Men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen und die Ver­fah­rens­kos­ten

Es ist der Jus­tiz­ver­wal­tung unter dem Gesichts­punkt der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung (§ 242 BGB) grund­sätz­lich ver­wehrt, gegen­über dem Anspruch eines Straf­ge­fan­ge­nen auf Geld­ent­schä­di­gung wegen men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen mit einer Gegen­for­de­rung auf Erstat­tung offe­ner Kos­ten des Straf­ver­fah­rens auf­zu­rech­nen.

Men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen und die Ver­fah­rens­kos­ten

Die Auf­rech­nung ist, wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt ent­schied, nach § 242 BGB aus­ge­schlos­sen, wenn sie nach der Eigen­art des Schuld­ver­hält­nis­ses oder dem Zweck der geschul­de­ten Leis­tung als mit Treu und Glau­ben unver­ein­bar erscheint 1.

Das aus § 242 BGB (unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung) her­ge­lei­te­te Auf­rech­nungs­hin­der­nis folgt für die vor­lie­gend zu ent­schei­den­de Fall­ge­stal­tung – unter Zugrun­de­le­gung einer typi­sie­ren­den Betrach­tung der hier­bei rele­van­ten Umstän­de (ins­be­son­de­re: Ver­schul­den) – aus der Funk­ti­on und dem Zweck des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs wegen men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen und der Eigen­art des zwi­schen den Betei­lig­ten bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hof 2 steht dem Betrof­fe­nen unter dem Gesichts­punkt der Amts­haf­tung (§ 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG) ein Anspruch auf Geld­ent­schä­di­gung für imma­te­ri­el­le Schä­den infol­ge men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen zu, wenn die damit ver­bun­de­ne Beein­träch­ti­gung ein Min­dest­maß an Schwe­re erreicht hat und nicht in ande­rer Wei­se befrie­di­gend aus­ge­gli­chen wer­den kann, wobei – eben­so wie bei einem Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruch wegen Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts – die Bedeu­tung und Trag­wei­te des Ein­griffs, der Anlass und Beweg­grund des Han­deln­den sowie der Grad des Ver­schul­dens zu berück­sich­ti­gen sind. Der Anspruch auf Geld­ent­schä­di­gung grün­det auf dem Schutz­auf­trag der Grund­rech­te aus Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG und dient vor­nehm­lich der Genug­tu­ung des Ver­letz­ten, aber auch den Zwe­cken der wirk­sa­men Sank­ti­on und Prä­ven­ti­on 3.

Um sei­ne Funk­tio­nen der Genug­tu­ung, der Sank­ti­on und der Prä­ven­ti-on – in dem Sin­ne, dass der ver­pflich­te­te Staat dazu ange­hal­ten wird, men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen von vorn­her­ein zu ver­mei­den oder aber (zumin­dest) als­bald zu besei­ti­gen und nicht län­ger fort­dau­ern zu las­sen – wirk­sam wahr­neh­men zu kön­nen, muss der Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruch für den er-satz­pflich­ti­gen Staat spür­ba­re Aus­wir­kun­gen haben. Dar­an fehl­te es viel­fach, wenn die Erfül­lung des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs im Wege der Auf­rech­nung mit einer Gegen­for­de­rung auf Erstat­tung offe­ner Straf­ver­fah­rens­kos­ten her­bei­ge­führt wer­den könn­te. Sehr vie­le Straf­ge­fan­ge­ne sind ver­mö­gens­los und – wie in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall – bei der Ver­fol­gung ihrer Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe ange­wie­sen. Die Ansprü­che des Staa­tes auf Erstat­tung von Kos­ten des Straf­ver­fah­rens sind in all die­sen Fäl­len im Grun­de unein­bring­lich und bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung wert­los. Könn­te sich der Staat hier sei­ner Ent­schä­di­gungs­ver­pflich­tung durch Auf­rech­nung ent­le­di­gen, so könn­te von einem ech­ten Ver­mö­gens­op­fer nicht gespro­chen wer­den; auch ent­hiel­te der Geschä­dig­te kei­nen wirk­li­chen mate­ri­el­len Aus­gleich für den erlit­te­nen Ein­griff. Dass die For­de­run­gen des Staa­tes infol­ge der Auf­rech­nung eben­so ver­rin­gert wür­den wie die Ver­bind­lich­kei­ten des Betrof­fe­nen (§ 389 BGB), wirk­te sich in die­ser Situa­ti­on gleich­sam nur "buch­hal­te­risch" aus, ohne dass dies von den Betei­lig­ten wirt­schaft­lich als Vor- oder Nach­teil emp­fun­den wür­de. Neh­men dar­über hin­aus die For­de­run­gen des Staa­tes gegen den Betrof­fe­nen auf Erstat­tung offe­ner Straf­ver­fah­rens­kos­ten – wie nicht sel­ten und so auch hier (24.398,87 €) – einen beträcht­li­chen Umfang ein, so liegt die Besorg­nis nicht fern, dass der ersatz­pflich­ti­ge Staat auf­ge­tre­te­ne men­schen­un­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen nicht so zügig wie gebo­ten besei­tigt, son­dern (aus fis­ka­li­schen Grün­den) län­ge­re Zeit hin­nimmt und hier­durch nicht nur die Genug­tu­ungs- und Sank­ti­ons­funk­ti­on, son­dern auch die Prä­ven­tiv­funk­ti­on des Ent­schä­di­gungs­an­spruchs beein­träch­tigt wird.

