Unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­ches Fest­stel­lungs­ver­fah­ren gegen­über einem mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Drit­ten

Es gibt kei­ne spe­zi­el­le gesetz­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge, wel­che regelt, dass und unter wel­chen tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger befugt ist, einen fest­stel­len­den Ver­wal­tungs­akt über den Umfang von Leis­tungs­an­sprü­chen eines Ver­si­cher­ten gegen­über einem mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Drit­ten zu erlas­sen. Die­se Ermäch­ti­gung ergibt sich nicht dar­aus, dass er den Drit­ten zivil­recht­lich auf Auf­wen­dungs­er­satz ver­klagt (§§ 110, 111 SGB VII) oder der Drit­te vom Ver­si­cher­ten oder sei­nen Hin­ter­blie­be­nen auf Scha­dens­er­satz ver­klagt wird (§§ 104 bis 107 SGB VII). Nur dann, wenn die­ser Drit­te i.S.d. § 109 SGB VII statt des berech­tig­ten Ver­si­cher­ten einen Antrag auf die Fest­stel­lun­gen nach § 108 SGB VII gestellt hat oder statt des Ver­si­cher­ten ein Wider­spruchs- oder Sozi­al­ge­richts­ver­fah­ren betreibt (Ver­fah­rens- oder Pro­zess­stand­schaft), darf der Trä­ger nach Maß­ga­be der ihm im Rechts­ver­hält­nis zum Ver­si­cher­ten ein­ge­räum­ten Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen (ua §§ 102, 26 Abs. 5, 136 Abs. 1 SGB VII) die Fest­stel­lun­gen nach § 108 Abs. 1 SGB VII gegen­über dem Drit­ten tref­fen, der inso­weit an die Stel­le des Ver­si­cher­ten tritt. Hier­zu näher im Fol­gen­den:

Unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­ches Fest­stel­lungs­ver­fah­ren gegen­über einem mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Drit­ten

Die erfor­der­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge ergibt sich nicht aus §§ 112, 108 Abs. 1 SGB VII. Die Berufs­ge­nos­sen­schaft kann sich auch nicht auf § 109 Satz 1 SGB VII stüt­zen, da die­ser kei­ne Ein­griffs­er­mäch­ti­gung erteilt und zudem der Klä­ger sich befug­ter­ma­ßen ent­schie­den hat­te, von der (hier frag­li­chen) Befug­nis, Rech­te des Ver­si­cher­ten im eige­nen Namen gel­tend zu machen (Ver­fah­rens- oder Pro­zess­stand­schaft), kei­nen Gebrauch zu machen. Auch der rein ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­li­che § 12 Abs. 2 SGB X gibt kei­ne mate­ri­ell-recht­li­che Ermäch­ti­gung, die in einem frü­he­ren Ver­wal­tungs­ver­fah­ren unter­blie­be­ne Hin­zu­zie­hung einer Per­son durch Ein­lei­tung eines ande­ren Ver­wal­tungs­ver­fah­rens gegen­über die­ser zuvor ver­fah­rens­feh­ler­haft nicht bei­gezo­ge­nen Per­son dadurch zu "hei­len", dass die­ser ein belas­ten­der Ver­wal­tungs­akt erteilt wird. Die­se Rechts­la­ge bedarf kei­ner Kor­rek­tur.

§§ 112, 108 Abs. 1 SGB VII ent­hal­ten kei­ne Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für einen Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, gegen­über einer von ihm zivil­recht­lich auf Auf­wen­dungs­er­satz in Anspruch genom­me­nen Per­son einen Ver­wal­tungs­akt über den Umfang von aus einem Ver­si­che­rungs­fall ent­stan­de­nen Leis­tungs­an­sprü­chen des Ver­si­cher­ten zu erlas­sen. Der nach §§ 110, 111 SGB VII auf Auf­wen­dungs­er­satz ver­klag­te Bür­ger steht (wie auch der mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­te Schä­di­ger nach §§ 104 bis 107 SGB VII zum Ver­si­cher­ten) inso­weit allein in einem zivil­recht­li­chen Rechts­ver­hält­nis zum Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger.

