü­her – offen blei­ben 4. Denn Seh­hil­fen im Sin­ne des § 33 Abs 2 SGB V sind Hilfs­mit­tel, für die heu­te beson­de­re – ein­schrän­ken­de – Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen gel­ten. Unter den Begriff der Seh­hil­fe sind nur sol­che säch­li­chen Mit­tel zu sub­su­mie­ren, die das Rest­seh­ver­mö­gen ver­stär­ken (zB Bril­len, Kon­takt­lin­sen, Lupen, Lupen­bril­len), wäh­rend Hilfs­mit­tel, die das behin­de­rungs­be­dingt ein­ge­schränk­te Sehen durch das Anspre­chen ande­rer Kör­per­funk­tio­nen aus­glei­chen (Hören, tak­ti­ler Sinn), als Hilfs­mit­tel im Sin­ne des § 33 Abs 1 SGB V anzu­se­hen sind. Bereits der Wort­sinn "Seh-Hil­fe" lässt erken­nen, dass es sich um Mit­tel zur Unter­stüt­zung des Seh­ver­mö­gens han­delt. Die­sem Begriffs­ver­ständ­nis ent­spricht auch die in ande­ren Rege­lungs­zu­sam­men­hän­gen vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung. So wer­den in § 17 Abs 2 der Ver­ord­nung über die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln und über Ersatz­leis­tun­gen nach dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz (Ortho­pä­die­ver­ord­nung) in der Fas­sung durch die Zwei­te Ver­ord­nung zur Ände­rung der Ortho­pä­die­ver­ord­nung 5 unter der Bezeich­nung "Seh­hil­fen" nur Hilfs­mit­tel auf­ge­führt, die das Rest­seh­ver­mö­gen ver­stär­ken (Fern­rohr­bril­len, Lupen, Bild­schirm-Lese­ge­rä­te). Dage­gen wer­den Gerä­te, die Text in Spra­che umset­zen, in § 17a Ortho­pä­die­ver­ord­nung als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hil­fen bezeich­net. Auch Zif­fer 4 der Anla­ge 5 Bun­des­bei­hil­fe­ver­ord­nung 6 lis­tet unter dem Begriff der Seh­hil­fen ledig­lich Hil­fen zur Ver­bes­se­rung der (Rest-)Sehschärfe, aber kei­ne sons­ti­gen Hilfs­mit­tel auf, die ande­re Kör­per­funk­tio­nen unter­stüt­zen und nur mit­tel­bar Defi­zi­te des behin­de­rungs­be­dingt ein­ge­schränk­ten Sehens aus­glei­chen kön­nen.

Der Ver­sor­gungs­an­spruch nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V besteht weder allein auf­grund der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­ord­nung (§ 73 Abs 2 Satz 1 Nr 7 SGB V) des Bar­code­le­se­ge­rä­tes Typ "Ein­kaufs­Fuchs" noch auf­grund der Auf­lis­tung die­ses Gerä­tes im Heil­mit­tel­ver­zeich­nis (§ 139 SGB V). Den Kran­ken­kas­sen steht viel­mehr ein eige­nes Ent­schei­dungs­recht zu, ob ein Hilfs­mit­tel nach Maß­ga­be des § 33 SGB V zur medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on, also zur Siche­rung des Erfol­ges der Kran­ken­haus­be­hand­lung, zur Vor­beu­gung gegen eine dro­hen­de Behin­de­rung oder zum Aus­gleich einer bestehen­den Behin­de­rung, im Ein­zel­fall erfor­der­lich ist; dabei kön­nen die Kran­ken­kas­sen zur Klä­rung medi­zi­nisch-the­ra­peu­ti­scher Fra­gen den Medi­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­ver­si­che­rung nach § 275 Abs 3 SGB V ein­schal­ten 7. Das vom Spit­zen­ver­band Bund der Kran­ken­kas­sen auf der Grund­la­ge von § 139 SGB V erstell­te Heil­mit­tel­ver­zeich­nis (HMV) legt die Leis­tungs­pflicht der GKV gegen­über den Ver­si­cher­ten eben­falls nicht ver­bind­lich und abschlie­ßend fest. Es schließt weder Hilfs­mit­tel von der Ver­sor­gung der Ver­si­cher­ten aus, die den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen des § 33 SGB V genü­gen 8, noch besteht ein Anspruch der Ver­si­cher­ten auf Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln, die zwar im HMV ver­zeich­net, für die aber nicht die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 33 SGB V erfüllt sind. Daher sind die für das unter der Posi­ti­ons­num­mer 7.99.04.2001 gelis­te­te Bar­code­le­se­ge­rät "Ein­kaufs­Fuchs" im Heil­mit­tel­ver­zeich­nis for­mu­lier­te Beschrän­kung (Ein­kaufs­hil­fe im Rah­men der selb­stän­di­gen Lebens­füh­rung unter Berück­sich­ti­gung ele­men­ta­rer Grund­be­dürf­nis­se) und der Leis­tungs­aus­schluss bei Nut­zung des Hilfs­mit­tels aus­schließ­lich zur Orga­ni­sa­ti­on der Woh­nung für den klä­ge­ri­schen Anspruch ohne Bedeu­tung.

