Spe­ku­la­ti­ons­ge­win­ne 1993 und 1994

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de, mit der die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Besteue­rung von Spe­ku­la­ti­ons­ge­win­nen aus den Jah­ren 1993 und 1994 gerügt wur­de, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, da es offen­sicht­lich kei­ne hin­rei­chen­den Erfolgs­aus­sich­ten habe.

Spe­ku­la­ti­ons­ge­win­ne 1993 und 1994

Auf die von den Beschwer­de­füh­rern zunächst beim Bun­des­fi­nanz­hof ein­ge­leg­te Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de hat der IX. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs die grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Sache mit der Begrün­dung ver­neint, die von den Beschwer­de­füh­rern her­aus­ge­ho­be­ne Fra­ge, ob die Besteue­rung der so genann­ten Spe­ku­la­ti­ons­ge­win­ne nach § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buch­sta­be b EStG in den Jah­ren 1993 und 1994 ver­fas­sungs­ge­mäß sei, habe der IX. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs bereits in sei­nen Urtei­len vom 1. Juni 2004 – IX R 35/​01 – und vom 29. Juni 2004 – IX R 26/​03 – geklärt. Der Senat habe dem Gesetz­ge­ber – unbe­scha­det eines even­tu­el­len struk­tu­rel­len Voll­zugs­de­fi­zits in die­sen Jah­ren – eine Über­gangs­frist mit der Fol­ge der Anwend­bar­keit der Vor­schrift in den Streit­jah­ren des Aus­gangs­ver­fah­rens zuge­bil­ligt. In den zitier­ten Urtei­len hat der IX. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs mit Bezug auf Fest­stel­lun­gen in den Urtei­len des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Juni 1991 – 2 BvR 1493/​89 – und vom 9. März 2004 – 2 BvL 17/​02 – aus­ge­führt, die dem Gesetz­ge­ber inso­weit zuzu­bil­li­gen­de Über­gangs­frist umfas­se auch noch die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 1993 und 1994, weil die Fra­ge des gleich­heits­wid­ri­gen Voll­zugs­de­fi­zits in der Fach­welt für die Vor­schrift des § 20 EStG deut­lich frü­her auf­ge­wor­fen wor­den sei als für § 23 EStG.

Dies ist nach Ansicht der Drit­ten Kam­mer des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den. Zutref­fend ist der Bun­des­fi­nanz­hof zunächst davon aus­ge­gan­gen, dass die vom Zwei­ten Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in sei­nem Urteil zur Zins­be­steue­rung dem Gesetz­ge­ber zur Nach­bes­se­rung gesetz­te Frist nur für die mate­ri­el­le Steu­er­norm des § 20 EStG Gül­tig­keit hat­te, die in jener Ent­schei­dung zur Prü­fung gestan­den hat. Drängt sich hin­sicht­lich einer ande­ren Steu­er­norm – etwa der Vor­schrift des § 23 EStG – dem Gesetz­ge­ber erst nach­träg­lich ein struk­tu­rel­ler Erhe­bungs­man­gel auf, so trifft ihn zwar die ver­fas­sungs­recht­li­che Pflicht, die­sen Man­gel bin­nen ange­mes­se­ner Frist zu besei­ti­gen. Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ab wel­chem Kalen­der­jahr ein Ver­stoß gegen die tat­säch­li­che Belas­tungs­gleich­heit dem Steu­er­ge­setz­ge­ber zuzu­rech­nen ist mit der Fol­ge, dass die mate­ri­ell-recht­li­che Grund­la­ge für die Steu­er­erhe­bung selbst ver­fas­sungs­wid­rig wird, las­sen sich indes kei­ne all­ge­mein gül­ti­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be ent­wi­ckeln; die Ant­wort hängt maß­geb­lich von Tat­sa­chen ab, die für jeden Ein­zel­fall einer gleich­heits­wid­rig voll­zo­ge­nen Steu­er­norm geson­dert fest­zu­stel­len sind. Inso­weit ent­schei­dungs­er­heb­li­che Tat­sa­chen kön­nen bei­spiels­wei­se Zeit­punkt, Art und Aus­maß der in Fach­krei­sen öffent­lich geführ­ten Dis­kus­si­on, die Ent­wick­lung auf Märk­ten, auf die die ein­schlä­gi­ge Besteue­rung abzielt, oder die Ergeb­nis­se von Gut­ach­ten aner­kann­ter Insti­tu­tio­nen oder ver­wal­tungs­in­ter­ner Unter­su­chun­gen sein. So hat der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in sei­nem Urteil vom 9. März 2004 – 2 BvL 17/​02 – u.a. auf den im Jahr 1994 vor­ge­leg­ten Abschluss­be­richt der vom Finanz­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len ein­ge­setz­ten Arbeits­grup­pe "Steu­er­aus­fäl­le" abge­stellt, die Ent­wick­lung der Bör­sen­kur­se betrach­tet und die Reak­ti­on des Gesetz­ge­bers auf seit 1997 bestehen­de Dif­fe­ren­zen in der Recht­spre­chung des VII. und VIII. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs und auf die in den Jah­ren ab 1999 fest­zu­stel­len­de kri­ti­sche Dis­kus­si­on zur Besteue­rungs­wirk­lich­keit bei der dort zur Prü­fung gestell­ten Norm gewür­digt. Auch kön­nen in ver­schie­de­nen Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men unter­schied­li­che Tat­sa­chen von Bedeu­tung sein oder die glei­chen Tat­sa­chen unter­schied­lich zu gewich­ten sein.

