Die unbe­rech­tigt ver­ge­be­ne TÜV-Pla­ket­te – und die Falsch­be­ur­kun­dung im Amt

Die an dem Fahr­zeug­kenn­zei­chen ange­brach­te Prüf­pla­ket­te beur­kun­det mit beson­de­rer Beweis­kraft im Sin­ne des § 348 Abs. 1 StGB neben dem Ter­min der nächs­ten Haupt­un­ter­su­chung auch die Vor­schrifts­mä­ßig­keit des Fahr­zeugs zum Zeit­punkt der Durch­füh­rung der Haupt­un­ter­su­chung.

Die unbe­rech­tigt ver­ge­be­ne TÜV-Pla­ket­te – und die Falsch­be­ur­kun­dung im Amt

Ein Prüf­in­ge­nieur ist ein zur Auf­nah­me öffent­li­cher Urkun­den befug­ter Amts­trä­ger im Sin­ne des § 11 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. c StGB.

Die von die­sem bzw. dem Sach­be­ar­bei­ter der zustän­di­gen Zulas­sungs­stel­le zuge­teil­te und an dem Fahr­zeug­kenn­zei­chen ange­brach­te Prüf­pla­ket­te beur­kun­det mit beson­de­rer Beweis­kraft im Sin­ne des § 348 Abs. 1 StGB die Vor­schrifts­mä­ßig­keit des Fahr­zeugs.

Der Begriff der öffent­li­chen Urkun­de im Sin­ne von § 348 StGB umfasst nur sol­che Urkun­den, die bestimmt und geeig­net sind, Beweis für und gegen jeder­mann zu erbrin­gen 1. Dabei erfasst auch bei einer öffent­li­chen Urkun­de die Straf­be­weh­rung in § 348 StGB nur die­je­ni­gen Erklä­run­gen, Ver­hand­lun­gen und Tat­sa­chen, auf die sich der öffent­li­che Glau­be, d.h. die vol­le Beweis­wir­kung für und gegen jeder­mann, erstreckt. Wel­che Anga­ben dies im Ein­zel­nen sind, ist der Inhalts­be­stim­mung durch gesetz­li­che Rege­lung zu ent­neh­men 2. Fehlt es an einer aus­drück­li­chen Vor­schrift, sind die Anga­ben mit­tel­bar den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen zu ent­neh­men, die für die Errich­tung und den Zweck der Urkun­de maß­geb­lich sind 3. Wesent­li­che Kri­te­ri­en zur Bestim­mung der Reich­wei­te des öffent­li­chen Glau­bens sind dabei neben dem Beur­kun­dungs­in­halt als sol­chem das Ver­fah­ren und die Umstän­de des Beur­kun­dungs­vor­gangs sowie die Mög­lich­keit des die Beschei­ni­gung aus­stel­len­den Amts­trä­gers, die Rich­tig­keit der Beur­kun­dung zu über­prü­fen; auch ist die Anschau­ung des Rechts­ver­kehrs zu beach­ten 4.

Die HU-Prüf­pla­ket­te stellt in Ver­bin­dung mit dem amt­lich zuge­las­se­nen Kenn­zei­chen und der ent­spre­chen­den Ein­tra­gung in der Zulas­sungs­be­schei­ni­gung Teil I eine (zusam­men­ge­setz­te) öffent­li­che Urkun­de dar 5, wobei die Reich­wei­te der erhöh­ten Beweis­kraft der HU-Prüf­pla­ket­te in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung und in der Lite­ra­tur nicht ein­heit­lich gese­hen wird 6.