Ob die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung des Bar­code­le­se­ge­rä­tes als Hilfs­mit­tel zum Behin­de­rungs­aus­gleich im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall erfüllt sind, kann anhand der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des LSG nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den. Aller­dings ist ein Bar­code­le­se­ge­rät grund­sätz­lich geeig­net, die Aus­wir­kun­gen einer Seh­be­hin­de­rung bei einem nicht seit Geburt erblin­de­ten bzw seh­be­hin­der­ten Men­schen aus­zu­glei­chen. Der Behin­de­rungs­aus­gleich nach § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V hat dabei zwei Ziel­rich­tun­gen:

Im Vor­der­grund steht der Aus­gleich der aus­ge­fal­le­nen oder beein­träch­tig­ten Kör­per­funk­ti­on selbst. Bei die­sem sog unmit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich gilt das Gebot eines mög­lichst weit­ge­hen­den Aus­gleichs des Funk­ti­ons­de­fi­zits und zwar unter Berück­sich­ti­gung des aktu­el­len Stands des medi­zi­ni­schen und tech­ni­schen Fort­schritts 9. Dabei kann die Ver­sor­gung mit einem fort­schritt­li­chen, tech­nisch wei­ter­ent­wi­ckel­ten Hilfs­mit­tel nicht mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, der bis­her erreich­te Ver­sor­gungs­stan­dard sei aus­rei­chend, solan­ge ein Aus­gleich der Behin­de­rung nicht voll­stän­dig im Sin­ne des Gleich­zie­hens mit einem nicht behin­der­ten Men­schen erreicht ist 10. Die geson­der­te Prü­fung, ob mit der vor­ge­se­he­nen Ver­wen­dung ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens betrof­fen ist, ent­fällt in Fäl­len der Erst­aus­stat­tung mit Hilfs­mit­teln zum unmit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich, weil sich die unmit­tel­bar aus­zu­glei­chen­de Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung selbst immer schon auf ein Grund­be­dürf­nis bezieht 11.

Dane­ben kön­nen Hilfs­mit­tel den Zweck haben, die direk­ten und indi­rek­ten Fol­gen einer Behin­de­rung aus­zu­glei­chen. Im Rah­men die­ses sog mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleichs geht es nicht um einen Aus­gleich im Sin­ne des voll­stän­di­gen Gleich­zie­hens mit den letzt­lich unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten eines gesun­den Men­schen. Denn Auf­ga­be der GKV ist in allen Fäl­len allein die medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on (vgl. § 1 SGB V, § 6 Abs 1 Nr 1 i.V.m. § 5 Nr 1 SGB IX), also die mög­lichst weit­ge­hen­de Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit und der Organ­funk­tio­nen ein­schließ­lich der Siche­rung des Behand­lungs­er­fol­ges, um ein selb­stän­di­ges Leben füh­ren und die Anfor­de­run­gen des All­tags meis­tern zu kön­nen. Eine dar­über hin­aus­ge­hen­de beruf­li­che oder sozia­le Reha­bi­li­ta­ti­on ist hin­ge­gen Auf­ga­be ande­rer Sozi­al­leis­tungs­sys­te­me 12. Ein Hilfs­mit­tel zum mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich ist daher von der GKV nur zu gewäh­ren, wenn es die Aus­wir­kun­gen der Behin­de­rung im gesam­ten täg­li­chen Leben besei­tigt oder mil­dert und damit ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens betrifft 13 – sog Basis­aus­gleich. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung gehö­ren zu den all­ge­mei­nen Grund­be­dürf­nis­sen des täg­li­chen Lebens das Gehen, Ste­hen, Sit­zen, Lie­gen, Grei­fen, Sehen, Hören, Nah­rungs­auf­neh­men, Aus­schei­den, die ele­men­ta­re Kör­per­pfle­ge, das selb­stän­di­ge Woh­nen sowie die Erschlie­ßung eines gewis­sen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums 14.

Nach Maß­ga­be die­ser Grund­sät­ze geht es im vor­lie­gen­den Fall um ein Hilfs­mit­tel zum mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich, weil das Bar­code­le­se­ge­rät nicht das behin­de­rungs­be­dingt stark ein­ge­schränk­te Seh­ver­mö­gen wie­der­her­stel­len kann, son­dern die aus­ge­fal­le­ne bzw ein­ge­schränk­te Kör­per­funk­ti­on durch Nut­zung des nicht beein­träch­tig­ten Hör­ver­mö­gens kom­pen­siert, indem die auf Gegen­stän­den befind­li­chen und in Strich­codes ver­schlüs­sel­ten Infor­ma­tio­nen über eine Sprach­aus­ga­be für den seh­be­hin­der­ten Men­schen hör­bar gemacht wer­den. Der Ersatz eines aus­ge­fal­le­nen bzw beein­träch­tig­ten Sin­nes durch die Nut­zung eines intak­ten ande­ren Sin­nes stellt sich als mit­tel­ba­rer Behin­de­rungs­aus­gleich dar 15.

