Der Ehe­gat­te im EU-Aus­land

Seit der Neu­fas­sung des § 1a Abs. 1 EStG 2002 durch das JStG 2008 kön­nen unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­ge Staats­an­ge­hö­ri­ge der Euro­päi­schen Uni­on bzw. des Euro­päi­schen Wirt­schafts­raums die Zusam­men­ver­an­la­gung mit ihrem im EU/EWR-Aus­land leben­den Ehe­gat­ten auch dann bean­spru­chen, wenn die gemein­sa­men Ein­künf­te der Ehe­gat­ten zu weni­ger als 90% der deut­schen Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen oder die aus­län­di­schen Ein­künf­te der Ehe­gat­ten den dop­pel­ten Grund­frei­be­trag über­stei­gen.

Der Ehe­gat­te im EU-Aus­land

Die Zusam­men­ver­an­la­gung von Ehe­gat­ten (§ 26b EStG 2002) setzt grund­sätz­lich gemäß § 26 Abs. 1 Satz 1 EStG 2002 die unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht bei­der Ehe­gat­ten vor­aus. Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staa­tes der Euro­päi­schen Uni­on oder eines Staa­tes, auf den das Abkom­men über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum anwend­bar ist, die nach § 1 Abs. 1 EStG 2002 n.F. unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig sind oder die nach § 1 Abs. 3 EStG 2002 n.F. als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig zu behan­deln sind, kön­nen jedoch bean­tra­gen, dass ihr nicht dau­ernd getrennt leben­der Ehe­gat­te ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland für die Anwen­dung des § 26 Abs. 1 Satz 1 EStG 2002 n.F. als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass der nicht unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­ge Ehe­gat­te sei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Hoheits­ge­biet eines ande­ren Mit­glied­staa­tes der EU oder eines EWR-Staa­tes hat (§ 1a Abs. 1 Nr. 2 EStG 2002 n.F.).

Wei­te­re ein­schrän­ken­de Vor­aus­set­zun­gen bestehen nicht.

Nach dem Ein­lei­tungs­satz des § 1a Abs. 1 EStG 2002 in der bis zur Ände­rung durch das Jah­res­steu­er­ge­setz 2008 gel­ten­den Fas­sung (EStG 2002 a.F.) erfor­der­te die Ehe­gat­ten­ver­an­la­gung aller­dings zusätz­lich, dass der nach § 1 Abs. 1 EStG 2002 a.F. unbe­schränkt Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­ge auch die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 Satz 2 bis 4 EStG 2002 a.F. erfüll­te. Da gemäß § 1a Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 EStG 2002 a.F. bei Anwen­dung des § 1 Abs. 3 Satz 2 EStG 2002 a.F. auf die Ein­künf­te bei­der Ehe­gat­ten abzu­stel­len und der Betrag von 6.136 € zu ver­dop­peln war, war eine Zusam­men­ver­an­la­gung nur mög­lich, wenn die Ein­künf­te bei­der Ehe­gat­ten zu min­des­tens 90% der deut­schen Ein­kom­men­steu­er unter­la­gen und die nicht der deut­schen Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen­den Ein­künf­te 12.272 € nicht über­stie­gen1.

Die Rechts­la­ge hat sich jedoch seit der Neu­fas­sung des Ein­lei­tungs­sat­zes in § 1a Abs. 1 EStG 2002 a.F. durch das Jah­res­steu­er­ge­setz 2008 geän­dert. Der nach § 1 Abs. 1 EStG 2002 n.F. unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­ge Ehe­gat­te muss nicht mehr zusätz­lich die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 Satz 2 bis 4 EStG 2002 n.F. erfül­len. § 1a Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 EStG 2002 n.F. ist seit­her auf nach § 1 Abs. 3 EStG 2002 n.F. als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­del­te Ehe­gat­ten beschränkt2. Denn nur in die­sem Fall kommt es zur Anwen­dung des § 1 Abs. 3 EStG 2002 n.F., und nur in die­sem Fall ist gemäß § 1a Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 EStG 2002 n.F. auf die Ein­künf­te bei­der Ehe­gat­ten abzu­stel­len und der Grund­frei­be­trag nach § 32a Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 EStG 2002 n.F. zu ver­dop­peln. Die Wen­dung "Bei Anwen­dung des § 1 Absatz 3 …" in § 1a Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 EStG 2002 n.F. kann nicht so ver­stan­den wer­den, dass die Ein­künf­te der Ehe­gat­ten auch bei unbe­schränkt Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen im Sin­ne von § 1 Abs. 1 EStG 2002 n.F. die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 EStG 2002 n.F. erfül­len müs­sen. Die Vor­schrift ord­net die Anwen­dung des § 1 Abs. 3 EStG 2002 n.F. nicht an, son­dern setzt sie vor­aus und bestimmt, wie in die­sem Fall zu ver­fah­ren ist. Dies folgt auch aus der Geset­zes­be­grün­dung3. Danach soll bei nach § 1 Abs. 1 EStG 2002 n.F. unbe­schränkt Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen, die die Zusam­men­ver­an­la­gung mit ihren im Aus­land leben­den Ehe­gat­ten gemäß § 1a Abs. 1 Nr. 2 EStG 2002 n.F. bean­tra­gen, aus Grün­den der Gleich­be­hand­lung der intak­ten mit der geschei­ter­ten Ehe (§ 1a Abs. 1 Nr. 1 EStG 2002 n.F.) das Erfor­der­nis auf­ge­ge­ben wer­den, dass nahe­zu alle ihre Ein­künf­te der deut­schen Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen müs­sen. Wäre den­noch zu prü­fen, ob die inlän­di­schen Ein­künf­te der Ehe­gat­ten min­des­tens 90 v.H. der gesam­ten Ein­künf­te errei­chen und die im Aus­land erziel­ten Ein­künf­te nicht höher als der dop­pel­te Grund­frei­be­trag sind, wür­de die bis­he­ri­ge Rechts­la­ge weit­ge­hend fort­ge­schrie­ben.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Sep­tem­ber 2010 – I R 28/​10

  1. vgl. BFH, Urteil vom 20.08.2008 – I R 78/​07, BFHE 222, 517, BSt­Bl II 2009, 708 []
  2. gl.A. Schmidt/​Heinicke, EStG, 29. Aufl., § 1a Rz 20; Frot­scher in Frot­scher, EStG, § 1a Rz 4, 9 []
  3. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, BT-Drs. 16/​7036, S. 10 []