Kin­der­geld für ein behin­der­tes Kind – und die erfor­der­li­chen Nach­wei­se

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht für ein voll­jäh­ri­ges Kind ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, und die Behin­de­rung vor Voll­endung des 25. Lebens­jah­res ein­ge­tre­ten ist.

Kin­der­geld für ein behin­der­tes Kind – und die erfor­der­li­chen Nach­wei­se

Ein Kin­der­geld­an­spruch gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht jedoch nicht, wenn die ent­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen nicht nach­ge­wie­sen sind. Ein Anscheins­be­weis reicht hier­für nicht aus.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 1 ist ein Mensch behin­dert, wenn sei­ne kör­per­li­che Funk­ti­on, geis­ti­ge Fähig­keit oder see­li­sche Gesund­heit mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht und daher sei­ne Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist (§ 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX). Der Nach­weis der Behin­de­rung kann dabei nicht nur durch Vor­la­ge eines ent­spre­chen­den Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses oder Fest­stel­lungs­be­scheids gemäß § 69 SGB IX sowie eines Ren­ten­be­scheids erfol­gen, son­dern auch in ande­rer Form wie bei­spiels­wei­se durch Vor­la­ge einer Beschei­ni­gung bzw. eines Zeug­nis­ses des behan­deln­den Arz­tes oder auch eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens erbracht wer­den 2.

Ein Anscheins­be­weis reicht indes­sen nicht aus. Das Finanz­ge­richt soll dabei im Regel­fall zur Erfül­lung sei­ner Sach­auf­klä­rungs­pflicht ein ärzt­li­ches Gut­ach­ten ein­ho­len oder ent­spre­chen­de Erkennt­nis­se durch Ein­ver­nah­me der behan­deln­den Ärz­te als Zeu­gen gewin­nen 3.

Fer­ner muss die Behin­de­rung nach den gesam­ten Umstän­den des Ein­zel­falls für die feh­len­de Fähig­keit des Kin­des zum Selbst­un­ter­halt ursäch­lich sein.

Dem Kind muss es daher objek­tiv unmög­lich sein, sei­nen (gesam­ten) Lebens­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit zu bestrei­ten 4.

Die Ursäch­lich­keit der Behin­de­rung kann grund­sätz­lich ange­nom­men wer­den, wenn der GdB 50 oder mehr beträgt und beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, auf­grund derer eine Erwerbs­tä­tig­keit unter den übli­chen Bedin­gun­gen des Arbeits­mark­tes aus­ge­schlos­sen erscheint 5.

Im Zusam­men­hang mit einem arbeits­lo­sen behin­der­ten Kind hat der BFH ent­schie­den, dass die Behin­de­rung nicht die allei­ni­ge Ursa­che dafür sein muss, dass das Kind außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten; die erheb­li­che Mit­ur­säch­lich­keit der Behin­de­rung ist inso­weit aus­rei­chend 6.

An dem erfor­der­li­chen Nach­weis fehlt es auch, wenn es man­gels Zustim­mung der Mut­ter zur Unter­su­chung des Kin­des durch einen gericht­lich beauf­trag­ten ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen dem Finanz­ge­richt nicht mög­lich ist, zusätz­li­che Erkennt­nis­se über die Fähig­keit des Kin­des, sich durch Erwerbs­tä­tig­keit selbst zu unter­hal­ten, zu gewin­nen. Dies ent­spricht den Vor­ga­ben der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung 7, wonach neben dem GdB wei­te­re beson­de­re Umstän­de vor­lie­gen müs­sen, auf­grund derer eine Erwerbs­tä­tig­keit unter den übli­chen Bedin­gun­gen des Arbeits­mark­tes als aus­ge­schlos­sen erscheint.

Dem gefun­de­nen Ergeb­nis ste­hen auch nicht die Rege­lun­gen des Über­ein­kom­mens über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen (UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on ‑BRK-) oder der Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf 8 und die hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung des Gerichts­ho­fes der Euro­päi­schen Uni­on zum Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot 9 ent­ge­gen.

Die­se Rege­lun­gen füh­ren auch nicht zu einer "Beweis­last­um­kehr" der­ge­stalt, dass den Eltern das begehr­te Kin­der­geld zuste­hen wür­de, solan­ge nicht die Fami­li­en­kas­se nach­ge­wie­sen habe, dass die Vor­aus­set­zun­gen der mög­li­chen Kin­der­geld­tat­be­stän­de nicht erfüllt sei­en. Die­se behaup­te­te Rechts­fol­ge lässt sich weder den von ihr genann­ten Regel­wer­ken der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on oder der Richt­li­nie 2000/​78/​EG noch der hier­zu ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs ent­neh­men. Viel­mehr han­delt es sich bei der den Eltern oblie­gen­den Mit­wir­kungs­pflicht im Rah­men von § 76 Abs. 1 Satz 2 FGO um eine all­ge­mei­ne ver­fah­rens­recht­li­che Rege­lung, der kei­ne behin­de­rungs­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung inne­wohnt. Es ist für den Bun­des­fi­nanz­hof im hier ent­schie­de­nen Streit­fall auch nicht ersicht­lich, dass z.B. eine Begut­ach­tung von des Kin­des durch einen gericht­lich beauf­trag­ten ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen wegen der Behin­de­rung von Kin­des unver­hält­nis­mä­ßig oder unzu­mut­bar wäre.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Okto­ber 2015 – XI R 17/​14

  1. z.B. BFH, Urtei­le vom 09.02.2012 – III R 5/​08, BFHE 236, 396, BSt­Bl II 2012, 891, Rz 14; und vom 28.05.2013 – XI R 44/​11, BFH/​NV 2013, 1409, Rz 14[]
  2. BFH, Urtei­le vom 09.02.2012 – III R 47/​08, BFH/​NV 2012, 939, Rz 16; in BFH/​NV 2013, 1409, Rz 14[]
  3. BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 939, Rz 16; BFH, Beschluss vom 30.11.2005 – III B 117/​05, BFH/​NV 2006, 540, unter II. 1.a, Rz 14[]
  4. BFH, Urteil vom 15.03.2012 – III R 29/​09, BFHE 237, 68, BSt­Bl II 2012, 892, Rz 11, m.w.N.[]
  5. BFH, Urtei­le vom 16.04.2002 – VIII R 62/​99, BFHE 198, 567, BSt­Bl II 2002, 738; und vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057[]
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II. 1.c, Rz 21; in BFHE 237, 68, BSt­Bl II 2012, 892, Rz 11[]
  7. BFH, Urtei­le in BFHE 198, 567, BSt­Bl II 2002, 738; in BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057[]
  8. ABl.EG vom 02.12 2000 Nr. L 303, S. 16[]
  9. EuGH, Urtei­le HK Dan­mark vom 11.04.2013 – C‑335/​11 und – C‑337/​11, EU:C:2013:222, Zeit­schrift für Euro­päi­sches Sozi­al- und Arbeits­recht 2013, 415; Aso­cia­tia Accept vom 25.04.2013 – C‑81/​12, EU:C:2013:275, Euro­päi­sche Zeit­schrift für Wirt­schafts­recht 2013, 469[]