Betrof­fen sind im vor­lie­gen­den Fall das all­ge­mei­ne Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens und die dazu erfor­der­li­che Erschlie­ßung eines gewis­sen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums. Das all­ge­mei­ne Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens umfasst die kör­per­li­chen und geis­ti­gen Fähig­kei­ten, die not­wen­dig sind, um ohne frem­de Hil­fe im häus­li­chen Umfeld ver­blei­ben zu kön­nen. Der dazu erfor­der­li­che kör­per­li­che Frei­raum beinhal­tet die Fähig­keit, sich in der eige­nen Woh­nung zu bewe­gen, die Woh­nung zu ver­las­sen, um bei einem kur­zen Spa­zier­gang "an die fri­sche Luft zu kom­men" oder um die – übli­cher­wei­se im Nah­be­reich der Woh­nung lie­gen­den – Stel­len zu errei­chen, an denen All­tags­ge­schäf­te zu erle­di­gen sind und in die Woh­nung zurück­zu­keh­ren. Zu dem für das selb­stän­di­ge Woh­nen erfor­der­li­chen geis­ti­gen Frei­raum zählt ua die Fähig­keit, die für eine selb­stän­di­ge Lebens- und Haus­halts­füh­rung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen erhal­ten bzw auf­neh­men zu kön­nen. Das Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens kann jedoch nur ver­wirk­licht wer­den, wenn bestimm­te Grund­vor­aus­set­zun­gen im Sin­ne von ele­men­ta­ren Rah­men­be­din­gun­gen erfüllt sind. Die­se Grund­vor­aus­set­zun­gen sind übli­cher­wei­se dem haus­wirt­schaft­li­chen Bereich zuzu­ord­nen. So setzt das selb­stän­di­ge Woh­nen ua vor­aus, dass Nah­rungs­mit­tel und Gegen­stän­de des täg­li­chen Bedarfs selb­stän­dig besorgt und im häus­li­chen Umfeld sach­ge­recht ver­wen­det wer­den kön­nen und dass die Woh­nung durch regel­mä­ßi­ges und aus­rei­chen­des Rei­ni­gen in einem gesund­heits­dien­li­chen Zustand gehal­ten wer­den kann. Die mög­lichst weit­ge­hen­de Erfül­lung die­ser Rah­men­be­din­gun­gen stellt sich als Annex zu dem all­ge­mei­nen Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens dar und fin­det Aus­druck in dem in § 14 Abs 4 Nr 4 SGB XI ent­hal­te­nen Rechts­ge­dan­ken. In § 14 Abs 4 SGB XI wer­den die für die Beur­tei­lung der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit maß­ge­ben­den gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen im Ablauf des täg­li­chen Lebens unter­teilt nach den Berei­chen Kör­per­pfle­ge (Nr. 1), Ernäh­rung (Nr. 2), Mobi­li­tät (Nr. 3) und haus­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung (Nr. 4) auf­ge­zählt. Im Bereich der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung wer­den das Ein­kau­fen, Kochen, Rei­ni­gen der Woh­nung, Spü­len, Wech­seln und Waschen der Wäsche und Klei­dung oder das Behei­zen genannt. Unge­ach­tet der unter­schied­li­chen Ziel­set­zung der GKV (Bewäl­ti­gung von Krank­heit und ihren Fol­gen) und der gesetz­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung (par­ti­el­le Abde­ckung des Risi­kos der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit) wer­den mit den in § 14 Abs 1 und 4 SGB XI genann­ten gewöhn­li­chen und regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Ver­rich­tun­gen des täg­li­chen Lebens Berei­che bezeich­net, die für die phy­si­sche Exis­tenz des Men­schen uner­läss­lich sind und die der Erfül­lung sei­ner Grund­be­dürf­nis­se, ein­schließ­lich der auf die Per­son bezo­ge­nen haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung, die­nen 16. Die in § 14 Abs 4 Nr 4 SGB XI auf­ge­zähl­ten haus­wirt­schaft­li­chen Ver­rich­tun­gen gewähr­leis­ten die ele­men­ta­re Lebens­füh­rung zu Hau­se 17 und sind daher als für das Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens uner­läss­li­che Grund­vor­aus­set­zun­gen zu wer­ten. Die unein­ge­schränk­te Wahr­neh­mung die­ser Ver­rich­tun­gen ist auch nach dem ICF-Modell der WHO Teil der funk­tio­na­len Gesund­heit des Men­schen 18.

Wegen der auf die medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on beschränk­ten Zustän­dig­keit der GKV erstreckt sich deren Leis­tungs­pflicht aller­dings zum einen nur auf die für ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens unab­ding­ba­ren haus­wirt­schaft­li­chen Ver­rich­tun­gen. Zum ande­ren begrün­den behin­de­rungs­be­ding­te Ein­schrän­kun­gen im Bereich der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­rich­tun­gen für sich genom­men noch kei­ne Leis­tungs­pflicht der GKV im Rah­men des mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleichs. Eben­so wie die Pfle­ge­be­dürf­tig­keit nicht allein durch einen Hil­fe­be­darf im Bereich der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung begrün­det wird, son­dern einen zusätz­li­chen Hil­fe­be­darf im Bereich der Grund­ver­sor­gung (§ 14 Abs 4 Nr 1 bis 3 SGB XI) ver­langt 19, setzt die Leis­tungs­pflicht der GKV nach § 33 Abs 1 SGB V vor­aus, dass die durch das begehr­te Hilfs­mit­tel ermög­lich­te haus­wirt­schaft­li­che Ver­rich­tung not­wen­dig ist, um ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens sicher­zu­stel­len.