Hin­zu tre­ten für den Bun­des­ge­richts­hof noch fol­gen­de Erwä­gun­gen:

Der Anspruch auf Geld­ent­schä­di­gung wegen men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen grün­det auf einem beson­de­ren Rechts­ver­hält­nis zwi­schen dem Betrof­fe­nen und dem Staat, das einer­seits von inten­si­ven Ein­griffs- und Anwei­sungs­be­fug­nis­sen gekenn­zeich­net ist, die weit in die per­sön­li­che Lebens­füh­rung des Gefan­ge­nen hin­ein­rei­chen, ande­rer­seits aber dem Staat beson­de­re Für­sor­ge­pflich­ten, ins­be­son­de­re für Leben und Gesund­heit des Gefan­ge­nen, auf­er­legt 4. Dabei gehört die Pflicht, den Häft­ling men­schen­wür­dig unter­zu­brin­gen, zu den Kar­di­nal­pflich­ten der Jus­tiz­voll­zugs­or­ga­ne. Der aus der Ver­let­zung die­ser Pflicht sich erge­ben­de Ent­schä­di­gungs­an­spruch erfor­dert eine schwer­wie­gen­de Beein­träch­ti­gung des Betrof­fe­nen, die weit über die mit der Haft als sol­che ver­bun­de­nen Belas­tun­gen hin­aus­geht.

Bei der gebo­te­nen wer­ten­den Gesamt­schau liegt die­sem Anspruch im All­ge­mei­nen auch ein erheb­li­ches Ver­schul­den der ver­ant­wort­li­chen Staats­or­ga­ne zugrun­de, das durch­aus als "vor­satz­nah" ein­zu­stu­fen ist, mit der Fol­ge, dass die Fra­ge des Ver­bots der Auf­rech­nung nach § 393 BGB im Raum steht. Den Jus­tiz­voll­zugs­be­am­ten der betrof­fe­nen Voll­zugs­an­stalt sind regel­mä­ßig – wie auch hier (Schrei­ben der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt B. vom 13. Juni 2006); auch das Beru­fungs­ge­richt hat dies letzt­lich nicht anders gese­hen – die tat­säch­li­chen Umstän­de der Unter­brin­gung bekannt und die Rechts­wid­rig­keit der Art und Wei­se die­ser Unter­brin­gung bewusst. Die Not­la­ge, die dar­auf beruht, dass in der jewei­li­gen Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt nicht genü­gend Haft­plät­ze zur Ver­fü­gung ste­hen, mag zwar dazu füh­ren, dass die Beam­ten "vor Ort" nicht vor­sätz­lich im Sin­ne des § 276 Abs. 1 Satz 1 BGB han­deln; dies kann aber den Staat – unter dem Aspekt des Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­dens – nicht ent­schei­dend ent­las­ten 5.

