Ein­bruch­dieb­stahl – und der Wohn­wa­gen als Woh­nung

Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen sind jeden­falls dann, wenn sie Men­schen zumin­dest vor­über­ge­hend zur Unter­kunft die­nen, Woh­nung im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB.

Ein­bruch­dieb­stahl – und der Wohn­wa­gen als Woh­nung

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof für nächt­li­che Ein­brü­che in auf Auto­bahn­park­plät­zen gepark­te Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen, in denen deren Insas­sen schlie­fen, und aus deren Innen­räu­men die Täter jeweils Wert­ge­gen­stän­de wie Smart­pho­nes, Rin­ge und Bar­geld ent­wen­de­ten, um sich zu berei­chern.

Bei den auf Auto­bahn­park­plät­zen gepark­ten Wohn­mo­bi­len bzw. Wohn­wa­gen, die zu den Tat­zei­ten von den Insas­sen zur Über­nach­tung genutzt wur­den, han­del­te es sich um Woh­nun­gen im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bis­lang noch nicht ent­schie­den, ob und ggf. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Wohn­mo­bi­le oder Wohn­wa­gen als „Woh­nun­gen“ von § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB tat­be­stand­lich erfasst wer­den. Nach sei­ner Recht­spre­chung han­delt es sich aller­dings bei Wohn­mo­bi­len um eine „ande­re Räum­lich­keit, die der Woh­nung von Men­schen dient“ i.S.v. § 306a Abs. 1 Nr. 1 StGB, wenn die­ses sei­nem Nut­zer jeden­falls vor­über­ge­hend als Mit­tel­punkt sei­nes Lebens dient, was nicht nur in der Nut­zung als Fort­be­we­gungs­mit­tel, son­dern auch in der Nut­zung zum Schla­fen sowie zur Zube­rei­tung und Ein­nah­me von Mahl­zei­ten u.ä. zum Aus­druck kommt [1]. Die Woh­nungs­ei­gen­schaft ver­liert ein Wohn­mo­bil nicht auf­grund des Umstan­des ledig­lich zeit­wei­li­ger Nut­zung [2]. Dem­entspre­chend bewer­tet der Bun­des­ge­richts­hof ein Wohn­mo­bil sogar dann als zur Woh­nung von Men­schen die­nen­de Räum­lich­keit i.S.v. § 306a Abs. 1 Nr. 1 StGB, wenn die­ses zur Tat­zeit nicht kon­kret zum Woh­nen genutzt wird.

In der Straf­rechts­wis­sen­schaft wird kon­tro­vers beur­teilt, ob es sich bei Wohn­mo­bi­len und Wohn­wa­gen um Woh­nun­gen i.S.v. § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB han­delt [3].

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und vor allem der Zweck von § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB spre­chen dafür, Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen jeden­falls dann als „Woh­nun­gen“ anzu­se­hen, wenn die Tat zu einem Zeit­punkt erfolgt, zu denen eine tat­säch­li­che Wohn­nut­zung statt­fin­det.

Der Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahl wur­de mit dem 6. Gesetz zur Reform des Straf­rechts (6. StrRG) vom 26.01.1998 [4] aus dem Kata­log der Regel­bei­spie­le des § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StGB aF her­aus­ge­nom­men und zum Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand auf­ge­wer­tet. Der Ein­bruch­dieb­stahl aus Woh­nun­gen ist seit­her gegen­über den übri­gen Ein­bruch­dieb­stäh­len mit einer im Min­dest­maß dop­pelt so hohen Stra­fe bedroht und kann nicht mehr mit Geld­stra­fe geahn­det wer­den. Das Gering­fü­gig­keits­pri­vi­leg des § 243 Abs. 2 StGB fin­det auf Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stäh­le kei­ne Anwen­dung mehr. Eine Rege­lung für min­der schwe­re Fäl­le sieht § 244 StGB nicht vor. Die­se mit einer deut­li­chen Straf­schär­fung ein­her­ge­hen­de Geset­zes­än­de­rung erfor­dert des­halb eine sorg­fäl­ti­ge Abgren­zung des Begriffs der Woh­nung im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB von den übri­gen Räum­lich­kei­ten, die wei­ter­hin dem Schutz­be­reich des § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StGB unter­fal­len [5]. Der Woh­nungs­be­griff des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB ist dabei eigen­stän­dig und anhand des beson­de­ren Schutz­zwecks der Vor­schrift zu bestim­men [6].

