Die Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin – und der Aus­schluss des Ange­klag­ten

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Ver­hand­lung über die Ent­las­sung eines Zeu­gen grund­sätz­lich ein wesent­li­cher Teil der Haupt­ver­hand­lung, die wäh­rend­des­sen fort­dau­ern­de Abwe­sen­heit des nach § 247 Satz 1 oder Satz 2 StPO ent­fern­ten Ange­klag­ten also regel­mä­ßig geeig­net, den abso­lu­ten Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO zu begrün­den1.

Die Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin – und der Aus­schluss des Ange­klag­ten

Die das Anwe­sen­heits­recht und die Anwe­sen­heits­pflicht des Ange­klag­ten betref­fen­den Vor­schrif­ten bezwe­cken unter ande­rem, dem Ange­klag­ten eine unein­ge­schränk­te Ver­tei­di­gung zu ermög­li­chen, ins­be­son­de­re auf Grund des von ihm selbst wahr­ge­nom­me­nen Ver­laufs der Haupt­ver­hand­lung. Das wird ihm durch sei­nen Aus­schluss von der Ver­hand­lung über die Ent­las­sung des Zeu­gen erschwert, weil er in unmit­tel­ba­rem Anschluss an die Zeu­gen­ver­neh­mung kei­ne Fra­gen oder Anträ­ge stel­len kann, die den Ver­fah­rens­aus­gang beein­flus­sen kön­nen2.

Gemes­sen dar­an kommt der ergän­zen­den Ver­neh­mung einer Opfer­zeu­gin grund­sätz­lich erheb­li­che Bedeu­tung für das Ver­fah­ren zu, sodass der Ange­klag­te nach einer sol­chen eben­falls stets die Mög­lich­keit haben muss, ergän­zen­de Fra­gen oder Anträ­ge zu stel­len3.

Beim Vor­wurf von Sexu­al­straf­ta­ten liegt es sogar nahe, dass Umstän­de zum Tat­ge­sche­hen selbst dann erör­tert wer­den, wenn es nur des­halb zu einer erneu­ten Ver­neh­mung der Opfer­zeu­gin kommt, weil Fra­gen zum Rand­ge­sche­hen noch geklärt wer­den müs­sen. Kein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter ist in einem sol­chen Fall recht­lich gehin­dert, bis­her noch nicht gestell­te, aber zur Sache gehö­ren­de und damit den gesam­ten Ankla­ge­vor­wurf betref­fen­de Fra­gen zu stel­len.

Die­ser Mög­lich­keit zu ergän­zen­den Fra­gen kommt ins­be­son­de­re dann beson­de­re Bedeu­tung zu, wenn – wie im vor­lie­gen­den Fall – der Ange­klag­te nach dem zutref­fen­den Vor­trag der Revi­si­on bereits gemäß § 247 StPO von der Teil­nah­me an der Ver­hand­lung über die Ent­las­sung der Neben­klä­ge­rin nach ihrer ers­ten Zeu­gen­ver­neh­mung aus­ge­schlos­sen war.

Die beson­de­re Ver­fah­rens­be­deu­tung der zwei­ten Zeu­gen­ver­neh­mung liegt in sol­chen Fäl­len dar­in, dass mit die­ser Ver­neh­mung der Ver­fah­rens­feh­ler, dem Ange­klag­ten bei der Ver­hand­lung über die Ent­las­sung nach der ers­ten Zeu­gen­ver­neh­mung der Neben­klä­ge­rin die Anwe­sen­heit nicht zu gestat­ten, geheilt wur­de4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2014 – 4 StR 302/​14

  1. BGH, Beschluss vom 21.04.2010 – GSSt 1/​09, BGHSt 55, 87, 92 []
  2. BGH aaO []
  3. BGH, Beschluss vom 11.03.2014 – 1 StR 711/​13, aaO, 533 mwN []
  4. BGH, aaO, 533 []