Der form­los betrau­te Urkunds­be­am­te

Nach § 153 Abs. 5 Satz 1 GVG kön­nen der Bund und die Län­der bestim­men, dass mit Auf­ga­ben eines Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le auch eine Per­son betraut wer­den kann, wel­che die in den Absät­zen 2 oder 3 beschrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt, aber in dem ihr zu über­tra­gen­den Auf­ga­ben­ge­biet einen Wis­sens- und Leis­tungs­stand auf­weist, der dem durch eine Aus­bil­dung nach Absatz 2 ver­mit­tel­ten Stand gleich­wer­tig ist.

Der form­los betrau­te Urkunds­be­am­te

Zwar ist der Erwerb der Eigen­schaft eines Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le danach – eben­so wie nach Absatz 2 Satz 1 und Absatz 3 – an die kon­kre­te Betrau­ung der Per­son mit ent­spre­chen­den Auf­ga­ben geknüpft. Eine beson­de­re Form hier­für sieht § 153 GVG aber in kei­nem die­ser Fäl­le vor; die Betrau­ung kann viel­mehr stets auch form­los gesche­hen, ins­be­son­de­re münd­lich aus­ge­spro­chen wer­den 1.

Auch auf der Grund­la­ge eines form­lo­sen, auf die Über­tra­gung eines ent­spre­chen­den Auf­ga­ben­krei­ses gerich­te­ten Wil­lens­akts der Gerichts- oder Jus­tiz­ver­wal­tung erwirbt die Per­son des­halb (inso­weit) unein­ge­schränkt die Eigen­schaft eines Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le.

Dass § 9 Abs. 1 Satz 2 GOV-Nds dem­ge­gen­über auf eine Ein­engung des Begriffs der Betrau­ung im Sin­ne von § 153 GVG abzielt und die For­de­rung nach Schrift­lich­keit nicht ledig­lich als Ord­nungs­vor­schrift zur Her­stel­lung von Rechts­klar­heit, son­dern als kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment wirk­sa­mer Bestel­lung begreift, wird schon nicht ersicht­lich. Im Übri­gen könn­te Lan­des­recht oder – wie hier – eine Ver­wal­tungs­vor­schrift Tat­be­stands­merk­ma­le des § 153 GVG inhalt­lich ohne­hin nicht modi­fi­zie­ren. Die Öff­nungs­klau­sel des § 153 Abs. 5 Satz 1 GVG stellt es ledig­lich frei, eine Rechts­grund­la­ge für die Betrau­ung ande­rer als der in Absät­zen 2 und 3 genann­ten Per­so­nen zu schaf­fen 2.

Da hier­nach eine dem Tätig­wer­den vor­an­ge­gan­ge­ne 3 form­lo­se Ent­schei­dung der Geschäfts­lei­tung des Land­ge­richts Han­no­ver, die Jus­tiz­an­ge­stell­ten S. und H. mit den Auf­ga­ben eines Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le auch in der Haupt­ver­hand­lung in Straf­sa­chen zu betrau­en, der Rüge den Boden ent­zö­ge, wäre der Beschwer­de­füh­rer gehal­ten gewe­sen, hier­zu vor­zu­tra­gen (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO). Dies über­spannt nicht die Anfor­de­run­gen an den Revi­si­ons­vor­trag. Der Beschwer­de­füh­rer hät­te auch zu die­ser Fra­ge ohne Wei­te­res noch eine Erklä­rung des Prä­si­den­ten des Land­ge­richts Han­no­ver ein­ho­len kön­nen. Nahe gele­gen hät­te dies schon des­halb, weil bereits die mit­ge­teil­te ers­te Aus­kunft vom 20.08.2014 zur Annah­me einer form­lo­sen Beauf­tra­gung gera­de­zu dräng­te. Danach waren bei­de Jus­tiz­an­ge­stell­te einer Ser­vice-Ein­heit zuge­wie­sen, in der die Mit­über­nah­me der Pro­to­koll­füh­rung jeden­falls wün­schens­wert ist 4. Bei­de wur­den zudem schon in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig als Pro­to­koll­füh­re­rin­nen in Haupt­ver­hand­lun­gen tätig; die erfor­der­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on hat die Ver­wal­tung nach eige­ner Aus­sa­ge "durch umfas­sen­de Ein­ar­bei­tung durch Beam­te sicher­ge­stellt".

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Dezem­ber 2014 – 3 StR 489/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.02.2011 1 StR 24/​10, BGHR GVG § 153 Abs. 5 Betrau­ung 1, Rn. 8; Kissel/​Mayer aaO Rn.19; KK-May­er, StPO, 7. Aufl., § 153 GVG Rn. 6; Stein/​Jonas/​Jacobs, ZPO, 22. Aufl., § 153 GVG Rn.19, 21; jeweils mwN[]
  2. vgl. Kissel/​Mayer aaO Rn. 22[]
  3. BGH aaO, Rn. 6[]
  4. Anla­ge 1 zu den GOV-Nds[]