Steu­er­ermä­ßi­gung für Hand­wer­k­erleis­tun­gen bei Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaf­ten

Gemäß § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG in der im Streit­jahr gül­ti­gen Fas­sung des Geset­zes zur steu­er­li­chen För­de­rung von Wachs­tum und Beschäf­ti­gung vom 26.04.2006 [1] ermä­ßigt sich die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er auf Antrag um 20 %, höchs­tens 600 €, der Auf­wen­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Renovierungs‑, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men, die in einem inlän­di­schen Haus­halt des Steu­er­pflich­ti­gen erbracht wer­den.

Steu­er­ermä­ßi­gung für Hand­wer­k­erleis­tun­gen bei Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaf­ten

Grund­sätz­lich kann der Steu­er­pflich­ti­ge die Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 35a Abs. 2 EStG nur in Anspruch neh­men, wenn er Auf­trag­ge­ber der Hand­wer­k­erleis­tung ist. Als Auf­trag­ge­ber kommt aber auch eine Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft in Betracht [2].

Die Klä­ge­rin hat als Woh­nungs­ei­gen­tü­me­rin begüns­tig­te Auf­wen­dun­gen im Sin­ne des § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG in Höhe von ins­ge­samt 156,50 € im Wege lau­fen­der Vor­aus­zah­lun­gen an die WEG geleis­tet, die sie im Streit­jahr für die Beglei­chung von Hand­wer­k­erleis­tun­gen ver­wen­de­te. Die von der Klä­ge­rin geleis­te­ten Vor­aus­zah­lun­gen deck­ten auch die Auf­wen­dun­gen für die Hand­wer­k­erleis­tun­gen ab, denn aus der Haus­geld­ab­rech­nung für das Jahr 2006 vom 15.08.2009 ergab sich für die Klä­ge­rin auf­grund der von ihr geleis­te­ten Vor­aus­zah­lun­gen ein Gut­ha­ben.

Damit steht der Klä­ge­rin eine Steu­er­ermä­ßi­gung gemäß § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG in Höhe von 20 % zu.

Zum im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren allein strei­ti­gen Zeit­punkt der Inan­spruch­nah­me der Steu­er­ermä­ßi­gung bei Woh­nungs­ei­gen­tü­mern ver­tritt die Finanz­ver­wal­tung [3] eine dif­fe­ren­zie­ren­de Auf­fas­sung: Danach sol­len Auf­wen­dun­gen für regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Dienst­leis­tun­gen [4] grund­sätz­lich anhand der geleis­te­ten Vor­aus­zah­lun­gen im Jahr der Vor­aus­zah­lun­gen, ein­ma­li­ge Auf­wen­dun­gen (wie z. B. Hand­wer­ker­rech­nun­gen) dage­gen erst im Jahr der Geneh­mi­gung der Jah­res­ab­rech­nung berück­sich­tigt wer­den kön­nen. Soweit ein­ma­li­ge Auf­wen­dun­gen durch eine Ent­nah­me aus der Instand­hal­tungs­rück­la­ge finan­ziert wer­den, könn­ten die Auf­wen­dun­gen erst im Jahr des Abflus­ses aus der Instand­hal­tungs­rück­la­ge oder im Jahr der Geneh­mi­gung der Jah­res­ab­rech­nung, die den Abfluss aus der Instand­hal­tungs­rück­la­ge beinhal­tet, berück­sich­tigt wer­den. Es sei aber auch nicht zu bean­stan­den, wenn Woh­nungs­ei­gen­tü­mer die gesam­ten Auf­wen­dun­gen erst in dem Jahr gel­tend machen, in dem die Jah­res­ab­rech­nung im Rah­men der Eigen­tü­mer­ver­samm­lung geneh­migt wor­den ist.

