Die nicht unver­züg­lich erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge in Alt­fäl­len

Eine nicht "unver­züg­lich" nach Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge prä­k­lu­diert sowohl einen Ent­schä­di­gungs­an­spruch wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er gemäß § 198 Abs. 2 Satz 2 GVG als auch die Fest­stel­lung einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er gemäß § 198 Abs. 4 Satz 1 GVG 1.

Die nicht unver­züg­lich erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge in Alt­fäl­len

Für den Zeit­raum bis zur Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge steht der Klä­ge­rin weder ein Ent­schä­di­gungs­an­spruch wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er gemäß § 198 Abs. 2 Satz 2 GVG noch eine Fest­stel­lung der über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er gemäß § 198 Abs. 4 Satz 1 GVG zu, da eine unver­züg­lich i.S. des Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG erho­be­ne Rüge nicht vor­liegt. Die­se Ansprü­che sind des­halb prä­k­lu­diert.

Gemäß der Über­gangs­re­ge­lung des Art. 23 Satz 1 ÜberlVfRSchG ist das genann­te Gesetz auch auf Ver­fah­ren anwend­bar, die bei sei­nem Inkraft­tre­ten (am 03.12 2011) bereits anhän­gig waren. Für anhän­gi­ge Ver­fah­ren, die bei Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG bereits ver­zö­gert waren, gilt § 198 Abs. 3 GVG mit der Maß­ga­be, dass die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge "unver­züg­lich" nach Inkraft­tre­ten erho­ben wer­den muss (Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG).

Die am 22.11.2011 erho­be­ne "vor­sorg­li­che Ver­zö­ge­rungs­rü­ge" kann nicht als Ver­zö­ge­rungs­rü­ge i.S. des § 198 Abs. 3 GVG ange­se­hen wer­den. Zu die­sem Zeit­punkt war das ÜberlVfRSchG ‑und damit die Vor­schrift des § 198 Abs. 3 GVG- noch nicht in Kraft getre­ten. Das genann­te Gesetz ist am Tag nach sei­ner Ver­kün­dung ‑d.h. am 3.12 2011- in Kraft getre­ten. Eine bereits vor Inkraft­tre­ten des Geset­zes erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge erfüllt die­se Vor­aus­set­zung nicht 2.

Die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge vom 04.06.2012 wur­de nicht mehr "unver­züg­lich nach Inkraft­tre­ten" i.S. des Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG erho­ben.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits ent­schie­den, dass im Rah­men der gebo­te­nen norm­spe­zi­fi­schen Aus­le­gung des in Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG ver­wen­de­ten Begriffs "unver­züg­lich" ein Zeit­raum von drei Mona­ten als sach­ge­recht anzu­se­hen ist 3. Die­ser Zeit­raum ist vor­lie­gend über­schrit­ten.

Fol­ge der nicht "unver­züg­lich nach Inkraft­tre­ten erho­be­nen" Ver­zö­ge­rungs­rü­ge ist nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs, dass zunächst die Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung vor dem Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG ent­fällt 4. Nach Ansicht des undes­ge­richts­hofs 5 soll dar­über hin­aus ein sol­cher Anspruch nach § 198 GVG für den Zeit­raum, der vom Inkraft­tre­ten bis zur Erhe­bung einer sol­chen Ver­zö­ge­rungs­rü­ge ver­stri­chen ist, aus­ge­schlos­sen sein; dies erge­be sich aus dem Umkehr­schluss aus Art. 23 Satz 3 ÜberlVfRSchG. Mit Rück­sicht auf die­se Ent­schei­dung und zur Wah­rung der Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des schließt sich der Bun­des­fi­nanz­hof die­ser Rechts­an­sicht an und hält an sei­ner in sei­nem Urteil vom 17.04.2013 6 geäu­ßer­ten Rechts­an­sicht im Anwen­dungs­be­reich des Art. 23 ÜberlVfRSchG nicht wei­ter fest.

Folg­lich ist hier eine ggf. vor­lie­gen­de Fest­stel­lung der Unan­ge­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er für die Zeit vor der Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge vom 04.06.2012 nicht mög­lich.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. August 2014 – X K 9/​13

  1. Anschluss an die Recht­spre­chung des BGH, Urteil vom 10.04.2014 – III ZR 335/​13, NJW 2014, 1967[]
  2. so auch BFH, Urteil vom 07.11.2013 – X K 13/​12, BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, unter II. 1.b[]
  3. so schon BFH, Urteil in BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, unter II. 1.d; inso­weit fol­gend auch BGH, Urteil vom 10.04.2014 – III ZR 335/​13, NJW 2014, 1967; eben­so BGH, Urteil vom 17.07.2014 – III ZR 228/​13, NJW 2014, 2588[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFHE 243, 126, BSt­Bl II 2014, 179, unter II. 1.b[]
  5. BGH NJW 2014, 1967, unter II. 1.d aa[]
  6. BFH, Urteil vom 17.04.2013 – X K 3/​12, BFHE 240, 516, BSt­Bl II 2013, 547[]