Adop­ti­ons­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen

Auf­wen­dun­gen für die Adop­ti­on eines Kin­des sind kei­ne außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen im Sin­ne des § 33 EStG.

Adop­ti­ons­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat­ten die Klä­ger in ihrer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung Auf­wen­dun­gen in Höhe von 8.560, 68 € für eine Aus­lands­ad­op­ti­on als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen gel­tend gemacht. Die infol­ge orga­nisch beding­ter Ste­ri­li­tät ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen sah der BFH nicht als zwangs­läu­fi­ge Krank­heits­kos­ten an, weil es an einer medi­zi­ni­schen Leis­tung feh­le. Die Kos­ten sei­en aber auch nicht aus ande­ren Grün­den zwangs­läu­fig. Denn der Ent­schluss zur Adop­ti­on beru­he nicht auf einer Zwangs­la­ge, son­dern auf der frei­wil­li­gen Ent­schei­dung der Klä­ger, ein Kind anzu­neh­men. Auch wenn die unge­woll­te Kin­der­lo­sig­keit als schwe­re Belas­tung emp­fun­den wer­den dürf­te, füh­re dies nicht dazu, dass der Ent­schluss zur Adop­ti­on als Mit­tel zur Ver­wirk­li­chung eines indi­vi­du­el­len Lebens­plans nicht mehr dem Bereich der indi­vi­du­ell gestalt­ba­ren Lebens­füh­rung zuzu­rech­nen wäre.

Nach­dem der für das vor­lie­gen­de Revi­si­ons­ver­fah­ren zustän­di­ge VI. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs in einer sog. Diver­genz­an­fra­ge an den Gro­ßen Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs1 die Absicht erklärt hat­te, von der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des III. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs zur Aner­ken­nung von Auf­wen­dun­gen für eine Adop­ti­on als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen abwei­chen zu wol­len, hat er nun mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des III. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs bestä­tigt, nach der Adop­ti­ons­kos­ten nicht als außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen abzieh­bar sind2:

Nach § 33 Abs. 1 EStG wird die Ein­kom­men­steu­er auf Antrag ermä­ßigt, wenn einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands erwach­sen. Auf­wen­dun­gen ent­ste­hen einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig, wenn er sich ihnen aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den nicht ent­zie­hen kann, soweit die Auf­wen­dun­gen den Umstän­den nach not­wen­dig sind und einen ange­mes­se­nen Betrag nicht über­stei­gen (§ 33 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Der Bun­des­fi­nanz­hof geht in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass Krank­heits­kos­ten ohne Rück­sicht auf Art und Ursa­che der Erkran­kung dem Steu­er­pflich­ti­gen aus tat­säch­li­chen Grün­den zwangs­läu­fig erwach­sen. Als Krank­heits­kos­ten wer­den sol­che Auf­wen­dun­gen berück­sich­tigt, die zum Zwe­cke der Hei­lung einer Krank­heit ent­ste­hen oder mit dem Ziel, die Krank­heit erträg­lich zu machen3. Die orga­nisch beding­te Ste­ri­li­tät eines Ehe­part­ners ist als objek­tiv regel­wid­ri­ger Kör­per­zu­stand eine Krank­heit im Sin­ne die­ser Recht­spre­chung. Da die hete­ro­lo­ge Inse­mi­na­ti­on die gestör­te Fer­ti­li­tät der Sper­mi­en durch einen ärzt­li­chen Ein­griff ersetzt und damit in ihrer Gesamt­heit dazu dient, eine durch Krank­heit behin­der­te Kör­per­funk­ti­on zu erset­zen, stellt sie eine medi­zi­ni­sche Maß­nah­me zur Besei­ti­gung der unmit­tel­ba­ren Krank­heits­fol­ge der Kin­der­lo­sig­keit eines Paa­res dar4 und führt daher zu nach § 33 EStG abzieh­ba­ren Krank­heits­kos­ten.

Die Auf­wen­dun­gen, die einem Paar auf­grund der Adop­ti­on eines Kin­des im Fal­le orga­nisch beding­ter Ste­ri­li­tät eines Part­ners ent­ste­hen, stel­len kei­ne Krank­heits­kos­ten im Sin­ne die­ser Recht­spre­chungs­grund­sät­ze dar.