Dass die Prüf­pla­ket­te den Nach­weis über den Ter­min der nächs­ten Haupt­un­ter­su­chung erbringt, ergibt sich schon aus ihrem opti­schen Erklä­rungs­wert. Dane­ben – und in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang damit ste­hend – beinhal­tet vor dem Hin­ter­grund der Rege­lung in § 29 Abs. 3 Satz 2 StVZO die Prüf­pla­ket­te für und gegen jeder­mann auch den Nach­weis, dass die geprüf­ten Fahr­zeu­ge zum Zeit­punkt der letz­ten Haupt­un­ter­su­chung als vor­schrifts­mä­ßig befun­den wur­den 7. Denn § 29 Abs. 3 Satz 2 StVZO bestimmt, dass die ange­brach­te Prüf­pla­ket­te beschei­nigt, dass das Fahr­zeug zum Zeit­punkt der Unter­su­chung vor­schrifts­mä­ßig nach Num­mer 1.2 der Anla­ge VIII zur StVZO ist. Die in Bezug genom­me­ne Num­mer 1.2 Anla­ge VIII zur StVZO ent­hält wei­te­re Rege­lun­gen über die Haupt­un­ter­su­chung und deren Durch­füh­rung. In Num­mer 3.1.4 Anla­ge VIII zur StVZO ist für die vier mög­li­chen Ergeb­nis­se der Haupt­un­ter­su­chung (Fest­stel­lung von kei­nen Män­geln, gerin­gen Män­geln, erheb­li­chen Män­geln sowie Män­geln, die das Fahr­zeug ver­kehrs­un­si­cher machen) im Ein­zel­nen auf­ge­führt, wel­che Kon­se­quen­zen sich dar­aus für die Ertei­lung der HU-Prüf­pla­ket­te erge­ben. Num­mern 3.1.4.1 und 3.1.4.2 Anla­ge VIII zur StVZO sehen vor, dass eine HU-Prüf­pla­ket­te zuge­teilt und ange­bracht wer­den kann, wenn ent­we­der kei­ne oder nur gerin­ge Män­gel, deren unver­züg­li­che Besei­ti­gung (spä­tes­tens inner­halb eines Monats) zu erwar­ten ist, fest­ge­stellt wer­den. In Num­mer 3.1.4.3 Anla­ge VIII zur StVZO ist bestimmt, dass bei Fest­stel­lung erheb­li­cher Män­gel die­se in den Unter­su­chungs­be­richt ein­zu­tra­gen sind und (zunächst) kei­ne HU-Prüf­pla­ket­te zuge­teilt wer­den darf. Ange­sichts die­ser ein­deu­ti­gen Rege­lun­gen ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Fest­stel­lung des Nicht­vor­han­den­seins erheb­li­cher Män­gel kraft Geset­zes Inhalt der Urkun­de ist.

Die Gegen­an­sicht, durch Ertei­lung der HU-Prüf­pla­ket­te wer­de mit Beweis­wir­kung für und gegen jeder­mann nur der Nach­weis des Ter­mins der nächs­ten Haupt­un­ter­su­chung erbracht 8, über­zeugt vor dem Hin­ter­grund der aus­drück­li­chen Bestim­mung des Urkun­den­in­halts in der StVZO nicht. Dies gilt auch beson­ders mit Blick auf die Gesetz­ge­bungs­his­to­rie. Wäh­rend sich nach der bis 1980 gül­ti­gen Fas­sung von § 29 StVZO aus der Prüf­pla­ket­te kei­ne Erklä­rung über den Zustand des Fahr­zeugs ergab, sie viel­mehr nur das beschei­nig­te, was aus­drück­lich auf ihr ange­ge­ben war, näm­lich den Zeit­punkt der nächs­ten fäl­li­gen Haupt­un­ter­su­chung (vgl. § 29 Abs. 2 Satz 1 StVZO in der Fas­sung vom 15.11.1974 9), beschei­nig­te die Prüf­pla­ket­te nach der Fas­sung des § 29 StVZO von 1980, "dass das Fahr­zeug zum Zeit­punkt sei­ner letz­ten Haupt­un­ter­su­chung bis auf etwai­ge gerin­ge Män­gel für vor­schrifts­mä­ßig befun­den wor­den ist" (vgl. § 29 Abs. 2a StVZO idF vom 15.01.1980 10). Maß­geb­lich für die Ände­rung waren – so der Ver­ord­nungs­ge­ber unter Bezug­nah­me auf eine Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm 11 – Zwei­fel über die Bedeu­tung der Prüf­pla­ket­te 12. So habe das Ober­lan­des­ge­richt Hamm aus­ge­führt, dass in der StVZO nicht ein­deu­tig bestimmt sei, dass das Fahr­zeug mit der Ertei­lung der Prüf­pla­ket­te für vor­schrifts­mä­ßig befun­den wur­de; die neue Rege­lung brin­ge nun die "erfor­der­li­che Klar­stel­lung" 12. Soweit das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt die­se Geset­zes­än­de­rung mit der Begrün­dung für unmaß­geb­lich erklärt, dass es schon immer Sinn und Zweck der HU-Pla­ket­te gewe­sen sei, die Ver­kehrs­taug­lich­keit des Fahr­zeugs zu beschei­ni­gen 13, wird die Bedeu­tung der Geset­zes­än­de­rung ver­kannt. Mit der geän­der­ten gesetz­li­chen Rege­lung hat der Gesetz­ge­ber ein­deu­tig ent­schie­den, dass die Fest­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit des Fahr­zeugs Inhalt der Urkun­de ist. Ange­sichts der aus­drück­li­chen Bestim­mung des Urkun­den­in­halts in der StVZO ist auch nicht von Bedeu­tung, dass der Erklä­rungs­ge­halt kei­nen Nie­der­schlag in der Gestal­tung der HU-Prüf­pla­ket­te (Anla­ge IX zu § 29 StVZO) und/​oder des ent­spre­chen­den Ein­trags in der Zulas­sungs­be­schei­ni­gung Teil I fin­det 14. Ent­ge­gen der Mei­nung des Baye­ri­schen Obers­ten Lan­des­ge­richts han­delt es sich schließ­lich bei der Fest­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit eines Kraft­fahr­zeugs auch nicht ledig­lich um ein der Beur­kun­dung nicht fähi­ges Wert­ur­teil 13, son­dern um durch Num­mer 1.2 Anla­ge VIII zur StVZO hin­rei­chend klar bestimm­te Tat­sa­chen 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. August 2018 – – 1 StR 172/​18