Soweit damit von der Finanz­ver­wal­tung zum Aus­druck gebracht wird, dass Auf­wen­dun­gen für Hand­wer­k­erleis­tun­gen bei Woh­nungs­ei­gen­tü­mern ent­ge­gen § 11 Abs. 2 EStG nicht im Jahr ihrer Zah­lung zu einer Steu­er­ermä­ßi­gung füh­ren kön­nen, schließt sich das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg dem nicht an. Der Ver­tre­ter des FA gab in der münd­li­chen Ver­hand­lung zur Begrün­dung für die Rege­lung in Rdnr. 42 des BMF-Schrei­bens vom 15.02.2010 [5] an, sie stel­le eine Bil­lig­keits­re­ge­lung zu Guns­ten der Steu­er­pflich­ti­gen dar. Sie sol­le die Steu­er­pflich­ti­gen vor Rechts­nach­tei­len bewah­ren, die ande­ren­falls infol­ge feh­len­der Änder­bar­keit bereits ergan­ge­ner Steu­er­be­schei­de dro­hen könn­ten. Auch nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts stellt dies auf der Ebe­ne einer abwei­chen­den Steu­er­fest­set­zung aus Bil­lig­keits­grün­den (§ 163 AO) ein begrü­ßens­wer­tes und sinn­vol­les Anlie­gen dar. Ande­rer­seits kann hier­aus jedoch einem Steu­er­pflich­ti­gen, der sich auf das in § 11 Abs. 2 Satz 1 EStG gere­gel­te Abfluss­prin­zip beruft, die Aner­ken­nung sei­nes Begeh­rens nicht ver­wehrt wer­den. Dies kann für den Steu­er­pflich­ten etwa dann von Bedeu­tung sein, wenn er – wie vor­lie­gend die Klä­ge­rin – durch die Häu­fung meh­re­rer Jah­res­ab­rech­nun­gen in einem Jahr über die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Höchst­gren­ze der berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Auf­wen­dun­gen gelangt. Zudem ver­hält sich die Finanz­ver­wal­tung nach Auf­fas­sung des Senats wider­sprüch­lich, wenn sie die Steu­er­ermä­ßi­gung bei Auf­wen­dun­gen für regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Dienst­leis­tun­gen (wie z.B. Rei­ni­gung des Trep­pen­hau­ses, Gar­ten­pfle­ge, Haus­meis­ter) – anders als sol­che für Hand­wer­k­erleis­tun­gen – bereits im Jahr der geleis­te­ten Vor­aus­zah­lun­gen gewährt, obwohl die­se sich auch von Jahr zur Jahr ändern kön­nen. Schließ­lich führt auch die Finanz­ver­wal­tung selbst im genann­ten BMF-Schrei­ben vom 15.02.2010, a.a.O., Rdnr. 40 aus, dass für die Inan­spruch­nah­me der Steu­er­ermä­ßi­gung grund­sätz­lich auf den Ver­an­la­gungs­zeit­raum der Zah­lung abzu­stel­len sei [6].

Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg folgt der Auf­fas­sung von Schmidt/​Kulosa [7] sowie von Heß/​Görn [8], die Rege­lung in Rdnrn. 41 – 43 des BMF-Schrei­bens im Sin­ne eines Wahl­rechts des Steu­er­pflich­ti­gen zu ver­ste­hen, die Auf­wen­dun­gen ent­we­der im Ver­an­la­gungs­zeit­raum der Vor­aus­zah­lung oder ins­ge­samt im Ver­an­la­gungs­zeit­raum der Jah­res­ab­rech­nung gel­tend zu machen. Es wür­de einen nicht gerecht­fer­tig­ten Ver­stoß gegen das in § 11 Abs. 2 EStG gere­gel­te und auch im Bereich der Steu­er­ermä­ßi­gun­gen zu beach­ten­de Abfluss­prin­zip bedeu­ten, wür­de man ein­zel­ne Auf­wen­dun­gen – wie die hier strei­ti­gen Hand­wer­k­erleis­tun­gen – hier­von aus­neh­men.

Auch mög­li­che Prak­ti­ka­bi­li­täts­er­wä­gun­gen ste­hen dem – jeden­falls im vor­lie­gen­den Fall – nicht ent­ge­gen. Denn das FA erließ unter dem Datum 14.01.2010 ohne­hin einen geän­der­ten Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2006, um die Steu­er­ermä­ßi­gung für das haus­halts­na­he Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis zu gewäh­ren. Ange­sichts des­sen hät­te es gera­de einer ver­wal­tungs­öko­no­mi­schen Hand­lungs­wei­se ent­spro­chen, sogleich auch die Steu­er­ermä­ßi­gung für die Hand­wer­k­erleis­tung in Ansatz zu brin­gen.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 20. Novem­ber 2012 – 11 K 838/​10

  1. BGBl. I 2006, 1091[]
  2. vgl. FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 17.05.2006 – 13 K 262/​04, EFG 2006, 1163; eben­so BMF, Schrei­ben vom 15.02.2010, BStBl I 2010, 140, Rdnrn. 23, 40[]
  3. BMF, Schrei­ben vom 15.02.2010, a.a.O., Rdnr. 42, anzu­wen­den ab dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2006: Rdnr. 53[]
  4. wie z. B. Rei­ni­gung des Trep­pen­hau­ses, Gar­ten­pfle­ge, Haus­meis­ter[]
  5. BMF, Schrei­ben vom 15.02.2010, a.a.O.[]
  6. vgl. auch Schmidt/​Kulosa, EStG, Kom­men­tar, 31. Auf­la­ge, § 35a Rz. 17; Apitz, in: Herrmann/​Heuer/​Raupach, EStG, Kom­men­tar, § 35a Anm. 26 „Zah­lungs­zeit­punkt“; Heß/​Görn, DStR 2007, 1804, 1806; Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, Kom­men­tar, § 35a Rdnr. D 15[]
  7. Schmidt/​Kulosa, a.a.O.[]
  8. Heß/​Görn, a.a.O.[]