Öff­nen von Verteidigerpost

Hat ein Beam­ter Zwei­fel, ob es sich tat­säch­lich um Ver­tei­di­ger­post han­delt, darf er den Gefan­ge­nen auf­for­dern, den Brief­um­schlag in sei­ner Gegen­wart zu öff­nen und ihm den Inhalt des Umschla­ges zu zei­gen, da der Gefan­ge­ne damit ein­ver­stan­den war. Ein Ver­stoß gegen § 24 Abs. 2 Satz 1 JVoll­zGB III liegt des­halb nicht vor.

Öff­nen von Verteidigerpost

Ein Öff­nen des Umschla­ges in Anwe­sen­heit und auf Ver­an­las­sung eines Voll­zugs­be­am­ten durch den Gefan­ge­nen selbst und die anschlie­ßen­de Sich­tung des Inhal­tes durch den Voll­zugs­be­am­ten sind grund­sätz­lich unzu­läs­sig [1].

Aber in dem jetzt vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall hat­te sich der Gefan­ge­ne mit der Vor­ge­hens­wei­se des Voll­zugs­be­am­ten ein­ver­stan­den erklärt, so dass er im Nach­hin­ein nicht die gericht­li­che Fest­stel­lung bean­tra­gen kann, das Vor­ge­hen sei rechts­wid­rig gewe­sen. Mit einem sol­chen Antrag setzt er sich in Wider­spruch zu sei­nem frü­he­ren Verhalten.

Wobei in der Recht­spre­chung über­wie­gend [2] und in der Lite­ra­tur teil­wei­se [3] die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, die Ver­tei­di­ger­post dür­fe auch mit Zustim­mung des Gefan­ge­nen nicht über­wacht wer­den. Zur Begrün­dung wird ange­führt, dass auch der Ver­tei­di­ger ein eige­nes Recht auf unge­hin­der­ten Zugang zu sei­nem Man­dan­ten habe, über das der Gefan­ge­ne nicht ver­fü­gen könne.

Indes geht es dem Gefan­ge­nen, wel­cher sei­ne Zustim­mung zum Vor­ge­hen der Anstalt (Öff­nen des Brie­fes in sei­ner Gegen­wart oder Öff­nen des Brie­fes durch ihn selbst) erteilt, vor­ran­gig dar­um, dass er ohne Zeit­ver­zö­ge­rung vom Inhalt des Brie­fes Kennt­nis neh­men kann. Auch ist davon aus­zu­ge­hen, dass ent­spre­chend dem Grund­ge­dan­ken des § 24 Abs. 2 Satz 1 JVoll­zGB III das Ver­tei­di­gungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Gefan­ge­nen und sei­nem Rechts­an­walt respek­tiert wer­den soll­te. Dar­über hin­aus ist es unbe­strit­ten, dass das Grund­recht auf Brief­ge­heim­nis aus Art. 10 Abs. 1 GG dis­po­ni­bel ist [4].

Ent­spre­chend der Rege­lung in VV Nr. 1 Abs. 2 Satz 2 zu § 29 StVoll­zG darf des­halb Ver­tei­di­ger­post mit Ein­ver­ständ­nis des Gefan­ge­nen geöff­net und über­prüft wer­den [5].

Einer Vor­la­ge der Sache an den BGH gem. § 121 Abs. 2 i. V. m. Abs. 1 Nr. 3 GVG bedarf es nicht, denn das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart weicht nach eige­ner Auf­fas­sung mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung nicht von tra­gen­den Ent­schei­dungs­grün­den ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te ab. Bei den Beschlüs­sen der Ober­lan­des­ge­rich­te Bam­berg, Frank­furt und Saar­brü­cken [6] war die Fra­ge der Ein­wil­li­gung des Gefan­ge­nen in die Über­wa­chungs­maß­nah­men nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Der Ent­schei­dung des OLG Dres­den [6] liegt ein abwei­chen­der Sach­ver­halt zugrun­de, da dort der Ver­tei­di­ger den Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung gestellt hatte.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 13.4.2010 – 4 Ws 69/​10

  1. OLG Frank­furt ZfStr­Vo 2004, 50 und NStZ-RR 2005, 61, 62[]
  2. OLG Bam­berg MDR 1992, 506; OLG Dres­den NStZ 2007, 707; OLG Frank­furt NStZ-RR 2005, 61, 62; OLG Saar­brü­cken NStZ-RR 2004, 188; LG Gie­ßen StV 2004, 144[]
  3. Cal­lies/­Mül­ler-Dietz, StVoll­zG, 11. Auf­la­ge, § 29 Rn. 5; AK-Joes­ter/­Weg­ner, StVoll­zG, 5. Auf­la­ge, § 29 Rn. 8[]
  4. vgl. etwa Maunz-Dürig, GG, Art. 10 Rn. 30[]
  5. eben­so Arloth a.a.O. § 29 Rn. 3 und Schwind/​Böhm/​Jehle/​Laubenthal, StVoll­zG, 5. Auf­la­ge, § 29 Rn. 15[]
  6. a. a. O.[][]