Die für das selb­stän­di­ge Woh­nen ele­men­ta­ren haus­wirt­schaft­li­chen Ver­rich­tun­gen set­zen eine unein­ge­schränk­te visu­el­le Wahr­neh­mung vor­aus. Das gilt sowohl für die Wahr­neh­mung, dass bestimm­te Ver­rich­tun­gen not­wen­dig sind (zB. Ver­schmut­zungs­grad der Woh­nung), als auch für die bei Aus­übung der jewei­li­gen Ver­rich­tung not­wen­di­gen Arbeits­schrit­te (zB. Aus­wahl der Rei­ni­gungs­mit­tel, Aus­wahl der Zuta­ten beim Kochen). Die­se Wahr­neh­mungs­mög­lich­keit ist bei einem seh­be­hin­der­ten Men­schen auf­ge­ho­ben bzw beein­träch­tigt. Durch ein Bar­code­le­se­ge­rät kön­nen die­se Ein­schrän­kun­gen grund­sätz­lich aus­ge­gli­chen bzw gemil­dert wer­den, indem die für ele­men­ta­re haus­wirt­schaft­li­che Ver­rich­tun­gen erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen über ein­zel­ne Pro­duk­te und Gegen­stän­de mit­tels einer Sprach­aus­ga­be für den seh­be­hin­der­ten Men­schen zugäng­lich gemacht wer­den (sog. erset­zen­der Aus­gleich). Auf die­se Wei­se kön­nen zB die für das Sau­ber­hal­ten der Woh­nung und Klei­dung not­wen­di­gen Rei­ni­gungs­mit­tel zutref­fend aus­ge­wählt sowie sach­ge­recht und vor allem gefah­ren­frei ver­wen­det wer­den. Die genaue Kennt­nis des Pro­dukt­in­halts ist gera­de bei der Ver­wen­dung von Rei­ni­gungs­mit­teln von Bedeu­tung, deren unsach­ge­mä­ße Ver­wen­dung zu Gesund­heits­schä­den füh­ren kann (zB bei ätzen­den Flüs­sig­kei­ten). Auch die haus­wirt­schaft­li­che Ver­rich­tung des Kochens als Vor­stu­fe zum aner­kann­ten Grund­be­dürf­nis der Nah­rungs­auf­nah­me wird durch ein Bar­code­le­se­ge­rät nicht nur unwe­sent­lich erleich­tert, son­dern teil­wei­se erst ermög­licht. Denn Vor­aus­set­zung für die selb­stän­di­ge Nah­rungs­zu­be­rei­tung ist eine zutref­fen­de Aus­wahl und Abmes­sung der Spei­sen und Zuta­ten.

Dar­über hin­aus ist ein Bar­code­le­se­ge­rät grund­sätz­lich auch geeig­net, die infol­ge einer Seh­be­hin­de­rung bestehen­den Ein­schrän­kun­gen bei der Erschlie­ßung des für das selb­stän­di­ge Woh­nen erfor­der­li­chen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums aus­zu­glei­chen. Soweit nach der Recht­spre­chung des Senats der kör­per­li­che Frei­raum im Sin­ne eines Basis­aus­gleichs auch die Fähig­keit umfasst, die eige­ne Woh­nung zu ver­las­sen, um die – übli­cher­wei­se im Nah­be­reich der Woh­nung lie­gen­den – Stel­len zu errei­chen, an denen All­tags­ge­schäf­te zu erle­di­gen sind 20, bezo­gen sich die­se Ent­schei­dun­gen jeweils auf Fall­kon­stel­la­tio­nen, in denen die kör­per­li­che Bewe­gungs­frei­heit auf­grund einer Behin­de­rung ein­ge­schränkt war. In die­sen Fäl­len war und ist es Auf­ga­be der GKV im Rah­men des geschul­de­ten Basis­aus­gleichs, die Mobi­li­tät des behin­der­ten Men­schen von der Woh­nung zu den Orten im Nah­be­reich sicher­zu­stel­len, an denen All­tags­ge­schäf­te erle­digt wer­den kön­nen. Ist dage­gen nicht die Bewe­gungs­fä­hig­keit als sol­che, son­dern – wie im vor­lie­gen­den Fall – die Sin­nes­wahr­neh­mung infol­ge einer Behin­de­rung auf­ge­ho­ben bzw beein­träch­tigt, ist in der Regel nicht die Fort­be­we­gung zu einem Ort, an dem All­tags­ge­schäf­te erle­digt wer­den kön­nen, son­dern die Betä­ti­gung der All­tags­ge­schäf­te selbst ein­ge­schränkt. In die­sen Fall­kon­stel­la­tio­nen erfor­dert der in die Zustän­dig­keit der GKV fal­len­de Basis­aus­gleich, dass der behin­der­te Mensch nicht nur befä­higt wird, die Orte, an denen All­tags­ge­schäf­te zu erle­di­gen sind, im Sin­ne der Fort­be­we­gung zu errei­chen, son­dern dass ihm auch die Täti­gung des All­tags­ge­schäfts selbst ermög­licht wird. Der Basis­aus­gleich umfasst in die­sem Bereich auch die Mög­lich­keit zur Wahr­neh­mung der für eine selb­stän­di­ge Lebens- und Haus­halts­füh­rung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen. Hier­zu zäh­len Infor­ma­tio­nen über Gegen­stän­de des täg­li­chen Bedarfs, Grund­nah­rungs­mit­tel, Pro­duk­te zur ele­men­ta­ren Kör­per­pfle­ge und zur Rei­ni­gung von Woh­nung und Klei­dung. Die Wahr­neh­mung die­ser Infor­ma­tio­nen ist bei der Beschaf­fung und Ver­wen­dung der genann­ten Gegen­stän­de sicher­zu­stel­len. Zur Beschaf­fung zählt der Ein­kauf – damit ist jedoch weder eine Aner­ken­nung des Ein­kau­fens als all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens noch die Ermög­li­chung von Ein­käu­fen jeder Art durch Hilfs­mit­tel der GKV ver­bun­den. Zu gewähr­leis­ten ist von der GKV viel­mehr nur die Mög­lich­keit des Ein­kaufs als All­tags­ge­schäft, dh die Beschaf­fung von Lebens­mit­teln und Gegen­stän­den des täg­li­chen Bedarfs (Defi­ni­ti­on des All­tags­ge­schäfts: BSG SozR 3 – 1200 § 33 Nr 1 S 5), soweit die Befä­hi­gung hier­zu auf­grund einer Behin­de­rung auf­ge­ho­ben bzw ein­ge­schränkt ist und durch das Hilfs­mit­tel aus­ge­gli­chen wer­den kann.

