Das vom Finanz­ge­richt falsch erfass­te Kla­ge­be­geh­ren

Nach § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO darf das Gericht über das Kla­ge­be­geh­ren nicht hin­aus­ge­hen, ist aber an die Fas­sung der Anträ­ge nicht gebun­den.

Das vom Finanz­ge­richt falsch erfass­te Kla­ge­be­geh­ren

Das Gericht darf danach dem Klä­ger nicht etwas zuspre­chen, das die­ser nicht bean­tragt hat; es darf dar­über hin­aus auch nicht über etwas ande­res ("ali­ud") ent­schei­den, als der Klä­ger durch sei­nen Antrag begehrt und zur Ent­schei­dung gestellt hat 1.

Die­ser Grund­satz gehört zur Grund­ord­nung des Ver­fah­rens. Ein Ver­stoß dage­gen zwingt zur Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Urteils, weil dadurch die Ord­nungs­mä­ßig­keit des gan­zen wei­te­ren Ver­fah­rens betrof­fen ist 2. Maß­geb­lich ist in der Regel allein der in der münd­li­chen Ver­hand­lung gestell­te Antrag 3.

Haben, wie im Streit­fall, die Betei­lig­ten zunächst ohne die Stel­lung eines Antrags münd­lich ver­han­delt und sodann ein­ver­nehm­lich auf die Durch­füh­rung einer wei­te­ren münd­li­chen Ver­hand­lung ver­zich­tet, sind die Kla­ge­an­trä­ge dem bis­he­ri­gen Betei­lig­ten­vor­brin­gen zu ent­neh­men. Die­se sind danach durch Aus­le­gung der Kla­ge­schrift oder der dar­in aus­drück­lich in Bezug genom­me­nen Schrift­stü­cke zu ermit­teln 4.

In der Aus­le­gung pro­zes­sua­ler Wil­lens­er­klä­run­gen, die im erst­in­stanz­li­chen Kla­ge­ver­fah­ren abge­ge­ben wor­den sind, ist das Revi­si­ons­ge­richt frei; es ist inso­weit nicht gemäß § 118 Abs. 2 FGO an die Aus­le­gung durch die Vor­in­stanz gebun­den 5.

Pro­zess­erklä­run­gen sind wie sons­ti­ge Wil­lens­er­klä­run­gen aus­le­gungs­fä­hig. Ziel der Aus­le­gung ist es, den wirk­li­chen Wil­len des Erklä­ren­den zu erfor­schen (§ 133 BGB). Dabei sind alle dem Finanz­ge­richt und dem Finanz­amt bekann­ten und ver­nünf­ti­ger­wei­se erkenn­ba­ren Umstän­de tat­säch­li­cher und recht­li­cher Art zu berück­sich­ti­gen 6.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall war nach dem Kla­ge­vor­brin­gen, ins­be­son­de­re nach dem Begrün­dungs­schrift­satz, völ­lig unzwei­fel­haft, dass die Klä­ge­rin den Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid nur inso­weit ange­foch­ten hat, als dar­in Son­der­be­triebs­aus­ga­ben des Gesell­schaf­ters F nicht berück­sich­tigt wor­den sind. Soweit das Finanz­ge­richt gleich­wohl den ange­foch­te­nen Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid in vol­lem Umfang auf­ge­ho­ben hat, ist es daher über das ein­deu­ti­ge Kla­ge­be­geh­ren hin­aus­ge­gan­gen.

Die dem Finanz­ge­richt unter­lau­fe­ne Unrich­tig­keit kann auch nicht vom Bun­des­fi­nanz­hof nach § 107 Abs. 1 FGO berich­tigt wer­den 7, weil sie nicht ähn­lich wie Schreib- oder Rechen­feh­ler offen­bar im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist.

Unter den in § 107 FGO ver­wen­de­ten Begriff "offen­ba­re Unrich­tig­keit" fal­len nach der Recht­spre­chung des BFH ‑ähn­lich wie bei der ver­gleich­ba­ren Vor­schrift des § 129 AO- alle mecha­ni­schen Feh­ler, die bei dem Erlass eines Urteils unter­lau­fen sind und die eben­so mecha­nisch, also ohne wei­te­re Prü­fung, erkannt und berich­tigt wer­den kön­nen. Die Berich­ti­gung darf nur dazu die­nen, den erklär­ten mit dem gewoll­ten Inhalt des Urteils in Ein­klang zu brin­gen. Da die Unrich­tig­keit "offen­bar" sein muss, schließt die ernst­li­che Mög­lich­keit eines Feh­lers in der Sach­ver­halts­er­mitt­lung, der Tat­sa­chen­wür­di­gung oder der Rechts­an­wen­dung eine Berich­ti­gung nach § 107 FGO aus 8.

Zwar ist den Ent­schei­dungs­grün­den zu ent­neh­men, dass auch das Finanz­ge­richt offen­bar davon aus­ge­gan­gen ist, dass vor­lie­gend nur die Son­der­be­triebs­aus­ga­ben des Gesell­schaf­ters F in Streit ste­hen. Da das Finanz­ge­richt indes das Finanz­amt betref­fend den Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid 2007 und den Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid 2007 zum Erlass von Ände­rungs­be­schei­den unter betrags­mä­ßi­ger Nen­nung des Ände­rungs­um­fangs ver­pflich­tet hat, hält es der Bun­des­fi­nanz­hof nicht für aus­ge­schlos­sen, dass es bezüg­lich der Ten­orie­rung der Anfech­tungs­kla­ge betref­fend den Gewer­be­steu­er­mess­be­scheid 2008 (und eben­so betref­fend die wei­te­ren Anfech­tungs­kla­gen) rechts­ir­rig davon aus­ge­gan­gen ist, dass nur die voll­stän­di­ge Auf­he­bung des Bescheids zur voll­um­fäng­li­chen Statt­ga­be des Kla­ge­be­geh­rens führt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Febru­ar 2017 – VII R 2/​15

  1. BFH, Beschluss vom 25.10.2011 – IV B 59/​10, Rz 14[]
  2. BFH, Urteil vom 19.05.2011 – III R 61/​09; BFH, Beschluss vom 25.10.2011 – IV B 59/​10[]
  3. BFH, Beschluss vom 25.10.2011 – IV B 59/​10[]
  4. BFH, Urteil vom 09.02.2011 – IV R 15/​08, BFHE 233, 290, BSt­Bl II 2011, 764, Rz 15[]
  5. BFH, Urtei­le vom 23.02.2012 – IV R 32/​09; und vom 20.11.2014 – IV R 47/​11, BFHE 248, 144, BSt­Bl II 2015, 532[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 248, 144, BSt­Bl II 2015, 532[]
  7. zur dies­be­züg­li­chen Zustän­dig­keit des BFH im Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de: BFH, Beschluss vom 25.10.2011 – IV B 59/​10, Rz 20[]
  8. BFH, Beschluss vom 25.10.2011 – IV B 59/​10, Rz 19, m.w.N.[]