Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und VBL-Bei­trag beim Kin­der­geld

Bei­trä­ge des Kin­des zur tarif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen VBL-Pflicht­ver­si­che­rung sind bei der Grenz­be­trags­prü­fung nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG nicht von des­sen Ein­künf­ten und/​oder Bezü­gen abzu­zie­hen, wenn das Kind gesetz­lich ren­ten­ver­si­chert ist.

Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und VBL-Bei­trag beim Kin­der­geld

Nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG besteht für ein voll­jäh­ri­ges Kind Anspruch auf Kin­der­geld, wenn das Kind Ein­künf­te und Bezü­ge, die zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sind, von nicht mehr als 7.680 € im Kalen­der­jahr hat. Die­ser Grenz­be­trag ermä­ßigt sich nach § 32 Abs. 4 Satz 7 EStG für jeden Kalen­der­mo­nat um 1/​12, in dem die Vor­aus­set­zun­gen für eine Berück­sich­ti­gung nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 oder 2 EStG an kei­nem Tag vor­lie­gen (Kür­zungs­mo­na­te).

Der Begriff der Ein­künf­te im Sin­ne von § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG ent­spricht dem in § 2 Abs. 2 EStG gesetz­lich defi­nier­ten Begriff und ist je nach Ein­kunfts­art als Gewinn oder als Über­schuss der Ein­nah­men über die Wer­bungs­kos­ten zu ver­ste­hen. Erzielt das Kind Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit, sind daher von den Brut­to­ein­nah­men die Wer­bungs­kos­ten abzu­zie­hen 1. Nach dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sugs­ge­richts 2 wür­de eine ande­re Aus­le­gung des Begriffs der Ein­künf­te, die von der "tra­dier­ten steu­er­li­chen Ter­mi­no­lo­gie" abwi­che, dem Wort­laut und dem sys­te­ma­ti­schen Zusam­men­hang wider­spre­chen und damit auch dem klar geäu­ßer­ten Wil­len des Gesetz­ge­bers.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­stößt jedoch die Berück­sich­ti­gung der –ein­kom­men­steu­er­recht­lich den Son­der­aus­ga­ben zuzu­rech­nen­den– Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge als Ein­künf­te des Kin­des gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG, weil Eltern mit sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Kin­dern, deren Ein­künf­te und Bezü­ge den Jah­res­grenz­be­trag nur wegen der als Ein­künf­te behan­del­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge über­schrit­ten, gegen­über Eltern mit nicht sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Kin­dern benach­tei­ligt sei­en, deren Ein­künf­te und Bezü­ge den Jah­res­grenz­be­trag nicht über­stie­gen. Daher sei­en im Wege ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG Ein­künf­te –eben­so wie die Bezü­ge– nur zu berück­sich­ti­gen, soweit sie zur Bestrei­tung des Unter­halts und der Berufs­aus­bil­dung bestimmt oder geeig­net sei­en. Offen blei­ben kön­ne, "in wel­chen Fäl­len der Rela­tiv­satz im Ein­zel­fall auf Ein­künf­te anzu­wen­den" sei. Jeden­falls sei­en die­je­ni­gen Beträ­ge, die –wie die gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge– "von Geset­zes" wegen dem Ein­künf­te erzie­len­den Kind oder des­sen Eltern nicht für den Unter­halt zur Ver­fü­gung stün­den und des­halb die Eltern finan­zi­ell nicht ent­las­ten könn­ten, nicht als Ein­künf­te anzu­set­zen. Es ist daher jeweils im Ein­zel­fall zu prü­fen, wel­che Tei­le der Ein­künf­te im Sin­ne des § 2 Abs. 2 EStG wegen eines sonst vor­lie­gen­den Grund­rechts­ver­sto­ßes im Wege ver­fas­sungs­kon­for­mer Ein­schrän­kung nicht ange­setzt wer­den dür­fen.

Ent­spre­chend die­sen Grund­sät­zen hat der Bun­des­fi­nanz­hof durch Urteil vom 26. Sep­tem­ber 2007 3 ent­schie­den, dass die Bei­trä­ge eines gesetz­lich ren­ten­ver­si­cher­ten Kin­des zu pri­va­ten Ren­ten­ver­si­che­run­gen bei der Ermitt­lung der kin­der­geld­schäd­li­chen Ein­künf­te und Bezü­ge nicht von den Ein­künf­ten abzu­zie­hen sei­en. Bei den Bei­trä­gen zu pri­va­ten Ren­ten­ver­si­che­run­gen eines gesetz­lich ren­ten­ver­si­cher­ten Kin­des han­de­le es sich nicht um unver­meid­ba­re Auf­wen­dun­gen, weil sie nicht der aktu­el­len Exis­tenz­si­che­rung des Kin­des, son­dern einer über das staat­li­che Min­dest­maß hin­aus­ge­hen­den Ver­sor­gung für künf­ti­ge Zei­ten die­nen.

Die Bei­trä­ge zur VBL-Pflicht­ver­si­che­rung min­dern die Bemes­sungs­grö­ße des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG eben­falls nicht, wenn das Kind in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung pflicht­ver­si­chert ist. Die Ein­be­zie­hung der VBL-Pflicht­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in die Bemes­sungs­grö­ße für den Jah­res­grenz­be­trag (§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG) ver­stößt dann nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG.