Die mit dem Bar­code­le­se­ge­rät abruf­ba­ren Infor­ma­tio­nen (z.B. Name bzw Pro­dukt­be­zeich­nung, Her­stel­ler und Men­gen­an­ga­be) sind ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beklag­ten auch nicht uner­heb­lich, denn sie ermög­li­chen einem seh­be­hin­der­ten Men­schen einen weit­ge­hend selb­stän­di­gen Ein­kauf von Lebens­mit­teln und Gegen­stän­den des täg­li­chen Bedarfs und damit eine über­wie­gend selb­stän­di­ge Haus­halts­füh­rung. Damit ggf nicht ent­schlüs­sel­ba­re Infor­ma­tio­nen über den Preis und die Min­dest­halt­bar­keit von Lebens­mit­teln kön­nen im Geschäft leicht erfragt wer­den. Zudem ist davon aus­zu­ge­hen, dass Lebens­mit­tel in aller Regel nicht außer­halb der Min­dest­halt­bar­keits­dau­er ange­bo­ten wer­den. Im Hin­blick auf die per­sön­li­che Haus­halts­ge­stal­tung und Vor­rats­hal­tung kön­nen über­dies zusätz­li­che wesent­li­che Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen – wie etwa das Ein­kaufs­da­tum – zu Hau­se durch Ver­wen­dung der mit­ge­lie­fer­ten Strich­code­eti­ket­ten ver­füg­bar gemacht wer­den.

Außer­dem ist die Ver­wen­dung des Bar­code­le­se­ge­rä­tes als Ein­kaufs­hil­fe nur eine von vie­len Ein­satz­mög­lich­kei­ten des Gerä­tes. Neben der schnel­len und ver­wechs­lungs­frei­en Iden­ti­fi­ka­ti­on käuf­lich erwor­be­ner Pro­duk­te und Gegen­stän­de des täg­li­chen Bedarfs im per­sön­li­chen Umfeld dient es all­ge­mein der Ori­en­tie­rung in der Woh­nung sowie der selb­stän­di­gen Orga­ni­sa­ti­on und Füh­rung des Haus­hal­tes. Die viel­fäl­ti­ge Ein­setz­bar­keit des Bar­code­le­se­ge­rä­tes wird ins­be­son­de­re durch die indi­vi­du­el­le Ver­wen­dung der mit­ge­lie­fer­ten Strich­code-Eti­ket­ten ermög­licht. Auf die­se Wei­se kann nahe­zu jeder Gegen­stand im per­sön­li­chen Umfeld eines seh­be­hin­der­ten Men­schen gekenn­zeich­net und die indi­vi­du­ell ver­ge­be­ne Infor­ma­ti­on jeder­zeit abge­ru­fen wer­den.

Die gene­rel­le Eig­nung eines Bar­code­le­se­ge­rä­tes zur Ver­wirk­li­chung des als Grund­be­dürf­nis aner­kann­ten selb­stän­di­gen Woh­nens und zur Schaf­fung des dazu erfor­der­li­chen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums wird weder durch die mög­li­che Hil­fe Drit­ter noch durch die dem seh­be­hin­der­ten Men­schen mög­li­chen sekun­dä­ren Sin­nes­wahr­neh­mun­gen in Fra­ge gestellt.

Dem Ver­weis des behin­der­ten Men­schen auf die Hil­fe Drit­ter steht bereits die Ziel­set­zung der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ent­ge­gen. Wesent­li­ches Ziel der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ist es, den behin­der­ten Men­schen von der Hil­fe ande­rer weit­ge­hend bzw deut­lich unab­hän­gi­ger zu machen 21. Daher kann der für die Leis­tungs­pflicht der GKV aus­schlag­ge­ben­de funk­tio­nel­le Gebrauchs­vor­teil eines Hilfs­mit­tels auch dar­in lie­gen, dass sich der behin­der­te Mensch durch das Hilfs­mit­tel ein bis dahin nur mit frem­der Hil­fe wahr­nehm­ba­res all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis (teil­wei­se) erschlie­ßen kann und somit befä­higt wird, ein selb­stän­di­ge­res Leben zu füh­ren. In die­se Rich­tung zie­len nun­mehr eben­falls Art 19 (Unab­hän­gi­ge Lebens­füh­rung und Ein­be­zie­hung in die Gemein­schaft) und Art 20 (Per­sön­li­che Mobi­li­tät) des "Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Natio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen". Die­ses Über­ein­kom­men und sein Fakul­ta­tiv­pro­to­koll sind für Deutsch­land nach Maß­ga­be des Ver­trags­ge­set­zes 22 seit 26. März 2009 ver­bind­lich.

