Post­aus­gangs­kon­trol­le durch das Finanz­amt

Bei Ver­säu­men der Revi­si­ons­frist ist auf Antrag Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn der Revi­si­ons­klä­ger ohne Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Frist ein­zu­hal­ten, und den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag inner­halb eines Monats nach Weg­fall des Hin­der­nis­ses gestellt sowie die zur Begrün­dung des Antrags vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen glaub­haft gemacht hat (§ 56 Abs. 2 Sät­ze 1 und 2 FGO). Für die Beur­tei­lung, ob eine Behör­de eine gesetz­li­che Frist schuld­haft ver­säumt hat, gel­ten grund­sätz­lich die­sel­ben Maß­stä­be, wie sie die Recht­spre­chung für das Ver­schul­den von Ange­hö­ri­gen der rechts- und steu­er­be­ra­ten­den Beru­fe ent­wi­ckelt hat 1.

Post­aus­gangs­kon­trol­le durch das Finanz­amt

Ver­schul­det ist die Frist­ver­säum­nis, wenn die gebo­te­ne und den Umstän­den nach zumut­ba­re Sorg­falt außer Acht gelas­sen wur­de. Jedes Ver­schul­den ‑also auch ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit- schließt die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus 2. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand sind durch prä­sen­te Beweis­mit­tel (§ 155 FGO i.V.m. § 294 Abs. 2 der Zivil­pro­zess­ord­nung) glaub­haft zu machen.

Die Erle­di­gung eines frist­wah­ren­den Schrift­sat­zes muss bis zu sei­ner Absen­dung (Aus­gangs­kon­trol­le) über­wacht wer­den 3. Schrift­sät­ze müs­sen nicht nur recht­zei­tig gefer­tigt und abge­sandt wer­den; viel­mehr ist die Absen­dung in einem beson­de­ren Vor­gang zu kon­trol­lie­ren 4. Die Kon­trol­le der Erle­di­gung und tat­säch­li­chen Absen­dung des jewei­li­gen Schrift­stücks muss durch jeman­den erfol­gen, der den gesam­ten Bear­bei­tungs­vor­gang über­wa­chen kann 5. Die­se Kon­trol­le muss bei einer Ver­sen­dung durch exter­ne Dienst­leis­ter auch die Über­ga­be des Schrift­stücks an den exter­nen Dienst­leis­ter umfas­sen. Die Kon­trol­le der Absen­dung ist hin­ge­gen nicht von der mit der Ver­sen­dung der Post beauf­trag­ten Post­stel­le selbst vor­zu­neh­men 6.

Im Streit­fall ist ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Finanz­amt als Ursa­che für die Frist­ver­säum­nis schon des­halb nicht aus­zu­schlie­ßen, weil offen­sicht­lich kein Fris­ten­kon­troll­buch geführt wur­de. Das Finanz­amt hat inso­weit nichts vor­ge­tra­gen. Es hat ledig­lich einen von der Mit­ar­bei­te­rin der Post­stel­le auf der Revi­si­ons­schrift ange­brach­ten Absen­de­ver­merk vor­ge­legt.

Ein Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel ist indes regel­mä­ßig dann nicht ursäch­lich für die Frist­ver­säum­nis, wenn eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung an Büro­be­diens­te­te erteilt, von die­sen jedoch nicht befolgt wird. Vor­aus­set­zung ist inso­weit aller­dings eine kon­kre­te und prä­zi­se Ein­zel­an­wei­sung 7.

Aus dem Vor­brin­gen des Finanz­amt zur Begrün­dung sei­nes Wie­der­ein­set­zungs­an­trags ergibt sich nicht, dass eine die­sen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­de Ein­zel­an­wei­sung erteilt wor­den war.

Zwar macht das Finanz­amt gel­tend, der Sach­be­ar­bei­ter der Rechts­be­helfs­stel­le habe die Mit­ar­bei­te­rin der Post­stel­le auf die Not­wen­dig­keit der Frist­wah­rung hin­ge­wie­sen und sie gebe­ten, die Revi­si­ons­schrift noch am sel­ben Tag zu ver­sen­den. Es fehlt jedoch an Aus­füh­run­gen dazu, wie sicher­ge­stellt wer­den soll­te, dass Frau B hier­für auch die Ver­sen­dung durch die Fir­ma – X wähl­te, um die Frist zu wah­ren. Zwar bringt das Finanz­amt vor, die Art der Ver­sen­dung von Schrift­stü­cken an den BFH sei der Mit­ar­bei­te­rin bekannt gewe­sen. Jedoch führt es nichts dazu aus, wie sicher­ge­stellt wor­den sei, dass die­se Vor­ga­be regel­mä­ßig oder im Ein­zel­fall ein­ge­hal­ten wur­de.

