Xetra-Gold Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen – und der Ver­äu­ße­rungs­ge­winn

Der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung einer an der Bör­se gehan­del­ten Inha­ber­schuld­ver­schrei­bung, die einen Anspruch gegen die Emit­ten­tin auf Lie­fe­rung phy­si­schen Gol­des ver­brieft und den aktu­el­len Gold­preis abbil­det, ist jeden­falls dann nicht nach § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 i.V.m. § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG steu­er­pflich­tig, wenn die Emit­ten­tin ver­pflich­tet ist, das ihr zur Ver­fü­gung gestell­te Kapi­tal nahe­zu voll­stän­dig zum Erwerb von Gold ein­zu­set­zen.

Xetra-Gold Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen – und der Ver­äu­ße­rungs­ge­winn

Bei Xetra-Gold Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen han­delt es sich um bör­sen­fä­hi­ge Wert­pa­pie­re. Die­se gewäh­ren dem Inha­ber das Recht auf Aus­lie­fe­rung eines Gramms Gold, das jeder­zeit unter Ein­hal­tung einer Lie­fer­frist von zehn Tagen gegen­über der Bank gel­tend gemacht wer­den kann. Dane­ben besteht die Mög­lich­keit, die Wert­pa­pie­re an der Bör­se zu han­deln. Zur Besi­che­rung und Erfüll­bar­keit der Aus­lie­fe­rungs­an­sprü­che war die Inha­ber­schuld­ver­schrei­bung jeder­zeit durch phy­sisch ein­ge­la­ger­tes Gold zu min­des­tens 95 % gedeckt.

Nach § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 EStG gehört zu den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen auch der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung von sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG. Nach letzt­ge­nann­ter Vor­schrift gehö­ren zu den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen Erträ­ge aus sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art, wenn die Rück­zah­lung des Kapi­tal­ver­mö­gens oder ein Ent­gelt für die Über­las­sung des Kapi­tal­ver­mö­gens zur Nut­zung zuge­sagt oder geleis­tet wor­den ist, auch wenn die Höhe der Rück­zah­lung oder des Ent­gelts von einem unge­wis­sen Ereig­nis abhängt. Dies gilt unab­hän­gig von der Bezeich­nung und der zivil­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Kapi­tal­an­la­ge (§ 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 2 EStG).

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Besteue­rung nach die­sen Rege­lun­gen sind im Fall der hier ent­schie­de­nen Ver­äu­ße­rung von Xetra-Gold Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen nicht gege­ben, da die von dem Anle­ger ver­äu­ßer­ten Xetra-Gold kei­ne Kapi­tal­for­de­run­gen i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG sind.

Unter den Begriff der Kapi­tal­for­de­rung i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG fal­len alle auf eine Geld­leis­tung gerich­te­ten For­de­run­gen, deren Steu­er­bar­keit sich nicht bereits aus einem ande­ren Tat­be­stand i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 1 bis 6 oder 8 bis 11 EStG ergibt, und zwar ohne Rück­sicht auf die Dau­er der Kapi­tal­über­las­sung oder den Rechts­grund des Anspruchs [1]. Nicht dar­un­ter fal­len indes Ansprü­che auf die Lie­fe­rung ande­rer Wirt­schafts­gü­ter, ins­be­son­de­re auf eine Sach­leis­tung gerich­te­te For­de­run­gen [2].

Danach sind die von dem Anle­ger ver­äu­ßer­ten Xetra-Gold kei­ne sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG, da sie nicht einen Anspruch auf Geld, son­dern auf eine Sach­leis­tung ver­kör­pern. Nach den Emis­si­ons­be­din­gun­gen hat­te der Anle­ger gegen die Emit­ten­tin der Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen aus­schließ­lich einen Anspruch auf die Lie­fe­rung von Gold. Die Zah­lung von Geld war aus­ge­schlos­sen. Zudem war die Emit­ten­tin nach den Emis­si­ons­be­din­gun­gen nicht berech­tigt, über das von ihr bei der Aus­ga­be der Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen ein­ge­sam­mel­te Kapi­tal frei zu ver­fü­gen, da sie ver­pflich­tet war, die­ses zur Besi­che­rung der ver­brief­ten Aus­lie­fe­rungs­an­sprü­che zu min­des­tens 95 % in phy­si­sches Gold zu inves­tie­ren. Sie hat­te danach kein eigen­stän­di­ges Kapi­tal­nut­zungs­recht i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG [3].

Der Anspruch des Anle­gers auf die Lie­fe­rung von Gold wird auch nicht dadurch zu einem Anspruch auf Geld, dass er nach den Emis­si­ons­be­din­gun­gen die Mög­lich­keit hat­te, Xetra-Gold am Sekun­där­markt zu ver­äu­ßern. Die Ver­äu­ße­rung begrün­det ledig­lich ein wei­te­res Rechts­ver­hält­nis, das unab­hän­gig vom schuld­recht­li­chen Lie­fe­rungs­an­spruch, der Gegen­stand der Inha­ber­schuld­ver­schrei­bung ist, zu beur­tei­len ist. Für recht­lich uner­heb­lich erach­tet der Bun­des­fi­nanz­hof in die­sem Zusam­men­hang, dass ‑wie der Anle­ger- eine Viel­zahl von Anle­gern Xetra-Gold und damit den Lie­fer­an­spruch am Sekun­där­markt ver­äu­ßer­ten, um die Kos­ten für die Aus­lie­fe­rung des phy­si­schen Gol­des zu spa­ren. Es steht jedem Steu­er­pflich­ti­gen frei, sich für die nach sei­ner Auf­fas­sung für ihn güns­tigs­te Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve zu ent­schei­den.