Die Fähig­keit seh­be­hin­der­ter Men­schen unter Nut­zung der unbe­ein­träch­tig­ten sekun­dä­ren Sin­ne (Riech‑, Tast- und Hör­sinn), Ord­nungs­sys­te­me und Kenn­zeich­nungs­mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln, gleicht die Seh­be­hin­de­rung nur unzu­rei­chend aus. Zum einen wer­den hier­durch Ver­wechs­lun­gen bei der Iden­ti­fi­zie­rung von Gegen­stän­den nicht aus­ge­schlos­sen, weil das mensch­li­che Erin­ne­rungs­ver­mö­gen weder gren­zen­los noch unfehl­bar ist. Zum ande­ren sind Ent­wick­lung und Ein­hal­tung sol­cher Ord­nungs­sys­te­me häu­fig mit einem erheb­li­chen zeit­li­chen und intel­lek­tu­el­len Auf­wand ver­bun­den. Das Wie­der­auf­fin­den von Gegen­stän­den ist nur gewähr­leis­tet, wenn sich der behin­der­te Mensch einer stren­gen Ord­nung bei der Abla­ge und Ver­wah­rung der Gegen­stän­de unter­wirft 23. Die mit der Ent­wick­lung und Ein­hal­tung ent­spre­chen­der Ord­nungs­sys­te­me ver­bun­de­ne Mehr­be­las­tung kann im Ein­zel­fall sogar die Gren­ze des Zumut­ba­ren über­schrei­ten. Das gilt ins­be­son­de­re dann, wenn sich gele­gent­lich ande­re, mit den Ord­nungs­sys­te­men nicht ver­trau­te Per­so­nen besuchs­wei­se in der Woh­nung des seh­be­hin­der­ten Men­schen auf­hal­ten oder wenn mit den sekun­dä­ren Sin­nen die Pro­dukt­be­schaf­fen­heit nicht ein­deu­tig iden­ti­fi­zier­bar ist (zB. Kon­ser­ven­do­sen, Tetra­packs). Die Öff­nung der Ver­pa­ckung, um den Inhalt über den Riech­sinn wahr­zu­neh­men, wür­de nicht dem Vor­ge­hen im Rah­men einer nor­ma­len Haus­halts­füh­rung ent­spre­chen.

Letzt­lich ist die mensch­li­che Fähig­keit, die nicht von einer Behin­de­rung betrof­fe­nen Sin­ne zu sen­si­bi­li­sie­ren und beson­ders zu trai­nie­ren, zumin­dest in den Fäl­len begrenzt, in denen der Betrof­fe­ne – wie hier – nicht seit Geburt erblin­det bzw seh­be­hin­dert ist. Je älter der Betrof­fe­ne bei Ein­tritt der Erblin­dung bzw einer der Erblin­dung ver­gleich­ba­ren Seh­be­ein­träch­ti­gung ist, des­to schwie­ri­ger ist es für ihn, die in der Nut­zung ande­rer Sin­ne lie­gen­den Kom­pen­sa­ti­ons­mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen, weil Anpas­sungs- und Merk- sowie kogni­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit mit zuneh­men­dem Alter nach­las­sen 24.

Das zum mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich grund­sätz­lich geeig­ne­te Bar­code­le­se­ge­rät ist auch nicht als all­ge­mei­ner Gebrauchs­ge­gen­stand des täg­li­chen Lebens von der Sach­leis­tungs­pflicht der GKV aus­ge­nom­men. Die Ein­ord­nung als all­ge­mei­ner Gebrauchs­ge­gen­stand des täg­li­chen Lebens hängt davon ab, ob ein Gegen­stand bereits sei­ner Kon­zep­ti­on nach den Zwe­cken des § 33 Abs 1 Satz 1 SGB V die­nen soll oder – falls dies nicht so ist – den Bedürf­nis­sen erkrank­ter oder behin­der­ter Men­schen jeden­falls beson­ders ent­ge­gen­kommt und von kör­per­lich nicht beein­träch­tig­ten Men­schen prak­tisch nicht genutzt wird 25. Die für seh­be­hin­der­te Men­schen ange­bo­te­nen Bar­code­le­se­ge­rä­te sind nach ihrer Funk­ti­on und Bau­art spe­zi­ell auf die Bedürf­nis­se die­ser Grup­pe von behin­der­ten Men­schen zuge­schnit­ten. Anders als bei han­dels­üb­li­chen Bar­code­le­se­ge­rä­ten wird die in einem Strich­code ver­schlüs­sel­te Pro­dukt­in­for­ma­ti­on über eine Sprach­aus­ga­be für die Betrof­fe­nen hör­bar gemacht. Zudem kom­men han­dels­üb­li­che Bar­code­le­se­ge­rä­te nicht in pri­va­ten Haus­hal­ten, son­dern aus­schließ­lich im gewerb­li­chen Sek­tor zum Ein­satz und kön­nen bereits aus die­sem Grund nicht als all­ge­mei­ne Gebrauchs­ge­gen­stän­de des täg­li­chen Lebens ange­se­hen wer­den 26. Letzt­lich ist auch die Auf­nah­me des Gerä­tes in das HMV ein gewich­ti­ges Indiz dafür, dass es sich nicht um einen Gebrauchs­ge­gen­stand des täg­li­chen Lebens han­delt 27.

