Ein­spruch gegen Buß­geld­be­scheid der Arbeits­agen­tur – und das ört­lich zustän­di­ge Amts­ge­richt

Nach § 68 Abs. 1 Satz 1 OWiG ent­schei­det bei einem Ein­spruch gegen den Buß­geld­be­scheid das Amts­ge­richt, in des­sen Bezirk die Ver­wal­tungs­be­hör­de ihren Sitz hat.

Ein­spruch gegen Buß­geld­be­scheid der Arbeits­agen­tur – und das ört­lich zustän­di­ge Amts­ge­richt

Gemeint ist damit die Ver­wal­tungs­be­hör­de, die den Buß­geld­be­scheid erlas­sen hat 1.

Die Ver­wal­tungs­be­hör­de hat ihren Sitz grund­sätz­lich dort, wo ihre Haupt­stel­le ein­ge­rich­tet ist, mit­hin dort, wo sie den orga­ni­sa­to­ri­schen Mit­tel­punkt ihres Dienst­be­triebs hat.

Erlässt eine Neben­stel­le den Buß­geld­be­scheid ist für den Behör­den­sitz der Ort der Haupt­stel­le maß­geb­lich, es sei denn, die Auf­ga­be der Ver­fol­gung und Ahn­dung von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten wur­de der Neben­stel­le als eigen­stän­di­ger Behör­de zuge­wie­sen 2.

Dies ist bei den Agen­tu­ren für Arbeit der Fall: Die Agen­tur für Arbeit erlässt den Buß­geld­be­scheid als selb­stän­di­ge Ver­wal­tungs­be­hör­de und nicht als Neben­stel­le der Bun­des­agen­tur für Arbeit mit ihrer Zen­tra­le in Nürn­berg.

Ver­wal­tungs­be­hör­de ist nach dem für das Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht – wie auch für den Bereich der Sozi­al­ge­set­ze – gel­ten­den funk­tio­na­len Behör­den­be­griff jede Stel­le, die Auf­ga­ben der öffent­li­chen Ver­wal­tung wahr­nimmt, womit neben Ver­wal­tungs­be­hör­den im orga­ni­sa­to­ri­schen Sin­ne auch sons­ti­ge Stel­len mit der Befug­nis zur eigen­stän­di­gen Wahr­neh­mung von Ver­wal­tungs­auf­ga­ben erfasst sind (vgl. § 1 Abs. 2 SGB X; BeckOKOWiG/​Inhofer, aaO, § 35 Rn. 1; KassKomm/​Mutschler, 102. EL, § 1 SGB X Rn. 8 f.).

Die Agen­tu­ren für Arbeit sind in die­sem Sin­ne Behör­den 3. Sie bil­den gemäß § 367 Abs. 2 Satz 1 SGB III die unte­re Ver­wal­tungs­ebe­ne der Bun­des­agen­tur, wer­den jeweils von einer eige­nen Geschäfts­füh­rung gelei­tet (§ 383 Abs. 1 SGB III) und sind gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1 SGB III die vor­ran­gig zur Erbrin­gung der Leis­tun­gen der Arbeits­för­de­rung beru­fe­nen Ein­hei­ten.

Auch im Bereich der Ver­fol­gung und Ahn­dung von Ord­nungs­wid­rig­kei­ten wird den Agen­tu­ren für Arbeit der Sta­tus einer eigen­stän­di­gen Ver­wal­tungs­be­hör­de zuge­mes­sen (vgl. etwa § 32 Abs. 4 Arbeits­si­cher­stel­lungs­ge­setz [ASG], § 14 Abs. 3 Alters­teil­zeit­ge­setz [AtzG], § 30 Abs. 4 Nr. 2 Zivil­schutzund Kata­stro­phen­hil­fe­ge­setz [ZSKG]). Dar­an ändert nichts, dass § 405 Abs. 1 SGB III in der Fas­sung des Drit­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt 4 die „Bun­des­agen­tur” für ihren Geschäfts­be­reich als die für Ord­nungs­wid­rig­kei­ten nach § 404 Abs. 2 SGB III zustän­di­ge Ver­wal­tungs­be­hör­de benennt. Denn die Bun­des­agen­tur ent­schei­det – selbst aus­ge­hend von einem ent­spre­chen­den Behör­den­sta­tus der Agen­tu­ren für Arbeit – auf­grund ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­ho­heit eigen­stän­dig, auf wel­cher ihrer Ver­wal­tungs­ebe­nen die­se Auf­ga­be wahr­ge­nom­men wird 5.

