Kin­der­geld für Aus­län­der mit Meis­ter-BAföG

Wenn ein Aus­län­der nach vor­an­ge­gan­ge­ner berech­tig­ter Erwerbs­tä­tig­keit für den Besuch der Meis­ter­schu­le nach dem AFBG geför­dert wird und er über eine Auf­ent­halts­er­laub­nis ver­fügt, kann er Kin­der­geld bean­spru­chen wie Aus­län­der, die lau­fen­de Geld­leis­tun­gen nach dem SGB III bezie­hen.

Kin­der­geld für Aus­län­der mit Meis­ter-BAföG

In einem aktu­ell vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall steht der Klä­ge­rin für die Mona­te Janu­ar 2001 bis August 2002, in denen sie aus­ge­bil­det wur­de, kein Kin­der­geld zu, denn sie war bis zum 10. Sep­tem­ber 2002 ledig­lich gedul­det und damit nicht im Besitz eines Auf­ent­halts­ti­tels i.S. von § 62 Abs. 2 EStG. Ein Anspruch auf Kin­der­geld nach § 62 Abs. 2 Nr. 2 Buchst. c, Nr. 3 EStG schei­det daher aus. Zur wei­te­ren Begrün­dung ver­weist das Gericht auf sei­ne Urtei­le vom 15. März 2007 1, vom 22. Novem­ber 2007 2 und vom 7. April 2011 3.

Bei der Aus­bil­dung der Klä­ge­rin zur Augen­op­ti­ke­rin han­delt es sich auch nicht um eine Erwerbs­tä­tig­keit i.S. des § 62 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. b EStG; die Gleich­set­zung einer Berufs­aus­bil­dung in einem aner­kann­ten Aus­bil­dungs­be­ruf mit einer Erwerbs­tä­tig­keit durch § 8 Abs. 3 Satz 2 AFBG gilt nicht im Hin­blick auf § 62 Abs. 2 EStG.

Für die Mona­te Sep­tem­ber 2003 bis Juli 2005, in denen sie die Meis­ter­schu­le besuch­te, kann die Klä­ge­rin dage­gen Kin­der­geld bean­spru­chen, denn nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­der, die – wie die Klä­ge­rin in die­sem Zeit­raum – über eine Auf­ent­halts­be­fug­nis gemäß § 30 Abs. 4 Aus­lG 1990 bzw. eine Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ver­fü­gen und nach einer vor­an­ge­gan­ge­nen berech­tig­ten Erwerbs­tä­tig­keit im Inland nach den Vor­schrif­ten des AFBG sog. Meis­ter-BAföG bezie­hen, sind i.S. von § 62 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. b EStG den­je­ni­gen Aus­län­dern gleich­zu­stel­len, die lau­fen­de Geld­leis­tun­gen nach dem SGB III bezie­hen.

Die Rege­lung des § 62 Abs. 2 EStG ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, soweit dadurch gedul­de­te Aus­län­der ohne Auf­ent­halts­ti­tel von einem Leis­tungs­an­spruch von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wer­den (BFH, Urteil in BFHE 217, 443, BSt­Bl II 2009, 905)). Sie ent­spricht auch inso­weit den Vor­ga­ben des Beschlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 4, als Aus­län­der mit Auf­ent­halts­ti­teln nach § 23 Abs. 1, §§ 23a, 24 oder 25 Abs. 3 bis 5 Auf­en­thG Kin­der­geld nur bei einem vor­aus­sicht­lich dau­er­haf­ten Auf­ent­halt im Inland erhal­ten, der wie­der­um bei Inte­gra­ti­on in den deut­schen Arbeits­markt durch eine berech­tig­te Erwerbs­tä­tig­keit, den Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB III oder Eltern­zeit unter­stellt wird.

Die Klä­ge­rin ist in den deut­schen Arbeits­markt inte­griert, denn die einer berech­tig­ten Erwerbs­tä­tig­keit nach­fol­gen­de För­de­rung nach dem AFBG ist dem Bezug lau­fen­der Geld­leis­tun­gen nach dem SGB III recht­lich gleich­wer­tig.

Das sog. Meis­ter-BAföG nach dem AFBG för­dert Maß­nah­men, die einen Abschluss in einem nach § 4 des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes oder nach § 25 der Hand­werks­ord­nung aner­kann­ten Aus­bil­dungs­be­ruf, einen ver­gleich­ba­ren bun­des- oder lan­des­recht­lich gere­gel­ten Berufs­ab­schluss oder eine die­sen Berufs­ab­schlüs­sen ent­spre­chen­de beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on vor­aus­set­zen (§ 2 Abs. 1 AFBG) und für die kein Arbeits­lo­sen­geld bei beruf­li­cher Wei­ter­bil­dung oder Arbeits­lo­sig­keit nach dem SGB III geleis­tet wird (§ 3 AFBG). Aus­län­der kön­nen Meis­ter-BAFöG erhal­ten, wenn sie eine Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 5 Auf­en­thG haben und sich seit min­des­tens vier Jah­ren in Deutsch­land unun­ter­bro­chen recht­mä­ßig, gestat­tet oder gedul­det auf­hal­ten (§ 8 Abs. 2 Nr. 2 AFBG) oder sich vor Beginn der Maß­nah­me ins­ge­samt drei Jah­re im Inland auf­ge­hal­ten haben und recht­mä­ßig erwerbs­tä­tig waren; als Erwerbs­tä­tig­keit gilt dabei auch die Zeit in einem Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis in einem nach dem Berufs­bil­dungs­ge­setz und der Hand­werks­ord­nung aner­kann­ten Aus­bil­dungs­be­ruf (§ 8 Abs. 3 AFBG). Der Unter­halts­be­darf für Allein­ste­hen­de erhöht sich, wenn sie ein Kind haben, für das Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG oder dem Bun­des­kin­der­geld­ge­setz besteht (§ 10 Abs. 2 Satz 2 AFBG).