Ob ein Bar­code­le­se­ge­rät im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall erfor­der­lich ist, um die Fol­gen der Seh­be­hin­de­rung aus­zu­glei­chen, kann aller­dings anhand der bis­he­ri­gen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des LSG noch nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den.

Zum einen feh­len Fest­stel­lun­gen zur per­sön­li­chen Lebens­füh­rung und den Lebens­ver­hält­nis­sen der Klä­ge­rin. In die­sem Zusam­men­hang ist zu ermit­teln, ob die Klä­ge­rin mit ande­ren Per­so­nen in einem Haus­halt zusam­men­lebt und wie sie ihren All­tag, die Haus­halts­füh­rung sowie die damit zusam­men­hän­gen­den haus­wirt­schaft­li­chen Ver­rich­tun­gen bis­her orga­ni­siert und wahr­ge­nom­men hat. Dabei wird in medi­zi­ni­scher Hin­sicht auf­zu­klä­ren sein, wie sich das Alter der Klä­ge­rin bei Ein­tritt der Seh­be­hin­de­rung auf deren Fähig­keit aus­wirkt, das ein­ge­schränk­te Seh­ver­mö­gen durch die Nut­zung ande­rer Sin­ne zu kom­pen­sie­ren. Aller­dings wird das Lan­des­so­zi­al­ge­richt in die­sem Zusam­men­hang zu berück­sich­ti­gen haben, dass die vor­han­de­ne Hilfs­mit­tel­aus­stat­tung der Klä­ge­rin die behin­de­rungs­be­ding­ten Ein­schrän­kun­gen in Bezug auf das Grund­be­dürf­nis des selb­stän­di­gen Woh­nens nur unzu­rei­chend aus­gleicht. Das der Klä­ge­rin gewähr­te Vor­le­se­ge­rät mit Braille­zei­le ermög­licht ihr ledig­lich, die in Büchern und Zei­tun­gen ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen zu hören bzw über die Braille­zei­le zu ertas­ten. Auf Gegen­stän­den befind­li­che Auf­schrif­ten kön­nen auf die­se Art nicht wie­der­ge­ge­ben und erst Recht kei­ne eige­ne Kenn­zeich­nung vor­ge­nom­men wer­den.

Zum ande­ren bedarf es der Fest­stel­lung, wel­che Anfor­de­run­gen an die Bedie­nung eines Bar­code­le­se­ge­rä­tes gestellt wer­den und ob die Klä­ge­rin die­sen gerecht wird. Hier­bei wird das Lan­des­so­zi­al­ge­richt – aus­ge­hend von sei­nen bereits getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen – zugrun­de legen kön­nen, dass die Klä­ge­rin auf­grund ihres 2%igen Rest­seh­ver­mö­gens in der Lage ist, Kon­tras­te sowie Hell und Dun­kel wahr­zu­neh­men, so dass die durch das Bar­code­le­se­ge­rät nicht gewähr­leis­te­te Ori­en­tie­rung im Laden­ge­schäft über die vor­han­de­ne Sin­nes­wahr­neh­mung sicher­ge­stellt ist.

Auch die Wirt­schaft­lich­keit der Hilfs­mit­tel­ge­wäh­rung (§ 33 Abs 1 Satz 1 i.V.m. § 12 Abs 1 SGB V) lässt sich anhand der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des LSG nicht abschlie­ßend beur­tei­len. Die Sach­leis­tungs­pflicht nach § 33 Abs 1 SGB V beschränkt sich auf die kos­ten­güns­tigs­te Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung; es besteht also kein Anspruch auf Opti­mal­ver­sor­gung, son­dern nur auf aus­rei­chen­de, wirt­schaft­li­che und zweck­mä­ßi­ge Hilfs­mit­tel – § 12 Abs 1 SGB V 28. Soweit ein kos­ten­güns­ti­ge­res Hilfs­mit­tel zum Aus­gleich der Behin­de­rung funk­tio­nell eben­so geeig­net ist, besteht daher kein Anspruch auf die Ver­sor­gung mit einem teu­re­ren Hilfs­mit­tel 29. Sowohl der Umfang der kon­kre­ten Nut­zung des Bar­code­le­se­ge­rä­tes durch die Klä­ge­rin unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Ein­satz­mög­lich­kei­ten als auch die im Rah­men der Wirt­schaft­lich­keit vor­zu­neh­men­de Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­se bedin­gen des­halb noch wei­te­re Ermitt­lun­gen. Trotz der Bedeu­tung der durch ein Bar­code­le­se­ge­rät ver­mit­tel­ten Infor­ma­ti­on für seh­be­hin­der­te Men­schen bedarf es in Anbe­tracht des hohen Anschaf­fungs­prei­ses einer rela­tiv häu­fi­gen Nut­zung des Gerä­tes pro Tag, um des­sen Wirt­schaft­lich­keit beja­hen zu kön­nen. Fer­ner wird das LSG auf­zu­klä­ren haben, ob ande­re funk­tio­nal eben­so ein­setz­ba­re, aber kos­ten­güns­ti­ge­re Hilfs­mit­tel ange­bo­ten wer­den. In die­sem Zusam­men­hang wird zu prü­fen sein, ob das der Klä­ge­rin gewähr­te Vor­le­se­ge­rät mit einem auch zur mobi­len Nut­zung geeig­ne­ten Bar­code­mo­dul gekop­pelt wer­den kann und wel­che Kos­ten für die­se Zusatz­ver­sor­gung ggf anfal­len wür­den. Bei der Prü­fung einer Alter­na­tiv­ver­sor­gung wird das LSG neben der Pro­dukt­pa­let­te der Fir­ma S. GmbH auch die Ange­bo­te ande­rer Anbie­ter zu berück­sich­ti­gen haben. Ent­spre­chen­de Ver­sor­gungs­al­ter­na­ti­ven sind fest­zu­stel­len sowie hin­sicht­lich ihrer Nut­zungs­mög­lich­kei­ten und der Anschaf­fungs- und Betriebs­kos­ten zu ver­glei­chen.