Der Umstand, dass im Kopf des ange­foch­te­nen Buß­geld­be­scheids auch die „Bun­des­agen­tur für Arbeit” auf­ge­nom­men sowie eine für deren gesam­ten Geschäfts­be­reich ein­heit­li­che Zah­lungs­ver­bin­dung ange­ge­ben ist, ergibt – ins­be­son­de­re auch mit Blick auf die in § 367 Abs. 2, § 368 Abs. 1 Satz 1 SGB III nor­mier­te Struk­tur der Bun­des­agen­tur – nicht, dass der Buß­geld­be­scheid von der Agen­tur für Arbeit Kiel als Neben­stel­le erlas­sen wor­den wäre 6. Die Agen­tur für Arbeit Kiel hat viel­mehr im eige­nen Namen und unter der Anschrift ihres Sit­zes in Kiel sowie mit wei­te­ren ihr zuzu­ord­nen­den Kon­takt­da­ten gehan­delt.

Nach alle­dem ist hier das Amts­ge­richt Kiel und nicht das Amts­ge­richt Nürn­berg das gemäß § 68 Abs. 1 Satz 1 OWiG für die Unter­su­chung und Ent­schei­dung der Sache zustän­di­ge Gericht.

Einer Ent­schei­dung dar­über, ob die Agen­tur für Arbeit Kiel im jewei­li­gen Ein­zel­fall auch für den Erlass des Buß­geld­be­scheids sach­lich und ört­lich zustän­dig war, bedarf es im Übri­gen nicht 7. Die Betrof­fe­ne hat ledig­lich einen Anspruch dar­auf, dass der gesetz­li­che Rich­ter im Fal­le eines Ein­spruchs gegen den Buß­geld­be­scheid tätig wird 8. Dass mit § 68 Abs. 1 Satz 1 OWiG dafür for­mal an den Sitz der han­deln­den Ver­wal­tungs­be­hör­de ange­knüpft wird, ent­spricht nicht nur dem Wesen des auf ver­ein­fach­ten und beschleu­nig­ten Abschluss aus­ge­rich­te­ten Buß­geld­ver­fah­rens 9, son­dern genügt auch der Gewähr­leis­tung des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Mai 2019 – 2 ARs 282/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 07.06.2017 – 2 ARs 46/​15, NStZ-RR 2017, 256 f.; vom 02.01.1990 – 2 ARs 588/​89, BGHR OWiG § 68 Abs. 1 Satz 1; Rebmann/​Roth/​Herrmann, OWiG, 3. Aufl., § 68 Rn. 2
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.06.2017 – 2 ARs 46/​15, aaO; KKOWiG/​Ellbogen, 5. Aufl., § 68 Rn. 8; BeckOKOWiG/​Gertler, 22. Ed., § 68 Rn. 4
  3. vgl. Gagel/​Wendtland, SGB III, 72. EL, § 367 Rn. 22; Knickrehm/​Kreikebohm/​Waltermann/​Fichte, Kom­men­tar zum Sozi­al­recht, 5. Aufl., § 1 SGB X Rn. 8
  4. BGBl. I, S. 2848 ff.
  5. vgl. BT-Drs. 15/​1515, S. 105 und 122; Erbs/​Kohlhaas/​Ams, SGB III, 222. EL, § 405 Rn. 2; Gagel/​Wendtland, aaO, § 367 Rn. 17; BeckOKSozR/​Braun, 52. Ed., § 367 Rn. 3; sie­he fer­ner [zu § 404 Abs. 2, § 405 Abs. 1 Nr. 3 SGB III für den Geschäfts­be­reich der Zoll­ver­wal­tung] BVerfG, Beschluss vom 21.06.2006 – 2 BvL 36/​06 u.a., NVwZRR 2006, 667
  6. vgl. auch BT-Drs. 15/​1515 S. 104; BeckOKSozR/​Braun, aaO, § 367 Rn. 3 ff. zu Neben­stel­len als – ledig­lich – loka­le Ein­hei­ten der Agen­tu­ren für Arbeit
  7. vgl. OLG Cel­le, GA 1963, 313, 314; OLG Hamm, VRS 45, 304, 305; OLG Koblenz, VRS 52, 365; OLG Düs­sel­dorf, MDR 1981, 1042, 1043; OLG Köln, NJW 1988, 1606; Bohnert/​Krenberger/​Krumm, OWiG, 5. Aufl., § 68 Rn. 6; Göhler/​Seitz/​Bauer, OWiG, 17. Aufl., § 68 Rn. 3; KKOWiG/​Kurz, aaO, § 66 Rn. 39; Rebmann/​Roth/​Hermann, aaO, § 68 Rn. 2; kri­tisch KKOWiG/​Ellbogen, aaO, § 68 Rn. 15 f.; Boh­nert, GA 1987, 193, 199; offen gelas­sen in BayO­bLG, NJW 2005, 1447
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 01.06.1977 – KRB 3/​76, BGHSt 27, 196, 199 f.; OLG Düs­sel­dorf, MDR 1981, 1042, 1043
  9. vgl. KKOWiG/​Rogall, aaO, vor § 1 Rn. 1
  10. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 21.06.2006 – 2 BvL 36/​06 u.a., aaO; vom 16.07.1969 – 2 BvL 2/​69, NJW 1969, 1619, 1622 f.