Nach § 112 SGB VII "gilt" § 108 SGB VII über die Bin­dung der Gerich­te auch für die Ansprü­che nach den §§ 110, 111 SGB VII. Nach § 108 Abs. 1 SGB VII ist ein Gericht an eine unan­fecht­ba­re Ent­schei­dung nach dem SGB VII oder nach dem SGG dar­über gebun­den, ob ein Ver­si­che­rungs­fall vor­liegt, in wel­chem Umfang Leis­tun­gen zu erbrin­gen sind und ob der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger zustän­dig ist, wenn es (anders als im hier vom Bun­desx­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall) über Ersatz­an­sprü­che der in §§ 104 bis 107 SGB VII genann­ten Art zu ent­schei­den hat. Durch § 112 SGB VII wird somit die pro­zess­recht­li­che Bin­dungs­wir­kung von unan­fecht­bar gewor­de­nen Ver­wal­tungs­ak­ten in den Fäl­len des § 108 SGB VII auch für Auf­wen­dungs­er­satz­strei­tig­kei­ten nach §§ 110, 111 SGB VII ange­ord­net.

§ 108 Abs. 1 SGB VII – hier i.V.m. § 112 SGB VII – regelt nur die pro­zes­sua­le Bin­dung eines Arbeits- oder Zivil­ge­richts an "unan­fecht­bar" gewor­de­ne Ent­schei­dun­gen des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers oder der Gerich­te der Sozi­al­ge­richts­bar­keit über die drei in die­ser Vor­schrift genann­ten Rege­lungs­ge­gen­stän­de. Wel­che Ent­schei­dun­gen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger oder ein Sozi­al­ge­richt über­haupt und unter wel­chen Form‑, Ver­fah­rens- und Sach­vor­aus­set­zun­gen tref­fen darf, wird dort nicht ange­spro­chen.

"§ 108 über die Bin­dung der Gerich­te" (so § 112 SGB VII) macht ledig­lich den Ein­tritt der pro­zess­recht­li­chen Bin­dung des Arbeits- oder Zivil­ge­richts auch beim Streit über Auf­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che nach den §§ 110, 111 SGB VII von "einer unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung" eines Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers oder (nach­ge­hend) eines Gerichts iS des SGG über zumin­dest einen der in § 108 SGB VII genann­ten Rege­lungs­ge­gen­stän­de abhän­gig. Die­se Rege­lungs­ge­gen­stän­de gehö­ren aus­schließ­lich dem unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Rechts­ver­hält­nis des Ver­si­cher­ten mit dem Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger an. Des­sen oder des Sozi­al­ge­richts "Ent­schei­dung" muss gleich­wohl nicht nur für den Ver­si­cher­ten, son­dern auch für den vom Trä­ger auf Auf­wen­dungs­er­satz ver­klag­ten, mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Bür­ger "unan­fecht­bar" (also nicht not­wen­dig auch bin­dend bzw mate­ri­ell rechts­kräf­tig) gewor­den sein. Denn nur dann ist die in § 108 Abs. 1 SGB VII genann­te unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­che Vor­fra­ge "end­gül­tig" ent­schie­den, so dass das Arbeits- oder Zivil­ge­richt pro­zess­recht­lich dar­an gebun­den sein kann. Ist eine sol­che unan­fecht­ba­re Ent­schei­dung nach § 108 Abs. 1 SGB VII (noch) nicht ergan­gen, ver­pflich­tet Abs. 2 Satz 1 aaO das ange­ru­fe­ne Gericht, sein Ver­fah­ren aus­zu­set­zen, bis eine sol­che Ent­schei­dung ergan­gen ist. Falls zu die­sem Zeit­punkt ein Fest­stel­lungs­ver­fah­ren von einem dazu Berech­tig­ten noch nicht ein­ge­lei­tet ist, muss das Zivil- oder Arbeits­ge­richt nach Abs. 2 Satz 2 aaO dafür eine Frist bestim­men. Ver­streicht die­se, ohne dass ein dazu Berech­tig­ter das unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­che Fest­stel­lungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat, darf das Arbeits- oder Zivil­ge­richt sein aus­ge­setz­tes Gerichts­ver­fah­ren wie­der auf­neh­men und selbst in eige­ner Kom­pe­tenz auch über alle Vor­fra­gen i.S.d. § 108 Abs. 1 SGB VII ent­schei­den.