Dies zugrun­de gelegt, sind nach Ansicht des BVerfG zur Beant­wor­tung der Fra­ge, für wel­che Jah­re der Gesetz­ge­ber für ein struk­tu­rel­les Voll­zugs­de­fi­zit bei einer bestimm­ten Norm des mate­ri­el­len Steu­er­rechts ver­ant­wort­lich gemacht wer­den kann, vor­ran­gig die Fach­ge­rich­te beru­fen; damit wer­de zugleich sicher­ge­stellt, dass dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fall­an­schau­ung und Rechts­auf­fas­sung der Finanz­ge­rich­te, ins­be­son­de­re des Bun­des­fi­nanz­hofs, ver­mit­telt wird. Zu Recht hat des­halb der IX. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs selbst Erwä­gun­gen ange­stellt, ob dem Gesetz­ge­ber ein even­tu­el­les, in Bezug auf die Vor­schrift des § 23 EStG bestehen­des struk­tu­rel­les Voll­zugs­de­fi­zit in den Jah­ren 1993 und 1994 zuge­rech­net wer­den kann. Auch Wür­di­gung und Ergeb­nis des Bun­des­fi­nanz­hofs zei­gen kei­ne man­geln­de Beach­tung oder Ver­ken­nung der in den Urtei­len des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Juni 1991 – 2 BvR 1493/​89 – und 9. März 2004 – 2 BvL 17/​99 – auf­ge­stell­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be auf. Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­nen Urtei­len vom 1. Juni 2004 – IX R 35/​01 – und vom 29. Juni 2004 – IX R 26/​03 – an Fest­stel­lun­gen des Zwei­ten Senats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Dis­kus­si­on der Fra­ge eines gleich­heits­wid­ri­gen Voll­zugs­de­fi­zits in der Fach­welt ange­knüpft, hin­sicht­lich der Vor­schrift des § 23 EStG eine spä­te­re Erör­te­rung eines sol­chen Erhe­bungs­de­fi­zits erkannt und des­halb dem Gesetz­ge­ber auch für die Kalen­der­jah­re 1993 und 1994 eine Über­gangs­zeit zuge­bil­ligt hat, sind nach Ansicht des BVerfG dem ent­ge­gen­ste­hen­de tat­säch­li­che Gesichts­punk­te weder von den Beschwer­de­füh­rern vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich. Viel­mehr sind Fach­ge­rich­te mit nach­voll­zieh­ba­ren und auch ver­fas­sungs­recht­lich trag­fä­hi­gen Erwä­gun­gen davon aus­ge­gan­gen, dass die dem Gesetz­ge­ber zuzu­bil­li­gen­de Über­gangs­frist selbst das Jahr 1995 umfas­se (vgl. Beschluss des Finanz­ge­richts Mün­chen vom 27. April 2005 – 1 V 885/​05, und Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 29. Novem­ber 2005 – IX B 80/​05).

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. April 2006 – 2 BvR 300/​06