Abstands­mes­sun­gen "Vibram-BAMAS"

Zur Fra­ge eines Beweis­erhe­bungs- und eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots bei Abstands­mes­sun­gen mit der Meß­me­tho­de "Vibram-BAMAS" hat nun auch das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he Stel­lung bezo­gen:

Abstands­mes­sun­gen "Vibram-BAMAS"

Bild- und Video­auf­zeich­nun­gen, die einen Ver­kehrs­vor­gang tech­nisch fixie­ren und zur Iden­ti­fi­zie­rung des Fah­rers oder Fahr­zeugs her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen, stel­len einen Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht in sei­ner Aus­prä­gung als Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung dar 1. Ein sol­cher Ein­griff kann auch bereits im auto­ma­ti­sier­ten Erfas­sen des KfZ-Kenn­zei­chens lie­gen 2.

Danach steht im ent­schie­de­nen Fall außer Fra­ge, dass die mit Hil­fe der manu­ell aus­zu­lö­sen­den Kame­ra ange­fer­tig­ten Licht­bil­der den Betrof­fe­nen in die­sem Grund­recht beein­träch­ti­gen. Dem­ge­gen­über erge­ben die Fest­stel­lun­gen kei­nen Ein­griff durch die Auf­zeich­nun­gen der lau­fen­den, den gesam­ten Ver­kehr erfas­sen­den Über­wa­chungs­ka­me­ra am Brü­cken­ge­län­der. Das erst­in­stanz­lich mit der Buß­geld­sa­che befass­te Amts­ge­richt sieht einen sol­chen Ein­griff aller­dings dar­in, dass nach einem offen­sicht­lich in einem ande­ren Ver­fah­ren erstell­ten Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen, der über einen Zeit­raum von ca. 20 Tagen die gesam­ten Über­sichts­auf­nah­men aus­ge­wer­tet habe, nicht der Fah­rer, wohl aber – bei Vor­lie­gen bestimm­ter äuße­rer Bedin­gun­gen wie Hel­lig­keit, Schwenk­rich­tung der Kame­ra und Posi­tio­nie­rung der Kame­ra unmit­tel­bar über dem über­wach­ten Ver­kehrs­strei­fen – "in bis zu 50% der Fäl­le mit einer Sicher­heit von ca. 90%" das Kenn­zei­chen – also nicht wie an ande­rer Stel­le aus­ge­führt das gesam­te Kenn­zei­chen – erkenn­bar sei. Doch hält die­se Auf­fas­sung der recht­li­chen Über­prü­fung schon des­halb nicht stand, weil das Amts­ge­richt weder fest­ge­stellt hat, dass zum mög­li­chen Tat­zeit­punkt die genann­ten äuße­ren Bedin­gun­gen die Erfas­sung der Kenn­zei­chen durch die Video­auf­nah­men über­haupt erlaub­ten noch dass die Über­sichts­ka­me­ra beim Betrof­fe­nen selbst das Fahr­zeug­kenn­zei­chen auf­ge­nom­men hät­te, so dass im kon­kre­ten Fall ein Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen zu erwä­gen wäre.

Hin­zu kommt, dass ein Ein­griff in das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung nicht schon vor­liegt, wenn ein Auto­kenn­zei­chen – teil­wei­se – auf den Aus­zeich­nun­gen der Über­wa­chungs­ka­me­ra erkenn­bar ist. Maß­geb­lich ist viel­mehr, ob sich mit Blick auf den durch den jewei­li­gen Über­wa­chungs- und Ver­wen­dungs­zweck bestimm­ten Zusam­men­hang das Inter­es­se an den Daten bereits so ver­dich­tet hat, dass bei einer Gesamt­be­trach­tung ein Betrof­fen­sein in einer den Grund­rechts­schutz aus­lö­sen­den Qua­li­tät zu beja­hen ist 3. Dies ist hier nicht der Fall. Die Auf­zeich­nun­gen der am Brü­cken­ge­län­der ange­brach­ten Über­wa­chungs­ka­me­ra die­nen allein dem Zweck, den Abstand zwi­schen den Fahr­zeu­gen fest­zu­stel­len und ggf. durch manu­el­les Aus­lö­sen der zwei­ten Kame­ra Fah­rer und Fahr­zeug zu iden­ti­fi­zie­ren. Dass von den Auf­zeich­nun­gen der Über­wa­chungs­ka­me­ra mög­li­cher­wei­se auch Fahr­zeu­ge von Fah­rern, die nicht in den Ver­dacht einer Ord­nungs­wid­rig­keit gera­ten sind, mit­tels Aus­wer­tung des gesam­ten Films iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen, begrün­det für die Fahr­zeug­füh­rer kei­nen mit dem Ver­wen­dungs­zweck ver­bun­de­nen Gefähr­dungs­tat­be­stand 4. Die Indi­vi­dua­li­sie­rung eines Betrof­fe­nen erfolgt gera­de nicht durch die vom Amts­ge­richt in den Raum gestell­te, nur unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen und auch nur teil­wei­se mög­li­che Iden­ti­fi­zie­rung des Kenn­zei­chens in den Auf­zeich­nun­gen der Über­wa­chungs­ka­me­ra, son­dern durch die ver­dachts­ab­hän­gi­ge Anfer­ti­gung von Bild­auf­nah­men mit­tels der Fahr­bahn­ka­me­ra (vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.08.2010 – 2 BvR 1447/​10)). Für die­se ver­dachts­ab­hän­gi­gen Auf­nah­men sieht das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he aber in Über­ein­stim­mung mit der herr­schen­den ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung 5 und ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich 6 eine gesetz­li­che Ein­griffs­grund­la­ge in den §§ 46 Abs. 1 OWiG, 100h Abs. 1 S. 1 Nr. 1 StPO.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 13. Okto­ber 2010 – 2(6) Ss Bs 404/​10

  1. BVerfG NJW 2009, 3293 f.[]
  2. BVerfG NJW 2008, 1505, 1506[]
  3. BVerfGE NJW 2008, 1505, 1506 f.; Beschluss vom 12.08.2010 – 2 BvR 1447/​10[]
  4. vgl. OLG Stutt­gart DAR 2010, 148; im Ergeb­nis OLG Bam­berg NJW 2010, 100f.; OLG Hamm, Beschluss vom 11.03.2010 – 5 RBs 13/​10[]
  5. OLG Bam­berg NJW 2010, 100f.; OLG Stutt­gart DAR 2010, 148; OLG Hamm, Beschluss vom 11.03.2010 – 5 RBs 13/​10[]
  6. BVerfG, Beschlüs­se vom 05.07.2010 – 2 BvR 759/​10; und vom 12.8.2010 – 2 BvR 1447/​10[]