Der Gesetz­ge­ber hat die Straf­schär­fung des Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahls mit der Erwä­gung begrün­det, es han­de­le sich um eine Straf­tat, die tief in die Intim­sphä­re des Opfers ein­grei­fe und zu erns­ten psy­chi­schen Stö­run­gen, etwa lang­wie­ri­gen Angst­zu­stän­den füh­ren kön­ne; nicht sel­ten sei­en Woh­nungs­ein­brü­che zudem mit Gewalt­tä­tig­kei­ten gegen Men­schen und Ver­wüs­tun­gen von Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den ver­bun­den [7]. Anlass für die Höher­stu­fung des Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahls war somit nicht etwa der beson­de­re Schutz von in einer Woh­nung – und damit beson­ders sicher – auf­be­wahr­ten Gegen­stän­den, son­dern die mit einem Woh­nungs­ein­bruch ein­her­ge­hen­de Ver­let­zung der Pri­vat­sphä­re des Tat­op­fers [8]. Bezweckt also der Tat­be­stand des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB neben dem Schutz des Eigen­tums den ver­stärk­ten Schutz der häus­li­chen Pri­vat- und Intim­sphä­re, schei­det des­sen Anwend­bar­keit aus, wenn der Täter in Räum­lich­kei­ten ein­steigt oder ein­bricht, die nicht die­sem beson­de­ren Schutz­be­reich zuzu­ord­nen sind.

Aus­ge­hend vom Schutz­zweck der Norm kön­nen auch Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen Woh­nung im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB sein. Denn bei ihnen han­delt es sich um umschlos­se­ne Räum­lich­kei­ten, die einen erhöh­ten Eigen­tums- und Gewahr­sams­schutz bie­ten und die, wenn sie Men­schen zu Unter­kunft die­nen, eine räum­li­che Pri­vat- und Intim­sphä­re ver­mit­teln [9].

Soweit in der Lite­ra­tur teil­wei­se ver­tre­ten wird, der Schutz­be­reich des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB beschrän­ke sich auf Räum­lich­kei­ten, die dau­er­haft dem Kern­be­reich der pri­va­ten Lebens­füh­rung die­nen [10] oder zumin­dest für län­ge­re Zeit den Mit­tel­punkt des pri­va­ten Lebens bil­den [11], folgt dem der Bun­des­ge­richts­hof nicht. Auch Räum­lich­kei­ten die, wie es bei Wohn­mo­bi­len und Wohn­wa­gen regel­mä­ßig der Fall ist, Men­schen nur zur vor­über­ge­hen­den Unter­kunft die­nen, sind Woh­nun­gen im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB, wenn sie ent­spre­chend genutzt wer­den [12]. Denn auch sie kön­nen im Zeit­raum ihrer Nut­zung als Unter­kunft eine räum­li­che Pri­vat- und Intim­sphä­re ver­mit­teln [13]. Auch bei bloß vor­über­ge­hen­dem Gebrauch hat der Nut­zer eines Wohn­mo­bils oder Wohn­wa­gens wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts dort den gewähl­ten Mit­tel­punkt des pri­va­ten Daseins und Wir­kens [14]. Das Vor­han­den­sein von Schlaf­plät­zen kenn­zeich­net eine Woh­nung typi­scher­wei­se, ohne aber not­wen­di­ges Merk­mal einer sol­chen zu sein [15]. Ins­be­son­de­re aber dann, wenn ein Wohn­mo­bil oder Wohn­wa­gen zu Schlaf­zwe­cken genutzt wird, dient es den Insas­sen zur Unter­kunft und ist Woh­nung im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB. Aus­rei­chend hier­für ist, wenn die Über­nach­tung im Wohn­mo­bil oder Wohn­wa­gen im Rah­men einer Urlaubs­rei­se statt­fin­det. Nicht erfor­der­lich ist, dass die beweg­li­che Unter­kunft dau­er­haft genutzt wird [16].

Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen sind somit jeden­falls dann, wenn sie Men­schen zumin­dest vor­über­ge­hend zur Unter­kunft die­nen, Woh­nung im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB. Für die vor­über­ge­hen­de Nut­zung als Woh­nung genügt die Über­nach­tung auf einem Auto­bahn­park­platz. Das Auf­bre­chen der Wohn­mo­bi­le und Wohn­wa­gen und die anschlie­ßen­de Ent­wen­dung von in den Fahr­zeu­gen befind­li­chen Wert­ge­gen­stän­den, erfüll­te daher jeweils den Tat­be­stand des Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahls gemäß § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Okto­ber 2016 – – 1 StR 462/​16

  1. BGH, Beschluss vom 01.04.2010 – 3 StR 456/​09, NStZ 2010, 519 mit Anm. Bachmann/​Goeck JR 2011, 41 f.[]
  2. BGH aaO[]
  3. beja­hend etwa: Vogel in LK-StGB, 12. Aufl., § 244 Rn. 75 und Dutt­ge in Dölling/​Duttge/​Rössner, Hand­kom­men­tar Gesam­tes Straf­recht, 3. Aufl., § 244 Rn. 28; iE wohl auch Fischer, StGB, 63. Aufl., § 244 Rn. 46 und Kret­schmer in Anwalt­Kom­men­tar StGB, 2. Aufl., § 244 Rn. 46; ver­nei­nend für den Fall, dass die beweg­li­chen Unter­künf­te nicht dau­er­haft als sol­che genutzt wer­den: Kud­lich in SSW-StGB, 3. Aufl., § 244 Rn. 42; ver­nei­nend für jeg­li­che Räum­lich­kei­ten, die nur vor­über­ge­hend der Unter­kunft von Men­schen die­nen: Schmitz in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 244 Rn. 58 sowie Schmidt in Matt/​Renzikowski, StGB, § 244 Rn. 14; zur Aus­le­gung des Merk­mals „Woh­nung“ im Tat­be­stand des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB vgl. auch Brehm, GA 2002, 153; Hell­mich, NStZ 2001, 511; Sei­er in Fest­schrift für Gün­ter Kohl­mann, 2003, S. 295[]
  4. BGBl. I S. 164, 178[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.04.2008 – 4 StR 126/​08, NStZ 2008, 514[]
  6. vgl. Vogel in LK-StGB, 12. Aufl., § 244 Rn. 75[]
  7. BT-Drs. 13/​8587 S. 43[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 21.06.2001 – 4 StR 94/​01, BGHR StGB § 244 Abs. 1 Nr. 3 Woh­nung 1; Beschluss vom 24.04.2008 – 4 StR 126/​08, NStZ 2008, 514; jeweils mwN[]
  9. vgl. Vogel in LK-StGB, 12. Aufl., § 244 Rn. 75; vgl. inso­weit auch BGH, Beschluss vom 01.04.2010 – 3 StR 456/​09, NStZ 2010, 159 bzgl. § 306a Abs. 1 Nr. 1 StGB[]
  10. vgl. Schmitz in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 244 Rn. 58; Schmidt in Matt/​Renzikowski, StGB, § 244 Rn. 14[]
  11. vgl. Kühl in Lackner/​Kühl, StGB, 28. Aufl., Rn. 11[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 03.05.2001 – 4 StR 59/​01, NStZ-RR 2002, 68[]
  13. vgl. Dutt­ge in Dölling/​Duttge/​Rössner, Hand­kom­men­tar Gesam­tes Straf­recht, 3. Aufl., § 244 Rn. 28; Eser/​Bosch in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 244 Rn. 30[]
  14. vgl. Kret­schmer in Anwalt­Kom­men­tar StGB, 2. Aufl., § 244 Rn. 46; zu Hotel­zim­mern vgl. auch BGH aaO NStZ-RR 2002, 68; Vogel in LK-StGB, 12. Aufl., § 244 Rn. 75 sowie Eser/​Bosch aaO[]
  15. vgl. Dutt­ge aaO; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 244 Rn. 46[]
  16. a.A. Kud­lich in SSW-StGB, 3. Aufl., § 244 Rn. 42[]