Auto­ma­ti­sier­te Prüf­hin­wei­se – und die Nicht­be­ach­tung durch den Ver­an­la­gungs­be­am­ten

Die Nicht­be­ach­tung eines auto­ma­ti­sier­ten Prüf­hin­wei­ses durch den Ver­an­la­gungs­be­am­ten kann die Ände­rung eines bestands­kräf­ti­gen Ein­kom­men­steu­er­be­scheids wegen offen­ba­rer Unrich­tig­keit recht­fer­ti­gen.

Auto­ma­ti­sier­te Prüf­hin­wei­se – und die Nicht­be­ach­tung durch den Ver­an­la­gungs­be­am­ten

Nach § 129 Satz 1 AO kann die Finanz­be­hör­de Schreib­feh­ler, Rechen­feh­ler und ähn­li­che offen­ba­re Unrich­tig­kei­ten, die beim Erlass eines Ver­wal­tungs­akts unter­lau­fen sind, jeder­zeit berich­ti­gen. Sol­che offen­ba­re Unrich­tig­kei­ten sind ins­be­son­de­re mecha­ni­sche Ver­se­hen, bei­spiels­wei­se Ein­ga­be- oder Über­tra­gungs­feh­ler. Dage­gen zäh­len zu sol­chen offen­ba­ren Unrich­tig­kei­ten nicht Feh­ler bei der Aus­le­gung oder Anwen­dung einer Rechts­norm, eine unrich­ti­ge Tat­sa­chen­wür­di­gung oder die unzu­tref­fen­de Annah­me eines in Wirk­lich­keit nicht vor­lie­gen­den Sach­ver­halts. Dabei ist § 129 AO schon dann nicht anwend­bar, wenn auch nur die ernst­haf­te Mög­lich­keit besteht, dass die Nicht­be­ach­tung einer fest­ste­hen­den Tat­sa­che auf einer feh­ler­haf­ten Tat­sa­chen­wür­di­gung oder einem sons­ti­gen sach­ver­halts­be­zo­ge­nen Denk- oder Über­le­gungs­feh­ler grün­det oder auf man­geln­der Sach­ver­halts­auf­klä­rung beruht 1.

Gemes­sen dar­an begeg­net für den Bun­des­fi­nanz­hof die Ent­schei­dung und Wür­di­gung des Finanz­ge­richts Rhein­land-Pfalz 2, dass mit der Nicht­be­ach­tung des Prüf­hin­wei­ses durch den Ver­an­la­gungs­be­am­ten ein mecha­ni­sches Ver­se­hen i.S. des § 129 AO vor­liegt und ein Tat­sa­chen- oder Rechts­irr­tum inso­weit aus­ge­schlos­sen wer­den kann, kei­nen revi­si­ons­recht­li­chen Beden­ken.

Das Finanz­ge­richt hat zutref­fend ent­schie­den, dass die Ein­ga­be des Betrags "252" ohne vor­he­ri­ge Strei­chung des Betrags "278" eine sol­che offen­ba­re Unrich­tig­keit im Sin­ne eines Schreib­feh­lers ist. Dies ist zwi­schen den Betei­lig­ten auch nicht strei­tig; denn auch die steu­er­pflich­ti­gen Ehe­leu­te räu­men ein, dass die­ser Ein­trag als Schreib­feh­ler zu behan­deln sei, da es nicht dar­auf ankom­me, ob die­ser Feh­ler per Hand oder durch Ein­ga­be in einen Rech­ner erfol­ge. Dem ist zuzu­stim­men.

Die Wür­di­gung des Finanz­ge­richt, dass trotz des ergan­ge­nen Prüf­hin­wei­ses ein mög­li­cher Rechts­an­wen­dungs­feh­ler aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, hält eben­falls revi­si­ons­recht­li­cher Über­prü­fung stand.