Im Streit­fall beruht die Frist­ver­säum­nis dar­auf, dass die Revi­si­ons­schrift nicht ‑wie es nach Lage der Din­ge gebo­ten gewe­sen wäre- auf dem Ver­sand­weg über die Fir­ma – X und die Deut­sche Post AG, son­dern auf dem regel­mä­ßig wesent­lich zeit­auf­wän­di­ge­ren Kurier­weg beför­dert wur­de. Dem Finanz­amt war die Tat­sa­che, dass die Ver­sen­dung über Kurier einen wesent­lich höhe­ren Zeit­auf­wand mit sich zu brin­gen pflegt, bekannt. Ent­spre­chend liegt dar­in, dass die Ver­wen­dung des frist­wah­ren­den Ver­sen­de­wegs nicht durch geeig­ne­te Orga­ni­sa­ti­ons­maß­nah­men sicher­ge­stellt wur­de, ein Ver­schul­den des Finanz­amt an der Frist­ver­säum­nis. Denn die Ver­pflich­tung zu einer wirk­sa­men Post­aus­gangs­kon­trol­le umfasst in einem Fall wie dem vor­lie­gen­den, in dem zwei unter­schied­li­che Ver­sen­de­ar­ten mög­lich waren, von denen auf einem Weg ‑mit Kurier­post- eine Frist­wah­rung nicht zu erwar­ten war, nicht nur das "ob" der Ver­sen­dung, son­dern auch die rich­ti­ge Aus­wahl des Ver­sen­de­wegs.

Im Übri­gen hat das Finanz­amt die Rich­tig­keit sei­ner Sach­ver­halts­schil­de­rung nicht durch prä­sen­te Beweis­mit­tel glaub­haft gemacht (z.B. durch Vor­la­ge von eides­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen des Sach­be­ar­bei­ters der Rechts­be­helfs­stel­le und der Mit­ar­bei­te­rin der Post­stel­le). Ins­be­son­de­re hat es nicht ein­mal glaub­haft gemacht, dass der Mit­ar­bei­te­rin die Behör­den­pra­xis hin­sicht­lich der unter­schied­li­chen Ver­sen­de­ar­ten hin­rei­chend bekannt und sie ent­spre­chend ange­wie­sen war.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2014 – VI R 68/​13

  1. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 16.01.2007 – IX R 41/​05, BFH/​NV 2007, 1508; vom 25.11.2008 – III R 78/​06, BFH/​NV 2009, 407; vom 14.05.2013 – IV R 24/​10, BFH/​NV 2013, 1251[]
  2. z.B. BFH, Beschluss vom 22.06.1994 – II R 104/​93, BFH/​NV 1995, 134[]
  3. BFH, Beschlüs­se vom 07.12 1982 – VIII R 77/​79, BFHE 137, 221, BSt­Bl II 1983, 229; vom 09.04.1987 – V B 111/​86, BFHE 149, 146, BSt­Bl II 1987, 441[]
  4. BFH, Beschlüs­se vom 26.08.1997 – VII R 11/​96, BFH/​NV 1998, 70; vom 06.11.1997 – VII R 113/​97, BFH/​NV 1998, 709; vom 21.08.2009 – II B 184/​08, nicht ver­öf­fent­licht[]
  5. BFH, Beschlüs­se vom 08.09.1998 – VII R 136/​97, BFH/​NV 1999, 73, und in BFH/​NV 2007, 1508[]
  6. BFH, Urteil vom 19.12 1984 – I R 7/​82, BFHE 143, 200, BSt­Bl II 1985, 485; BFH, Beschluss in BFHE 149, 146, BSt­Bl II 1987, 441[]
  7. z.B. BFH, Beschluss vom 17.06.2005 – VI R 69/​04, BFH/​NV 2005, 2016[]