  1. allg. Mei­nung; vgl. nur BGH, Beschluss vom 02.07.1968 – GSSt 1/​68, BGHSt 22, 201, 203; Urteil vom 16.04.1996 – 1 StR 127/​96, BGHSt 42, 131; Zieschang in Leip­zi­ger Kom­men­tar, StGB, 12. Aufl., § 348 Rn.20[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 27.08.1998 – 4 StR 198/​98, BGHSt 44, 186; Beschlüs­se vom 02.12 2014 – 1 StR 31/​14, BGHSt 60, 66, 67 f.; vom 30.10.2008 – 3 StR 156/​08, BGHSt 53, 34, 36; und vom 02.07.1968 – GSSt 1/​68, BGHSt 22, 201, 203[]
  3. BGH, aaO[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 27.08.1998 – 4 StR 198/​98, BGHSt 44, 186, 188 sowie Beschlüs­se vom vom 02.12 2014 – 1 StR 31/​14, BGHSt 60, 66, 68; und vom 30.10.2008 – 3 StR 156/​08, BGHSt 53, 34, 36[]
  5. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 25.07.2011 – 31 Ss 30/​11, NJW 2011, 2983, 2984; BayO­bLG, Urteil vom 29.10.1998 – 5 St RR 167/​98, BayO­bLGSt 1998, 183; Zieschang in Leip­zi­ger Kom­men­tar, StGB, 12. Aufl., § 348 Rn.20[]
  6. vgl. zum Mei­nungs­stand Pup­pe/​Schumann in Kindhäuser/​Neumann/​Paeffgen, StGB, 5. Aufl., § 348 Rn. 21[]
  7. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 06.05.1991 – 3 Ss 34/​91, NZV 1991, 318, 319; Claus, NStZ 2014, 66, 67; Puppe/​Schumann in Kindhäuser/​Neumann/​Paeffgen, StGB, 5. Aufl., § 348 Rn. 21; Hecker in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 348 Rn. 9; Freund in Mün­che­ner Kom­men­tar, StGB, 2. Aufl., § 348 Rn. 31[]
  8. Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschluss vom 02.07.2015 – (2) 53 Ss 38/​15 (35/​15), 2 Ws 81/​15 14 ff.; BayO­bLG, Urteil vom 29.10.1998 – 5 St RR 167/​98, BayO­bLGSt 1998, 183 f.; Fischer, StGB, 65. Aufl., § 348 Rn. 6a; Zieschang in Leip­zi­ger Kom­men­tar, StGB, 12. Aufl., § 348 Rn.20[]
  9. BGBl. I 1974 S. 3193, BGBl. I 1975 S. 848[]
  10. BGBl. I S. 37, 38[]
  11. vgl. OLG Hamm, Urteil vom 26.04.1974 – 1 Ss 34/​74, MDR 1974, 857[]
  12. vgl. BR-Drs. 508/​79 S. 1, 113[][]
  13. vgl. BayO­bLG, Urteil vom 29.10.1998 – 5 St RR 167/​98, BayO­bLGSt 1998, 183, 184[][]
  14. so aber Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschluss vom 02.07.2015 – (2) 53 Ss 38/​15 (35/​15), 2 Ws 81/​15 21[]
  15. vgl. Puppe/​Schumann in Kindhäuser/​Neumann/​Paeffgen, StGB, 5. Aufl., § 348 Rn. 21[]