Das SGB III sieht zahl­rei­che För­der­maß­nah­men für Arbeit­neh­mer vor, u.a. Trai­nings­maß­nah­men, die die Arbeits­be­reit­schaft und die Arbeits­fä­hig­keit prü­fen (§ 49 Abs. 2 Nr. 1 SGB III in der bis ein­schließ­lich 2008 gel­ten­den Fas­sung), Berufs­aus­bil­dungs­bei­hil­fe (§ 60 SGB III), berufs­vor­be­rei­ten­de Maß­nah­men (u.a. die Vor­be­rei­tung des nach­träg­li­chen Erwerbs des Haupt­schul­ab­schlus­ses, § 61 Abs. 2 Nr. 2 SGB III in der bis ein­schließ­lich 2008 gel­ten­den Fas­sung) und die För­de­rung der beruf­li­chen Wei­ter­bil­dung, auch bei feh­len­dem Berufs­ab­schluss (§ 77 SGB III).

Die Vor­aus­set­zun­gen des Meis­ter-BAföG sind wesent­lich stren­ger als die des SGB III. Wäh­rend sich das Meis­ter-BAFöG an Fach­kräf­te wen­det, die bereits über eine abge­schlos­se­ne Erst­aus­bil­dung ver­fü­gen, sich auf einen Fort­bil­dungs­ab­schluss zum Hand­werks- oder Indus­trie­meis­ter, Tech­ni­ker, Fach­kauf­mann oder eine ver­gleich­ba­re Qua­li­fi­ka­ti­on vor­be­rei­ten und gemäß § 9 AFBG erwar­ten las­sen, dass sie die Fort­bil­dungs­maß­nah­me erfolg­reich abschlie­ßen wer­den, wer­den Geld­leis­tun­gen nach dem SGB III auch an Per­so­nen erbracht, die nicht über eine nen­nens­wer­te All­ge­mein­bil­dung oder über berufs­be­zo­ge­ne Qua­li­fi­ka­tio­nen ver­fü­gen.

Die Geset­zes­be­grün­dung 5 zeigt, dass der Gesetz­ge­ber in § 62 Abs. 2 Nr. 3 Buchst. b EStG nicht einen abschlie­ßen­den Kata­log schaf­fen, son­dern an Tat­sa­chen anknüp­fen woll­te, die ein dau­er­haf­tes Ver­blei­ben im Inland indi­zie­ren. Die­se wur­den ins­be­son­de­re in der Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit gese­hen; bei aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen sei die Siche­rung des Lebens­un­ter­halts aus eige­ner Erwerbs­tä­tig­keit in der Regel für die Ver­län­ge­rung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis erfor­der­lich und in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung von Grup­pen­blei­be­rechts­re­ge­lun­gen für Asyl­su­chen­de und Gedul­de­te gewe­sen. Eine Benach­tei­li­gung der in den deut­schen Arbeits­markt inte­grier­ten Eltern gegen­über Eltern, die aus­schließ­lich von Sozi­al­hil­fe leb­ten, sei zu ver­mei­den.

Per­so­nen, die – wie die Klä­ge­rin – bereits über einen aner­kann­ten deut­schen Berufs­aus­bil­dungs­ab­schluss ver­fü­gen, danach im Inland berech­tigt erwerbs­tä­tig waren und anschlie­ßend mit einer För­de­rung durch das AFBG den Meis­ter­ti­tel erwer­ben, sind fes­ter und ver­läss­li­cher in den deut­schen Arbeits­markt inte­griert als z.B. unqua­li­fi­zier­te Per­so­nen, die mit För­der­mit­teln nach dem SGB III an Trai­nings­maß­nah­men zur Prü­fung ihrer Arbeits­be­reit­schaft teil­neh­men oder nach­träg­lich den Haupt­schul­ab­schluss erwer­ben, zumal vie­le Aus­län­der die­ser Grup­pe, die Kin­der haben, am Arbeits­markt nicht ohne wei­te­res Ein­künf­te erzie­len kön­nen, die die Grund­si­che­rung deut­lich über­stei­gen. Eine Benach­tei­li­gung von Aus­län­dern, die Meis­ter-BAFöG bezie­hen, gegen­über Aus­län­dern, die Geld­leis­tun­gen nach dem SGB III erhal­ten, wäre daher mit dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 6 nicht zu ver­ein­ba­ren.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. August 2011 – III R 62/​09

  1. III R 93/​03, BFHE 217, 443, BSt­Bl II 2009, 905[]
  2. III R 54/​02, BFHE 220, 45, BSt­Bl II 2009, 913[]
  3. III R 72/​09, BFH/​NV 2011, 1134[]
  4. BVerfG, vom 06.07.2004 – 1 BvL 4/​97, BVerfGE 111, 160, BFH/​NV 2005, Bei­la­ge 2, 114[]
  5. BTDrucks 16/​1368, S. 8 ff.[]
  6. in BVerfGE 111, 160, BFH/​NV 2005, Bei­la­ge 2, 114[]