Da dem beklag­ten Land die Auf­rech­nung mit der Kos­ten­for­de­rung nach § 242 BGB ver­sagt ist, kommt es nicht (mehr) dar­auf an, ob der Klä­ger den Nach­weis füh­ren könn­te, dass ein­zel­ne Beam­te der haf­ten­den Anstel­lungs­kör­per­schaft vor­sätz­lich gehan­delt haben, und somit dem beklag­ten Land die Auf­rech­nung nach § 393 BGB ver­bo­ten wäre. Dabei trifft es ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht zu, dass die der Bestim­mung des § 393 BGB zugrun­de lie­gen­de gesetz­ge­be­ri­sche Wert­ent­schei­dung unter­lau­fen wird, wenn in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art ein grund­sätz­li­ches Auf­rech­nungs­hin­der­nis aus dem Gesichts­punkt der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung (§ 242 BGB) her­ge­lei­tet wird. Der Umstand, dass (noch) nicht von einer das Auf­rech­nungs­ver­bot des § 393 BGB aus­lö­sen­den Vor­satz­tat aus­ge­gan­gen wer­den kann, hin­dert nicht dar­an, bei der Prü­fung des Rechts­miss­brauchs neben der Gewähr­leis­tung der Funk­tio­nen und des Zwecks des Geld­ent­schä­di­gungs­an­spruchs sowie den Beson­der­hei­ten des zwi­schen der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung und dem Straf­ge­fan­ge­nen bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses auch die dem Gesamt­ge­sche­hen anhaf­ten­de "Vor­satz­nä­he" in den Blick zu neh­men.

Wie bereits das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in sei­nem Beru­fungs­ur­teil 6 nach Ansicht des BGH zutref­fend dar­ge­legt hat, ist der aus § 242 BGB her­ge­lei­te­te Ein­wand gegen die Auf­rech­nung des beklag­ten Lan­des hier – unter dem Aspekt einer "Gegen­ab­wä­gung" – nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil sich die zur Auf­rech­nung gestell­te Gegen­for­de­rung auf Zah­lung offe­ner Kos­ten des Straf­ver­fah­rens ihrer­seits als eine For­de­rung aus einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung (des Klä­gers) dar­stell­te. Denn For­de­run­gen des Staa­tes auf Zah­lung von Straf­ver­fah­rens­kos­ten sind kei­ne Ansprü­che, die aus einer vor­sätz­lich uner­laub­ten Hand­lung gegen­über dem Staat her­vor­ge­gan­gen sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Okto­ber 2009 – III ZR 18/​09

  1. BGHZ 95, 103, 113 m.w.N.; BGHZ 113, 90, 93; BGH, Urteil vom 21.11.2001 – XII ZR 162/​99NJW 2002, 1130, 1132; Palandt/​Grüneberg, BGB, 68. Aufl., § 387 Rn. 15; Erman/​Wagner, BGB Band 1, 12. Aufl., § 387 Rn. 33 ff[]
  2. BGHZ 161, 33, 35 ff; BGH, Beschlüs­se vom 21.12.2005 – III ZR 33/​05NJW 2006, 1289 und vom 28.09.2006 – III ZB 89/​05NJW 2006, 3572[]
  3. BGHZ 161, 33, 35 ff; all­ge­mein: BGHZ 128, 1, 12, 15; 143, 214, 218 f; 160, 298, 302 f, 306; 165, 203, 204 f, 206 f, 210 f[]
  4. vgl. Staudinger/​Wurm, BGB, Neu­bearb. 2007, § 839 Rn. 665[]
  5. vgl. BGHZ 161, 33, 35; BGH, Beschluss vom 21.12.2005, aaO, Rn. 4[]
  6. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 16.12.2008 – 12 U 39/​08[]