Da kei­ne sons­ti­ge Kapi­tal­for­de­rung i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG vor­liegt, sind auch die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 EStG nicht erfüllt. Aus der Geset­zes­be­grün­dung zur Neu­reg­lung die­ser Vor­schrift durch das Unter­neh­men­steu­er­re­form­ge­setz 2008 vom 14.08.2007 [4] wird deut­lich, dass Gewin­ne aus der Ver­äu­ße­rung von Ansprü­chen auf Sach­leis­tun­gen von der Vor­schrift nicht erfasst wer­den sol­len, da die Rege­lung als Auf­fang­tat­be­stand gestal­tet wur­de, um "die Besteue­rung des Ver­mö­gens­zu­flus­ses aus der Ver­äu­ße­rung, Abtre­tung oder End­ein­lö­sung von sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen zu sichern" [5]. Für die­se Aus­le­gung spricht auch die Anwen­dungs­re­ge­lung in § 52a Abs. 10 Satz 6 bis 8 EStG, nach der § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 EStG erst­mals auf nach dem 31.12 2008 zuflie­ßen­de Kapi­tal­erträ­ge aus der Ver­äu­ße­rung sons­ti­ger Kapi­tal­for­de­run­gen anzu­wen­den ist.

Eine Besteue­rung des Ver­äu­ße­rungs­ge­winns nach § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Buchst. b EStG ist unab­hän­gig davon, ob des­sen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gend über­haupt erfüllt sind, aus­ge­schlos­sen, weil die Vor­schrift nach der Anwen­dungs­re­ge­lung in § 52a Abs. 10 Satz 3 EStG erst­mals auf Gewin­ne aus Ter­min­ge­schäf­ten anzu­wen­den ist, bei denen der Rechts­er­werb nach dem 31.12 2008 erfolgt ist. Der Anle­ger hat die in Rede ste­hen­den Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen im Sep­tem­ber 2008 erwor­ben, d.h. vor die­sem Zeit­punkt. § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Buchst. b EStG fin­det daher in dem hier zu ent­schei­den­den Fall schon zeit­lich kei­ne Anwen­dung.

Im Ergeb­nis sind der Erwerb und die Ein­lö­sung oder der Ver­kauf von Xetra-Gold wie ein unmit­tel­ba­rer Erwerb und unmit­tel­ba­rer Ver­kauf phy­si­schen Gol­des zu beur­tei­len. Dass der Anle­ger nicht Eigen­tü­mer des Gol­des war, son­dern nur einen schuld­recht­li­chen Lie­fer­an­spruch besaß, ändert dar­an nichts. Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) hat der­ar­ti­ge "Gold­ge­schäf­te" im Gel­tungs­be­reich der Vor­gän­ger­re­ge­lung stets als pri­va­te Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­te i.S. von § 22 Nr. 2, § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ange­se­hen [6]. Im Streit­fall ist die inso­weit maß­geb­li­che Jah­res­frist zwi­schen Anschaf­fung und Ver­äu­ße­rung jedoch über­schrit­ten, so dass auch die Vor­aus­set­zun­gen für eine Besteue­rung nach die­ser Vor­schrift nicht erfüllt sind.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urtei­le vom 12. Mai 2015 – VIII R 35/​14

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 05.11.2014 – VIII R 28/​11, BFHE 248, 5, BStBl II 2015, 276; vom 04.12 2007 – VIII R 53/​05, BFHE 219, 339, BStBl II 2008, 563; vom 26.06.1996 – VIII R 67/​95, BFH/​NV 1997, 175; vom 12.09.1985 – VIII R 306/​81, BFHE 145, 320, BStBl II 1986, 252, jeweils m.w.N.; Schmid­t/­We­ber-Grel­let, EStG, 34. Aufl., § 20 Rz 100[]
  2. Hamacher/​Dahm in Korn, § 20 EStG Rz 280; Geurts in Bordewin/​Brandt, § 20 EStG Rz 326; Jochum, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 20 Rz C/​7 98; Storg in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 20 Rz 160; Jachmann/​Lindenberg in Lade­mann, EStG, § 20 EStG Rz 392, 423; Blümich/​Ratschow, § 20 EStG Rz 308; Buge in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 20 EStG Rz 295, Stich­wort: Lie­fer­schuld­ver­schrei­bun­gen mit phy­si­scher Deckung; Haisch, Betriebs-Bera­ter 2014, 2333, 2334 f.; a.A. Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom 22.12 2009 – IV C 1‑S 2252/​08/​10004, BStBl I 2010, 94; und vom 09.10.2012 – IV C 1‑S 2252/​10/​10013, BStBl I 2012, 953, jeweils Rz 57; Dorn­heim, Der Betrieb 2014, 2312, 2314 f.[]
  3. vgl. Hamacher/​Dahm in Korn, § 20 EStG Rz 281[]
  4. BGBl I 2007, 1912[]
  5. BT-Drs. 16/​4841, S. 56; BR-Drs. 220/​07, S. 89[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 24.01.2012 – IX R 62/​10, BFHE 236, 362, BStBl II 2012, 564; Hamacher/​Dahm in Korn, § 20 EStG Rz 280; Jochum, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, a.a.O., § 20 Rz C/​7 98; HHR/​Buge, § 20 EStG Rz 295, Stich­wort: Lie­fer­schuld­ver­schrei­bun­gen mit phy­si­scher Deckung; Blümich/​Ratschow, § 20 EStG Rz 308[]