Das Völ­ker­straf­ge­setz­buch – und die Fra­ge der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te aktu­ell Fra­gen nach der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit für Straf­ta­ten nach dem Völ­ker­straf­ge­setz­buch in Zusam­men­hang mit dem Völ­ker­mord in Ruan­da zu klä­ren:

Das Völ­ker­straf­ge­setz­buch – und die Fra­ge der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat den Ange­klag­ten Dr. M. wegen Rädels­füh­rer­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung in Tat­ein­heit mit Bei­hil­fe zu vier Kriegs­ver­bre­chen zu einer Frei­heits­stra­fe von 13 Jah­ren, den Ange­klag­ten M. wegen Rädels­füh­rer­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung zu einer Frei­heits­stra­fe von acht Jah­ren ver­ur­teilt.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Urteil, soweit es den Ange­klag­ten Dr. M. betrifft, auf des­sen Revi­si­on und die­je­ni­ge des Gene­ral­bun­des­an­walts auf­ge­ho­ben; einen Groß­teil der Fest­stel­lun­gen hat er jedoch auf­recht erhal­ten. Die Revi­si­on des Ange­klag­ten M. sowie die gegen die­sen geführ­te Revi­si­on des Gene­ral­bun­des­an­walts hat der Bun­des­ge­richts­hof hin­ge­gen ver­wor­fen.

Nach den vom Ober­lan­des­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen waren die Ange­klag­ten, die in Ruan­da gebo­ren und bereits Ende der 1980er Jah­re nach Deutsch­land emi­griert waren, bis zu ihrer Inhaf­tie­rung im Novem­ber 2009 in füh­ren­den Posi­tio­nen – als Prä­si­dent und ers­ter Vize­prä­si­dent – für die ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung FDLR (Demo­kra­ti­sche Kräf­te zur Befrei­ung Ruan­das) tätig. Deren armee­ähn­lich orga­ni­sier­te Miliz FOCA (Streit­kräf­te der Befrei­er), zu der meh­re­re tau­send Kämp­fer gehör­ten, hat­te sich bereits seit vie­len Jah­ren an bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Osten der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go betei­ligt. In den Jah­ren 2008 und 2009 nahm die Miliz gewalt­sa­me Über­grif­fe auf die kon­go­le­si­sche Zivil­be­völ­ke­rung vor, zum einen in der Form orga­ni­sier­ter Plün­de­run­gen, zum ande­ren – nach Mili­tär­ope­ra­tio­nen der ruan­di­schen und kon­go­le­si­schen Armee – durch geziel­te Ver­gel­tungs­an­grif­fe auf fünf Sied­lun­gen. Vier die­ser Ver­gel­tungs­an­grif­fe, bei denen zahl­rei­che Zivi­lis­ten getö­tet und eine Viel­zahl von Häu­sern nie­der­ge­brannt wur­den, för­der­te der Ange­klag­te Dr. M. vor­sätz­lich, indem er der FOCA Tele­fon­ein­hei­ten und Zube­hör für Satel­li­ten­te­le­fo­ne zu mili­tä­ri­schen Zwe­cken zuwen­de­te und für die FDLR Öffent­lich­keits- und Pro­pa­gan­daar­beit betrieb. Hin­sicht­lich des fünf­ten Ver­gel­tungs­an­griffs hat sich das Ober­lan­des­ge­richt nicht vom Vor­satz des Ange­klag­ten Dr. M. zu über­zeu­gen ver­mocht.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof das Urteil auf­ge­ho­ben hat, ist die Ent­schei­dung auf die Sach­rü­gen des Ange­klag­ten Dr. M. und des Gene­ral­bun­des­an­walts ergan­gen. Die von bei­den Ange­klag­ten umfäng­lich erho­be­nen Ver­fah­rens­rügen sind hin­ge­gen erfolg­los geblie­ben. Für die Ent­schei­dung sind im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen maß­ge­bend gewe­sen:

Die Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten Dr. M. wegen Bei­hil­fe zu vier Kriegs­ver­bre­chen begeg­net durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken. Zwar ist das Ober­lan­des­ge­richt rechts­feh­ler­frei davon aus­ge­gan­gen, dass FDLR-Mili­zio­nä­re bei den fünf Ver­gel­tungs­an­grif­fen auf kon­go­le­si­sche Sied­lun­gen Kriegs­ver­bre­chen gegen Per­so­nen sowie gegen Eigen­tum und sons­ti­ge Rech­te (§ 8 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 6 Nr. 2, § 9 Abs. 1 Vari­an­te 1, 2 VStGB) ver­üb­ten und der Ange­klag­te Dr. M. für die­se Taten nicht als Täter (insb. mit Blick auf die Vor­ge­setz­ten­ver­ant­wort­lich­keit nach § 4 VStGB) ver­ant­wort­lich ist. Soweit das Ober­lan­des­ge­richt jedoch ange­nom­men hat, der Ange­klag­te Dr. M. habe die Kriegs­ver­bre­chen bei nur vier die­ser Angrif­fe vor­sätz­lich geför­dert, wei­sen die Urteils­grün­de sowohl zu sei­nen Las­ten als auch zu sei­nen Guns­ten Rechts­feh­ler auf. Es ist nicht dar­ge­tan und belegt, dass der Ange­klag­te Dr. M. die Taten in dem Zeit­raum objek­tiv för­der­te oder erleich­ter­te, für den das Ober­lan­des­ge­richt ein vor­sätz­li­ches Ver­hal­ten als erwie­sen erach­tet hat; die Fest­stel­lun­gen zum Gehil­fen­vor­satz sind für alle fünf Angrif­fe unklar und nicht frei von Wider­sprü­chen. Die vom Ober­lan­des­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Beur­tei­lung, die Mili­zio­nä­re hät­ten sich nicht wegen Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit (§ 7 Abs. 1 Nr. 1 VStGB) straf­bar gemacht, hält eben­so wenig revi­si­ons­recht­li­cher Nach­prü­fung stand.

Der Schuld­spruch unter­liegt damit ins­ge­samt der Auf­he­bung, obwohl die Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten Dr. M. wegen in Tat­ein­heit began­ge­ner Rädels­füh­rer­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung (§ 129a Abs. 1 Nr. 1, Abs. 4, § 129b Abs. 1 StGB) für sich gese­hen rechts­feh­ler­frei ist.

Dem­ge­gen­über weist das Urteil weder den Ange­klag­ten M. begüns­ti­gen­de noch ihn benach­tei­li­gen­de Rechts­feh­ler auf. Hin­sicht­lich die­ses Ange­klag­ten ist das Urteil somit rechts­kräf­tig.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Dezem­ber 2018 – 3 StR 236/​17