Im Rah­men der abschlie­ßen­den Beur­tei­lung des klä­ge­ri­schen Anspruchs wird das LSG im Übri­gen wohl davon aus­ge­hen kön­nen, dass die Klä­ge­rin mit der Spe­zi­fi­zie­rung ihres Antra­ges auf die Gewäh­rung des Bar­code­le­se­ge­rä­tes "Ein­kaufs­Fuchs" der Fir­ma S. GmbH nicht die Gewäh­rung von Bar­code­le­se­ge­rä­ten ande­rer Her­stel­ler aus­schlie­ßen woll­te. Die Beschrän­kung war offen­sicht­lich der Beauf­tra­gung der Fir­ma S. GmbH mit der Durch­füh­rung des Antrags­ver­fah­rens geschul­det, ent­hält aber zumin­dest hilfs­wei­se den Antrag auf Gewäh­rung eines ver­gleich­ba­ren Gerä­tes ande­rer Her­stel­ler.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 10. März 2011 – B 3 KR 9/​10 R

  1. vom 26.03.2007, BGBl I 378[]
  2. vgl. auch BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – Sca­la­mo­bil[]
  3. vom 14.11.2003, BGBl I 2190[]
  4. vgl. BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 26 S 151; BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 18 S 90; BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 16 S 73 zu der bis 31.12.2003 gel­ten­den Rechts­la­ge[]
  5. vom 26.06.2001, BGBl I 1352[]
  6. vom 13.02.2009, BGBl I 326[]
  7. vgl. BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – Sca­la­mo­bil[]
  8. BSG SozR 4 – 2500 § 127 Nr 2 RdNr 10[]
  9. vgl. BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – RdNr 17 mwN – Sca­la­mo­bil[]
  10. BSGE 93, 183 = SozR 4 – 2500 § 33 Nr 8 RdNr 4 – C‑leg-Pro­the­se[]
  11. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 30 RdNr 11; BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 24 RdNr 18[]
  12. zum mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleich: BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – RdNr 18 mwN – Sca­la­mo­bil[]
  13. stän­di­ge Recht­spre­chung, zuletzt: BSG Urtei­le vom 07.10.2010 – B 3 KR 5/​10 RThe­ra­pie­drei­rad; und B 3 KR 13/​09 R[post] – [post id=27161]Scalamobil[]
  14. BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – RdNr 18 ff mwN – Sca­la­mo­bil[]
  15. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 30 RdNr 14 – Licht­si­gnal­an­la­ge[]
  16. BSGE 72, 261, 263 = SozR 3 – 2500 § 53 Nr 2 S 9[]
  17. ähn­lich: Udsching in ders, SGB XI, 03. Aufl 2010, § 14 RdNr 28[]
  18. Inter­na­tio­na­le Klas­si­fi­ka­ti­on der Funk­ti­ons­fä­hig­keit, Behin­de­rung und Gesund­heit – ICF, her­aus­ge­ge­ben vom Deut­schen Insti­tut für Medi­zi­ni­sche Doku­men­ta­ti­on und Infor­ma­ti­on , Stand Okto­ber 2005, Kapi­tel 6 – Häus­li­ches Leben – S 112 ff[]
  19. so schon der Ent­wurf des Pfle­ge-Ver­si­che­rungs­ge­set­zes vom 24.06.1993, BT-Drucks 12/​5262 S 97; Udsching, aaO, § 14 RdNr 41[]
  20. so erst­mals BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 31 S 187 – Roll­stuhl-Bike; zuletzt BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 27 RdNr 15 – Elek­troroll­stuhl und BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 13/​09 R – RdNr 18 – Sca­la­mo­bil[]
  21. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 27 RdNr 18[]
  22. vom 21.12.2008, BGBl II 2008 S 1419[]
  23. so schon BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 18 S 92 – Farb­er­ken­nungs­ge­rät[]
  24. vgl. "Mobil im All­tag", Bro­schü­re des Deut­schen Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­ver­ban­des, Mai 2010, S 14[]
  25. vgl. BSG Urteil vom 07.10.2010 – B 3 KR 5/​10 R, RdNr 25 – The­ra­pie­drei­rad; BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 30 RdNr 16 mwN[]
  26. BSG SozR 3 – 2500 § 33 Nr 19 S 103 f[]
  27. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 30 RdNr 17 ff[]
  28. vgl. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 19 RdNr 21[]
  29. BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 26 RdNr 17; BSG SozR 4 – 2500 § 33 Nr 19 RdNr 21[]