Es ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des BFH, dass das Über­se­hen eines Prüf­hin­wei­ses oder eine beson­ders ober­fläch­li­che Behand­lung des Steu­er­falls durch die Behör­de unab­hän­gig von Ver­schul­dens­er­wä­gun­gen eine Berich­ti­gung des Steu­er­be­scheids nicht aus­schließt, solan­ge die dies­be­züg­li­che Über­prü­fung nicht zu einer neu­en Wil­lens­bil­dung des zustän­di­gen Ver­an­la­gungs­be­am­ten im Tat­sa­chen- oder Rechts­be­reich geführt hat 3. Bleibt ein Prüf­hin­weis unbe­ach­tet, per­p­etu­iert sich ledig­lich der Ein­ga­be­feh­ler des Sach­be­ar­bei­ters. Die Fra­ge, ob ein mecha­ni­sches Ver­se­hen oder ein die Berich­ti­gung nach § 129 AO aus­schlie­ßen­der Tat­sa­chen- oder Rechts­irr­tum vor­liegt, beur­teilt sich nach den Ver­hält­nis­sen des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re nach der Akten­la­ge, ist mit­hin im Wesent­li­chen eine Tat­fra­ge und unter­liegt damit der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Prü­fung nur in ein­ge­schränk­tem Umfang 4.

Das Finanz­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung, dass auch nach Erge­hen des Prüf­hin­wei­ses kei­ne Anhalts­punk­te für eine feh­ler­haf­te Wil­lens­bil­dung durch den Ver­an­la­gungs­be­am­ten vor­lä­gen, im Wesent­li­chen dar­auf gestützt, dass ein geschul­ter Ver­an­la­gungs­be­am­ter nicht die unzu­tref­fen­de Rechts­an­sicht ent­wi­ckeln könn­te, bei einem für haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen gel­tend gemach­ten Betrag von 278 EUR sei­en min­des­tens 20.000 EUR als haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen steu­er­min­dernd zu berück­sich­ti­gen; dies läge außer­halb des Vor­stell­ba­ren. Ange­sichts des­sen sei die tat­säch­lich gewähr­te Steu­er­ermä­ßi­gung in Höhe von 4.000 EUR nur erklär­lich, wenn man davon aus­ge­he, dass der Ver­an­la­gungs­be­am­te ent­ge­gen dem Prüf­hin­weis die inhalt­li­che Kon­trol­le der haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen pflicht­wid­rig unter­las­sen habe. Ein sol­ches pflicht­wid­ri­ges Unter­las­sen bedeu­te aber nicht, dass der Ver­an­la­gungs­be­am­te die feh­ler­haf­te Gewäh­rung auch recht­lich gebil­ligt hät­te. Viel­mehr lie­ge ledig­lich ein beson­ders nach­läs­si­ges Ver­hal­ten vor, das aber nicht die Annah­me recht­fer­ti­ge, der Ver­an­la­gungs­be­am­te sei einem Rechts­irr­tum unter­le­gen. Die­se Wür­di­gung des Finanz­ge­richt ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den; sie ist ange­sichts der kon­kre­ten Tat­um­stän­de jeden­falls mög­lich, wenn nicht sogar nahe­lie­gend.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 28. Mai 2015 – VI R 63/​13

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 01.08.2012 – IX R 4/​12, BFH/​NV 2013, 1; vom 13.06.2012 – VI R 85/​10, BFHE 238, 295, BSt­Bl II 2013, 5; vom 27.05.2009 – X R 47/​08, BFHE 226, 8, BSt­Bl II 2009, 946[]
  2. FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 18.04.2013 – 4 K 2093/​12[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 146, 350, BSt­Bl II 1986, 541; BFH, Urtei­le vom 11.07.2007 – XI R 17/​05, BFH/​NV 2007, 1810; vom 07.11.2013 – IV R 13/​11, BFH/​NV 2014, 657[]
  4. BFH, Urteil in BFH/​NV 2014, 657, m.w.N.[]