Eine gesetz­li­che Ver­si­che­rungs­pflicht bei der VBL bzw. eine gesetz­li­che Ver­pflich­tung zur Ent­rich­tung von Bei­trä­gen zur sog. VBL-Pflicht­ver­si­che­rung besteht nicht. Für die Ent­schei­dung, ob Ein­künf­te dem Kind von Geset­zes wegen nicht zur Ver­fü­gung ste­hen, ist maß­geb­lich, ob sich das Kind der Zah­lung auf­grund einer gesetz­li­chen Ver­pflich­tung nicht ent­zie­hen kann. Nicht ent­schei­dend ist, ob die frag­li­chen Beträ­ge vom Arbeit­ge­ber ein­zu­be­hal­ten sind 4.

Im Streit­fall beru­hen der Abschluss der Ver­si­che­rung und damit auch die Ent­rich­tung der Bei­trä­ge nicht auf einer gesetz­li­chen Ver­pflich­tung. Viel­mehr ver­weist der Aus­bil­dungs­ver­trag der Toch­ter auf tarif­ver­trag­li­che Vor­schrif­ten, aus denen sich die Ver­si­che­rungs­pflicht ergibt. Durch die Bezug­nah­me in einem Aus­bil­dungs- bzw. Arbeits­ver­trag auf tarif­li­che Rege­lun­gen wer­den die­se zum Inhalt des Aus­bil­dungs­ver­trags 5. Wenn danach Antei­le der Ein­künf­te und Bezü­ge als Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ein­be­hal­ten und abge­führt wer­den, beruht dies auf Tarif­ver­ein­ba­run­gen, die im Inter­es­se der Beschäf­tig­ten aus­ge­han­delt wer­den und die sich die Toch­ter zurech­nen las­sen muss.

Die Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zur VBL-Pflicht­ver­si­che­rung sind damit, so der Bun­des­fi­nanz­hof, nicht als unver­meid­ba­re (zwangs­läu­fi­ge) Auf­wen­dun­gen ein­zu­stu­fen. Unver­meid­bar in die­sem Sin­ne sind nur Auf­wen­dun­gen für einen exis­ten­zi­ell not­wen­di­gen Ver­si­che­rungs­schutz, der zur Absi­che­rung gegen exis­tenz­ge­fähr­den­de Wech­sel­fäl­le des Lebens dient 6.

Die VBL-Pflicht­ver­si­che­rung ist eine gegen­über der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zusätz­li­che Absi­che­rung. Ihre Leis­tun­gen bestehen nach § 25 der VBL-Sat­zung in der Zah­lung von Betriebs­ren­ten (Alters‑, Erwerbs­min­de­rungs- und Hin­ter­blie­be­nen­ren­te). Die VBL-Pflicht­ver­si­che­rung deckt im Grund­satz die­sel­ben Risi­ken ab wie die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung.

Auch nach den zivil­recht­li­chen Unter­halts­re­ge­lun­gen sind Eltern, deren Kin­der sich in Aus­bil­dung befin­den, nicht ver­pflich­tet, die Kos­ten für die Alters‑, Erwerbs­min­de­rungs- und Hin­ter­blie­be­nen­vor­sor­ge zu zah­len. Eine sol­che über das gesetz­li­che Maß hin­aus­ge­hen­de Vor­sor­ge gehört nicht zum Lebens­be­darf des Kin­des i.S. des § 1610 Abs. 2 BGB 7.

Nur durch die Ein­be­zie­hung der VBL-Bei­trä­ge in die Bemes­sungs­grö­ße für den Jah­res­grenz­be­trag (§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG) wird eine mit Art. 3 Abs. 1 GG nicht ver­ein­ba­re Ungleich­be­hand­lung mit den Fäl­len ver­mie­den, in denen sich das Kind in Berufs­aus­bil­dung befin­det, in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung pflicht­ver­si­chert ist und sich –unab­hän­gig von einer tarif­ver­trag­li­chen Vor­schrift– zusätz­lich pri­vat gegen die­sel­ben Risi­ken ver­si­chert, wie sie die VBL-Pflicht­ver­si­che­rung abdeckt. Die Bei­trä­ge zu einer sol­chen pri­va­ten Ren­ten­ver­si­che­rung sind bei der Prü­fung, ob die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des den Jah­res­grenz­be­trag über­schrei­ten, nicht abzieh­bar 8. Wenn für die Abzieh­bar­keit von Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen im Ergeb­nis allein der Inhalt des betref­fen­den Tarif­ver­trags maß­geb­lich wäre, wür­den Eltern unge­recht­fer­tigt benach­tei­ligt, deren Kin­der ohne eine ent­spre­chen­de tarif­ver­trag­li­che Vor­schrift eine pri­va­te Alters­vor­sor­ge tref­fen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. Juni 2010 – III R 59/​09

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil vom 29.05.2008 – III R 33/​06, BFH/​NV 2008, 1664[]
  2. BVerfGE 112, 164, BFH/​NV 2005, Bei­la­ge 3, 260[]
  3. BVerfG, Urteil vom 26.09.2007 – III R 4/​07, BFHE 219, 112, BSt­Bl II 2008, 738[]
  4. BFH, Urteil vom 16.11.2006 – III R 74/​05, BFHE 216, 69, BSt­Bl II 2007, 527[]
  5. vgl. ErfK/​Franzen, § 3 TVG Rz 32[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 14.12.2006 – III R 24/​06, BFHE 216, 225, BSt­Bl II 2007, 530[]
  7. vgl. Erman/E.Hammermann, BGB, 12. Aufl., § 1610 Rz 8 f.; MünchKommBGB/​Born, 5. Aufl., § 1610 Rz 71; Staudinger/​Engler/​Kaiser (2000), § 1610 Rz 154[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 219, 112, BSt­Bl II 2008, 738[]