Der frü­he­re Staats­an­walt – als Rich­ter in der Fol­ge­sa­che

Nach § 22 Nr. 4 StPO ist ein Rich­ter u.a. dann von der Aus­übung sei­nes Amtes aus­ge­schlos­sen, wenn er "in der Sache" als Beam­ter der Staats­an­walt­schaft tätig gewe­sen ist.

Der frü­he­re Staats­an­walt – als Rich­ter in der Fol­ge­sa­che

Unter "der Sache" ist grund­sätz­lich das­je­ni­ge Ver­fah­ren zu ver­ste­hen, wel­ches die straf­recht­li­che Ver­fol­gung einer bestimm­ten Straf­tat zum Gegen­stand hat. Es kommt also in ers­ter Linie auf die Iden­ti­tät des his­to­ri­schen Ereig­nis­ses an, um des­sen Auf­klä­rung es zu der Zeit ging, als der Rich­ter in nicht­rich­ter­li­cher Funk­ti­on tätig war. Der Annah­me einer sol­chen Iden­ti­tät steht auch das Vor­lie­gen meh­re­rer selb­stän­di­ger Taten im Sin­ne des § 264 StPO nicht ent­ge­gen. Viel­mehr ent­schei­det in sol­chen Fäl­len regel­mä­ßig die Ein­heit der Haupt­ver­hand­lung; sie kann auch sol­che Vor­gän­ge, die bei natür­li­cher Betrach­tung als ver­schie­de­ne his­to­ri­sche Ereig­nis­se erschei­nen, zu einer Ein­heit zusam­men­fas­sen 1.

Aller­dings ist in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass die Vor­schrift des § 22 Nr. 4 StPO kei­nes­wegs nur dazu da ist, das Straf­ver­fah­ren gegen eine aus frü­he­rer ander­wei­ti­ger Tätig­keit abzu­lei­ten­de Vor­ein­ge­nom­men­heit zu schüt­zen. Sie ist viel­mehr auch dazu bestimmt, bereits den Schein eines Ver­dachts der Par­tei­lich­keit zu ver­mei­den 2. Dar­aus kann sich die Not­wen­dig­keit erge­ben, § 22 Nr. 4 StPO auch anzu­wen­den, wenn es an der für den Nor­mal­fall vor­aus­ge­setz­ten Ver­fah­rens­ein­heit fehlt. Der Ver­dacht der Par­tei­lich­keit kann jedoch bei meh­re­ren für eine ein­heit­li­che Behand­lung in Betracht zu zie­hen­den Ver­fah­ren ver­nünf­ti­ger­wei­se nur auf­kom­men, wenn zumin­dest ein enger und für die zu tref­fen­de Ent­schei­dung bedeut­sa­mer Sach­zu­sam­men­hang besteht 3.

So war auch eine "Ein­heit der Sache" in die­sem Sin­ne gemäß § 22 Nr. 4 StPO im hier ent­schie­de­nen Fall gege­ben:

Zwi­schen dem vom bei­sit­zen­den Rich­ter im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren zu beur­tei­len­den Sach­ver­halt und dem von ihm in sei­ner frü­he­ren Funk­ti­on als Staats­an­walt bear­bei­te­ten Ver­fah­rens­kom­plex besteht ein sol­cher enger und bedeut­sa­mer Sach­zu­sam­men­hang. So betrifft die vom Land­ge­richt abzu­ur­tei­len­de Tat mit der Abga­be von Betäu­bungs­mit­teln durch den Ange­klag­ten an den 16jährigen Zeu­gen G. im Tat­zeit­raum einen gleich­ge­la­ger­ten Lebens­sach­ver­halt zu dem frü­her geführ­ten Ermitt­lungs­ver­fah­ren mit fast naht­los anein­an­der anschlie­ßen­den Tat­zeit­räu­men. Bei bei­den Taten war die Aus­sa­ge und die Glaub­wür­dig­keit des Zeu­gen G. für den Tat­nach­weis von wesent­li­cher Bedeu­tung. Ein sol­cher enger Sach­zu­sam­men­hang bestand auch in Bezug auf das uner­laub­te Ver­brin­gen und den Besitz der halb­au­to­ma­ti­schen Kurz­waf­fe.

Da die Mit­wir­kung des kraft Geset­zes aus­ge­schlos­sen Rich­ters damit rechts­feh­ler­haft war, kann das Urteil kei­nen Bestand haben. Das Urteil beruht kraft Geset­zes auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß (§ 338 StPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2018 – 1 StR 454/​18

  1. BGH, Urtei­le vom 02.12 2003 – 1 StR 102/​03, Stra­Fo 2004, 91; und vom 16.01.1979 – 1 StR 575/​78, BGHSt 28, 262, 263 mwN[]
  2. BGH, Urtei­le vom 02.12 2003 – 1 StR 102/​03, Stra­Fo 2004, 91; vom 16.01.1979 – 1 StR 575/​78, BGHSt 28, 262, 265; und vom 25.05.1956 – 2 StR 96/​56, BGHSt 9, 193, 194 f.; Beschluss vom 12.08.2010 – 4 StR 378/​10, NStZ 2011, 106[]
  3. BGH, Urtei­le vom 02.12 2003 – 1 StR 102/​03, Stra­Fo 2004, 91; vom 16.01.1979 – 1 StR 575/​78, BGHSt 28, 262, 265; und vom 25.05.1956 – 2 StR 96/​56, BGHSt 9, 193, 195[]