Ver­ein­fach­tes Ver­fah­ren – und das recht­li­che Gehör vor dem Finanz­ge­richt

Das Finanz­ge­richt ver­letzt den Anspruch eines Betei­lig­ten auf recht­li­ches Gehör, wenn es gemäß § 94a Satz 1 FGO im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren ohne Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung ent­schei­det, ohne dem Betei­lig­ten zuvor sei­ne dahin­ge­hen­de Absicht und den Zeit­punkt mit­zu­tei­len, bis zu dem er sein Vor­brin­gen in den Pro­zess ein­füh­ren kann.

Ver­ein­fach­tes Ver­fah­ren – und das recht­li­che Gehör vor dem Finanz­ge­richt

Das Gericht erfüllt die­se Hin­weis­pflicht jeden­falls gegen­über einem nicht fach­kun­dig ver­tre­te­nen Betei­lig­ten nicht, wenn es nur dar­auf hin­weist, "als­bald ein Urteil nach bil­li­gem Ermes­sen gemäß § 94a FGO" fäl­len zu wol­len und eine Frist ohne wei­te­re Erläu­te­rung ("Frist: 4 Wochen") ein­räumt.

Das Finanz­ge­richt hat das grund­rechts­glei­che Recht der Klä­ge­rin auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­letzt, da es ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schie­den hat, ohne dies der Klä­ge­rin zuvor in hin­rei­chen­der Deut­lich­keit mit­zu­tei­len. Hier­in liegt ein Ver­fah­rens­man­gel, auf dem das ange­foch­te­ne Urteil beruht (§ 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO).

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts begrün­det Art. 103 Abs. 1 GG zwar kei­nen Anspruch auf die Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung, stellt jedoch sicher, dass sich jeder Ver­fah­rens­be­tei­lig­te vor dem Erlass einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zu dem ihr zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt äußern und Anträ­ge stel­len kann 1. Inso­weit hielt es das BVerfG in einem Fall, in dem ein Zivil­ge­richt gemäß § 495a ZPO im ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren ohne Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung ent­schie­den hat­te, für unbe­acht­lich, dass die­se Pro­zess­rechts­norm selbst eine Anord­nung des schrift­li­chen Ver­fah­rens nicht vor­schreibt. Denn es lei­te­te eine dahin­ge­hen­de Pflicht des Gerichts unmit­tel­bar aus Art. 103 Abs. 1 GG ab. Zur Begrün­dung ver­wies es dar­auf, dass den Par­tei­en sonst die Mög­lich­keit genom­men wer­de, einen Antrag auf münd­li­che Ver­hand­lung gemäß § 495a Satz 2 ZPO zu stel­len 2. Um die­ses Antrags­recht nicht ein­zu­schrän­ken, muss das Gericht, wenn es sich für ein schrift­li­ches Ver­fah­ren ent­schei­det, den Par­tei­en sei­ne Absicht und den Zeit­punkt mit­tei­len, bis zu dem die Par­tei­en ihr Vor­brin­gen in den Pro­zess ein­füh­ren kön­nen 3.

Die­se Grund­sät­ze fin­den auch auf das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren Anwen­dung. Wie § 495a Satz 1 ZPO ermög­licht § 94a Satz 1 FGO bei Ein­hal­tung der dort gere­gel­ten Streit­wert­gren­ze ein Ver­fah­ren nach bil­li­gem Ermes­sen und mit­hin ein schrift­li­ches Ver­fah­ren. Ent­spre­chend § 495a Satz 2 ZPO räumt § 94a Satz 2 FGO den Betei­lig­ten das Recht ein, mit­tels eines Antrags eine münd­li­che Ver­hand­lung her­bei­zu­füh­ren.

Zwar hat­te der Bun­des­fi­nanz­hof bis­lang in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, aus § 94a FGO erge­be sich kein sol­ches Hin­wei­s­er­for­der­nis 4. Die­se Recht­spre­chung ist aber durch die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in NJW-RR 2009, 562 über­holt 5. Denn danach ist die Hin­weis­pflicht unmit­tel­bar aus Art. 103 Abs. 1 GG abzu­lei­ten.

Einer Diver­genz­an­fra­ge bei den betrof­fe­nen Sena­ten gemäß § 11 Abs. 3 FGO bedarf es nicht, da die durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung des Art. 103 Abs. 1 GG gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG für alle Gerich­te bin­dend ist 6.

Im Streit­fall hat das Finanz­ge­richt die­ser Hin­weis­pflicht nicht genügt. Zum einen ist aus dem Hin­weis "als­bald ein Urteil nach bil­li­gem Ermes­sen gemäß § 94a FGO fäl­len" zu wol­len, jeden­falls bei einem nicht fach­kun­dig ver­tre­te­nen Betei­lig­ten ‑wie im Streit­fall der Klä­ge­rin- nicht mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit die Absicht des Gerichts erkenn­bar, im schrift­li­chen Ver­fah­ren ent­schei­den zu wol­len. Zum ande­ren lässt sich aus dem apo­dik­ti­schen Hin­weis "Frist: 4 Wochen" nicht mit hin­rei­chen­der Klar­heit ablei­ten, dass es sich inso­weit um die Frist han­delt, bis zu der die Betei­lig­ten ihr Vor­brin­gen noch in den Pro­zess ein­füh­ren kön­nen; dies gilt erst recht für nicht fach­kun­dig ver­tre­te­ne Betei­lig­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 6. Juni 2016 – III B 92/​15

  1. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 18.11.2008 – 2 BvR 290/​08, NJW-RR 2009, 562, m.w.N.[]
  2. BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se in NJW-RR 2009, 562; vom 04.08.1993 – 1 BvR 279/​93, NJW-RR 1994, 254; und BVerfG, Beschluss vom 14.06.1983 – 1 BvR 545/​82, BVerfGE 64, 203[]
  3. BVerfG, Kam­mer­be­schluss in NJW-RR 2009, 562[]
  4. BFH, Beschlüs­se vom 10.01.1995 – IV B 90/​94, BFH/​NV 1995, 802; vom 11.01.1995 – II B 64/​94, BFH/​NV 1995, 705; vom 16.06.1995 – X B 237/​94, BFH/​NV 1995, 1062; vom 26.03.1996 – XI B 132/​95, BFH/​NV 1996, 696; vom 19.04.1996 – VIII B 41/​95, BFH/​NV 1996, 745; vom 17.05.2001 – IX R 67/​98, BFH/​NV 2001, 1290; vom 27.05.2002 – VII B 187/​01, BFH/​NV 2002, 1356; und vom 03.11.2004 – X B 121/​03, BFH/​NV 2005, 350; eben­so bereits zur Vor­gän­ger­vor­schrift des Art. 3 § 5 des Geset­zes zur Ent­las­tung der Gerich­te in der Ver­wal­tungs- und Finanz­ge­richts­bar­keit vgl. BFH, Beschlüs­se vom 22.07.1983 – VI B 180/​82, BFHE 139, 22, BSt­Bl II 1983, 762; und vom 05.06.1986 – IX R 152/​84, BFH/​NV 1986, 629[]
  5. in die­sem Sin­ne auch Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 94a FGO Rz 2; Loschel­der, Der AO-Steu­er­be­ra­ter 2009, 272[]
  6. BGH, Urteil vom 01.12 1997 – II ZR 85/​97, HFR 1998, 687; Sun­der-Plass­mann in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 11 FGO Rz 61; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 11 FGO Rz 8; Zöller/​Lückemann, ZPO, 31. Aufl., § 132 GVG Rz 4[]