Die Sach­auf­klä­rungs­pflicht des Finanz­ge­richts – und das nicht ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zum aus­län­di­schen Recht

Nach § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO hat das Finanz­ge­richt den Sach­ver­halt von Amts wegen zu erfor­schen. Es muss zur Her­bei­füh­rung der Spruch­rei­fe alles auf­klä­ren, was aus sei­ner Sicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist und hier­für alle ver­füg­ba­ren Beweis­mit­tel aus­nut­zen.

Die Sach­auf­klä­rungs­pflicht des Finanz­ge­richts – und das nicht ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zum aus­län­di­schen Recht

Ein Ver­fah­rens­man­gel kann jedoch nicht mehr mit Erfolg gel­tend gemacht wer­den, wenn er eine Ver­fah­rens­vor­schrift betrifft, auf deren Beach­tung die Pro­zess­be­tei­lig­ten ver­zich­ten konn­ten und ver­zich­tet haben (§ 155 FGO i.V.m. § 295 ZPO). Zu den ver­zicht­ba­ren Män­geln gehört auch eine unter­las­se­ne Beweis­erhe­bung 1.

Es ist Auf­ga­be des Finanz­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz, das maß­ge­ben­de aus­län­di­sche Recht gemäß § 155 Satz 1 FGO i.V.m. § 293 ZPO von Amts wegen zu ermit­teln. Wie das Finanz­ge­richt das aus­län­di­sche Recht ermit­telt, steht in sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen. Dabei las­sen sich die Anfor­de­run­gen an Umfang und Inten­si­tät der Ermitt­lungs­pflicht des Tatrich­ters nur in sehr ein­ge­schränk­tem Maße gene­rell-abs­trakt bestim­men. An die Ermitt­lungs­pflicht wer­den umso höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len sein, je kom­ple­xer oder je frem­der das anzu­wen­den­de Recht im Ver­gleich zum eige­nen ist. Auf­grund einer ent­spre­chen­den Ver­fah­rens­rüge ist zu prü­fen, ob das Finanz­ge­richt die Ermitt­lun­gen frei von Ver­fah­rens­män­geln durch­ge­führt hat, ins­be­son­de­re das ihm ein­ge­räum­te Ermes­sen pflicht­ge­mäß aus­ge­übt und die Erkennt­nis­quel­len genutzt hat 2.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Das Finanz­ge­richt hat sich in sei­nen Ent­schei­dun­gen mit dem im Jahr 2000 umge­stal­te­ten Schwei­zer Fami­li­en­recht aus­ein­an­der­ge­setzt und den ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen des Schwei­zer Zivil­ge­setz­buchs ent­nom­men, dass ent­ge­gen der Vor­schrif­ten für eine Ehe das sog. Kon­ku­bi­nat von der gegen­sei­tig gewoll­ten Unab­hän­gig­keit geprägt sei und daher kei­ne Bei­stands- oder Unter­halts­pflich­ten ken­ne. Die­se Ermitt­lung und Befas­sung mit dem Schwei­zer Recht ist aus­rei­chend. Das Schwei­zer Zivil­ge­setz­buch, das in deut­scher Spra­che erhält­lich ist, ist inso­weit den deut­schen zivil­recht­li­chen Rege­lun­gen zu Unter­halts­pflich­ten ähn­lich. Der Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens bedurf­te es somit nicht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Juli 2019 – II B 35/​18; II B 36/​18; II B 37/​18

  1. BFH, Beschluss vom 04.12 2013 – X B 120/​13, BFH/​NV 2014, 546, Rz 2 ff.[]
  2. BFH, Urteil vom 22.03.2018 – X R 5/​16, BFHE 261, 132, BSt­Bl II 2018, 651, Rz 22 ff.[]