Eine medi­zi­ni­sche Leis­tung liegt weder vor noch kann der Vor­gang einer Adop­ti­on einer sol­chen gleich­ge­stellt wer­den. Die Adop­ti­on ist in ers­ter Linie ein Mit­tel der Für­sor­ge für eltern­lo­se und ver­las­se­ne Kin­der, um in einer Fami­lie auf­wach­sen zu kön­nen. Ent­spre­chend for­dert § 1741 Abs. 1 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs als Grund­vor­aus­set­zung, dass die Annah­me dem Wohl des Kin­des die­nen müs­se. Die Vor­stel­lung von einer Adop­ti­on als medi­zi­nisch indi­zier­ter Heil­be­hand­lung oder die­ser gleich­ge­stell­ten Maß­nah­me wäre zudem auch nicht mit dem Grund­recht des Adop­tiv­kin­des auf Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de (Art. 1 Abs. 1 und Abs. 3 des Grund­ge­set­zes ‑GG-) ver­ein­bar, weil ein sol­ches Ver­ständ­nis das Adop­tiv­kind zu einem blo­ßen Objekt her­ab­wür­di­gen wür­de, das zur Lin­de­rung einer Krank­heit der Adop­tiv­el­tern dien­te5.

Die gel­tend gemach­ten Auf­wen­dun­gen sind den Klä­gern auch nicht aus ande­ren Grün­den zwangs­läu­fig erwach­sen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs sind Auf­wen­dun­gen für Aus­lands­ad­op­tio­nen weder aus recht­li­chen noch aus sitt­li­chen Grün­den zwangs­läu­fig6.

Die Auf­wen­dun­gen sind auch nicht aus ande­ren tat­säch­li­chen Grün­den zwangs­läu­fig. Der Ent­schluss zur Adop­ti­on beruht nicht auf einer Zwangs­la­ge, son­dern auf der frei­wil­li­gen Ent­schei­dung, ein Kind anzu­neh­men7.

Als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen kom­men nur sol­che Auf­wen­dun­gen in Betracht, die einen Bereich der Lebens­füh­rung betref­fen, wel­cher der indi­vi­du­el­len Gestal­tung des Steu­er­pflich­ti­gen ent­zo­gen ist8. Dies gilt auch dann, wenn die Auf­wen­dun­gen einen grund­recht­lich geschütz­ten Bereich wie hier die Ver­wirk­li­chung des Kin­der­wunschs (Art. 1 Abs. 1, Art. 6 Abs. 1 GG) betref­fen. Der Senat ver­kennt nicht, dass der Wunsch, Kin­der zu haben und auf­zu­zie­hen, bei Kin­der­lo­sen, die sich für eine Aus­lands­ad­op­ti­on ent­schei­den, oft­mals ein wesent­li­ches sinn­stif­ten­des Ele­ment des Lebens sein wird. Ent­spre­chend dürf­te die unge­woll­te Kin­der­lo­sig­keit als schwe­re Belas­tung emp­fun­den wer­den. Hier­aus folgt jedoch nicht, dass der Ent­schluss zur Adop­ti­on als Mit­tel zur Ver­wirk­li­chung eines indi­vi­du­el­len Lebens­plans nicht mehr dem Bereich der durch den Ein­zel­nen gestalt­ba­ren Lebens­füh­rung zuzu­rech­nen wäre.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. März 15 – VI R 60/​11

  1. BFH, Beschluss vom 18.04.2013 – VI R 60/​11, BFHE 241, 141, BSt­Bl II 2013, 868
  2. BFH, Urtei­le vom 13.03.1987 – III R 301/​84, BFHE 149, 245, BSt­Bl II 1987, 495; vom 20.03.1987 – III R 150/​86, BFHE 149, 539, BSt­Bl II 1987, 596; Beschluss vom 05.01.1990 – III B 53/​89, BFH/​NV 1990, 430
  3. BFH, Urtei­le vom 16.12 2010 – VI R 43/​10, BFHE 232, 179, BSt­Bl II 2011, 414; vom 18.05.1999 – III R 46/​97, BFHE 188, 566, BSt­Bl II 1999, 761
  4. Senats­ur­teil in BFHE 232, 179, BSt­Bl II 2011, 414
  5. vgl. BFH, Urteil vom 20.03.1987 – III R 150/​86, BFHE 149, 539, BSt­Bl II 1987, 596; BFH, Beschluss vom 05.01.1990 – III B 53/​89, BFH/​NV 1990, 430
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 149, 539, BSt­Bl II 1987, 596; und vom 13.03.1987 – III R 301/​84, BFHE 149, 245, BSt­Bl II 1987, 495
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 149, 245, BSt­Bl II 1987, 495; BFH, Beschluss vom 27.04.1995 – III B 77/​93, BFH/​NV 1996, 39
  8. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.03.2004 – III R 24/​03, BFHE 206, 16, BSt­Bl II 2004, 726; vom 03.03.2005 – III R 68/​03, BFHE 209, 312, BSt­Bl II 2005, 266; vom 10.05.2007 – III R 47/​05, BFHE 218, 141, BSt­Bl II 2007, 871