Soweit der Trä­ger die in § 108 Abs. 1 SGB VII genann­ten Gegen­stän­de regelt, wer­den die­se Ver­wal­tungs­ak­te für den Ver­si­cher­ten und für den davon nur mit­tel­bar betrof­fe­nen Drit­ten "unan­fecht­bar", falls bei­de nach jeweils amt­li­cher Bekannt­ga­be der Ent­schei­dung die gege­be­nen Rechts­be­hel­fe nicht oder erfolg­los ein­le­gen (vgl § 77 SGG). Hin­ge­gen ist uner­heb­lich, ob die im Regel­fall als Rechts­fol­ge der Unan­fecht­bar­keit eines Ver­wal­tungs­akts ein­tre­ten­de Bin­dungs­wir­kung des Ver­wal­tungs­akts für die am jewei­li­gen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren Betei­lig­ten (oder die mate­ri­el­le Rechts­kraft i.S.d. § 141 Abs. 1 SGG eines for­mell rechts­kräf­ti­gen sozi­al­ge­richt­li­chen Urteils) ein­tritt oder man­gels eines für alle oder eini­ge Betei­lig­te bin­dungs­fä­hi­gen Inhalts ganz oder teil­wei­se aus­schei­det.

Zur Rege­lung der genann­ten Gegen­stän­de setzt die Vor­schrift die­je­ni­gen Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen vor­aus, die das SGB VII (ua §§ 102, 26 Abs. 5 Satz 1, 136 Abs. 1) den Trä­gern gegen­über den Ver­si­cher­ten für die Fest­stel­lung eines Ver­si­che­rungs­fal­les, des ver­bands­zu­stän­di­gen Trä­gers oder über die Erbrin­gung von Leis­tungs­an­sprü­chen und deren Umfang ein­räumt. Eine Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge, sol­ches gegen­über Drit­ten zu regeln, fin­det sich dort nicht. Der Geset­zes­wort­laut des § 108 SGB VII ent­hält in Tat­be­stand und Rechts­fol­ge nicht ein­mal eine Andeu­tung, dass die­se Norm über den dar­ge­stell­ten Rege­lungs­in­halt hin­aus dem Trä­ger eine Befug­nis zum Erlass eines Ver­wal­tungs­ak­tes gegen­über einem mög­li­cher­wei­se haf­tungs­pri­vi­le­gier­ten Drit­ten ein­räu­men soll. Er lässt als Rechts­fol­ge nur die Begrün­dung einer auf bestimm­te Vor­fra­gen begrenz­ten pro­zess­recht­li­chen Bin­dungs­wir­kung für das Zivil- oder Arbeits­ge­richt erken­nen.

Die in einem Ver­fah­ren nach § 108 Abs. 1 SGB VII durch die zustän­di­ge Ver­wal­tung oder ggf bestä­tigt oder kor­ri­giert durch die sach­na­he Sozi­al­ge­richts­bar­keit getrof­fe­nen und unan­fecht­bar gewor­de­nen Ent­schei­dun­gen über einen der dort genann­ten Gegen­stän­de sol­len zur Ver­mei­dung von diver­gie­ren­den Ent­schei­dun­gen in einem nach­fol­gen­den zivil­ge­richt­li­chen Rechts­streit wegen Ersatz­an­sprü­chen nach §§ 104 bis 107 SGB VII und gemäß § 112 SGB VII auch im Rechts­streit um Auf­wen­dungs­er­satz zwi­schen dem Trä­ger und dem angeb­li­chen Schä­di­ger für das Arbeits- oder Zivil­ge­richt pro­zess­recht­lich bin­dend sein. Auch soll das Zivil­ge­richt davon ent­bun­den wer­den, die­se sozi­al­recht­li­chen Vor­fra­gen in eige­ner Zustän­dig­keit noch­mals zu über­prü­fen.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 31. Janu­ar 2012 – B 2 U 12/​11 R