Das Zwi­schen­ur­teil des Finanz­ge­richts

Die Ent­schei­dung durch Zwi­schen­ur­teil über eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Sach- oder Rechts­fra­ge i.S. von § 99 Abs. 2 FGO setzt nicht nur vor­aus, dass dies sach­dien­lich ist, son­dern dar­über hin­aus, dass Klä­ger oder Beklag­ter nicht wider­spre­chen.

Das Zwi­schen­ur­teil des Finanz­ge­richts

Letz­te­res erfor­dert wie­der­um, dass das Gericht die wider­spruchs­be­rech­tig­ten Betei­lig­ten über sei­ne Absicht, ein Zwi­schen­ur­teil zu erlas­sen, in Kennt­nis setzt 1.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof beur­teil­ten Fall hat­te das Finanz­ge­richt in der münd­li­chen Ver­hand­lung die Betei­lig­ten befragt, ob sie mit einem Zwi­schen­ur­teil ein­ver­stan­den sei­en. Der fach­kun­dig ver­tre­te­nen Klä­ge­rin war mit­hin die Mög­lich­keit eröff­net, grund­sätz­lich oder hin­sicht­lich bestimm­ter Rechts­fra­gen einer Ent­schei­dung durch Zwi­schen­ur­teil zu wider­spre­chen. Davon hat sie kei­nen Gebrauch gemacht.

Eine Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) ergab sich im vor­lie­gen­den Fall auch nicht des­halb unter dem Gesichts­punkt einer Über­ra­schungs­ent­schei­dung, weil das Finanz­ge­richt ein Zwi­schen­ur­teil nach § 99 Abs. 2 FGO erlas­sen hat, obwohl der Bericht­erstat­ter in einem Tele­fo­nat den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin weni­ge Tage vor der münd­li­chen Ver­hand­lung "avi­siert" habe, dass mit einem Teil­ur­teil gerech­net wer­den kön­ne.

Eine Über­ra­schungs­ent­schei­dung ist gege­ben, wenn das Finanz­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung auf einen bis dahin nicht erör­ter­ten recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt stützt und damit dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit der auch ein kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht rech­nen muss­te 2.

Das Finanz­ge­richt hat die Betei­lig­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf die Mög­lich­keit eines Zwi­schen­ur­teils hin­ge­wie­sen, ohne dass die Klä­ge­rin oder das Finanz­amt einer Vor­ab­ent­schei­dung wider­spro­chen hät­ten. Die fach­kun­dig ver­tre­te­ne Klä­ge­rin muss­te mit­hin damit rech­nen, dass das Finanz­ge­richt Rechts­fra­gen vor­ab durch Zwi­schen­ur­teil ent­schei­den wird.

Eine abwei­chen­de recht­li­che Beur­tei­lung folgt nicht aus dem Umstand, dass ‑wie die Klä­ge­rin meint- ent­ge­gen dem vom Bericht­erstat­ter in einem weni­ge Tage vor der münd­li­chen Ver­hand­lung statt­ge­fun­de­nen Tele­fo­nat "avi­sier­ten" Teil­ur­teil ein Zwi­schen­ur­teil ergan­gen ist. Hier­bei han­delt es sich um die Rechts­äu­ße­rung nur eines Mit­glieds des zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Spruch­kör­pers des am Finanz­ge­richt zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Bun­des­fi­nanz­hofs. Aus einer sol­chen, regel­mä­ßig nur vor­läu­fi­gen Rechts­äu­ße­rung eines Bun­des­fi­nanz­hofs­mit­glieds kann indes nicht gefol­gert wer­den, dass der Bun­des­fi­nanz­hof von der Rechts­auf­fas­sung nicht abwei­chen bzw. sie anders beur­tei­len könn­te 3, zumal das Finanz­ge­richt in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf eine Ent­schei­dung durch Zwi­schen­ur­teil hin­ge­wie­sen hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Novem­ber 2015 – XI B 52/​15

  1. vgl. dazu BFH, Beschluss vom 20.11.2008 – IV B 7/​08; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 99 FGO Rz 10; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 99 FGO Rz 35; jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 25.01.2008 – X B 179/​06, BFH/​NV 2008, 608, unter 2.a, Rz 8; vom 18.09.2009 – IV B 140/​08, BFH/​NV 2010, 220, unter b, Rz 6; vom 12.12 2012 – XI B 70/​11, BFH/​NV 2013, 705, Rz 28; jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2010, 220, unter b, Rz 6; in BFH/​NV 2013, 705, Rz 30; jeweils m.w.N.[]