Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung im Straf­be­fehls­ver­fah­ren

Die Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung nach § 408b StPO ist auf das Straf­be­fehls­ver­fah­ren ein­schließ­lich der Ein­spruchs­ein­le­gung beschränkt ist und gilt nicht mehr für die Haupt­ver­hand­lung.

Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung im Straf­be­fehls­ver­fah­ren

§ 408b StPO bie­tet für eine Ver­tei­di­ger­be­stel­lung über die Ein­le­gung eines Ein­spruchs gegen den erlas­se­nen Straf­be­fehl hin­aus kei­ne Rechts­grund­la­ge.

Das Land­ge­richt Walds­hut-Tin­gen teilt die ins­be­son­de­re in der Recht­spre­chung bis heu­te wohl über­wie­gen­de Auf­fas­sung [1], dass die Ver­tei­di­ger­be­stel­lung nach § 408b StPO auf das Straf­be­fehls­ver­fah­ren ein­schließ­lich der Ein­spruchs­ein­le­gung beschränkt ist und nicht mehr für die Haupt­ver­hand­lung gilt.

Der Gegen­mei­nung, wel­che die Bei­ord­nung auch auf das wei­te­re Ver­fah­ren nach dem Ein­spruch – zumin­dest auf die erst­in­stanz­li­che Haupt­ver­hand­lung, teil­wei­se sogar auf das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren – erstre­cken will [2], ist zwar zuzu­ge­ben, dass § 408b StPO nach sei­nem Wort­laut die Reich­wei­te der Bestel­lung – anders als §§ 118a Abs. 2 Satz 3, 350 Abs. 3, 118a Abs. 2 Satz 3 StPO – nicht aus­drück­lich beschränkt. Eine ent­spre­chen­de Beschrän­kung der Bei­ord­nung auf das schrift­li­che Straf­be­fehls­ver­fah­ren und die Ein­spruchs­ein­le­gung lässt sich aber bereits aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der gesetz­li­chen Rege­lung und der Geset­zes­sys­te­ma­tik ablei­ten:

Knapp zwei Jahr­zehn­te lang hat­te der Gesetz­ge­ber die Ver­hän­gung von Frei­heits­stra­fe im sum­ma­ri­schen Straf­be­fehls­ver­fah­ren gar nicht vor­ge­se­hen, son­dern in der durch das Ein­füh­rungs­ge­setz zum StGB ab 1. Janu­ar 1975 gül­ti­gen Fas­sung der §§ 407 ff. StPO aus­drück­lich auf die Ver­hän­gung von Geld­stra­fen limi­tiert. Erst durch das Gesetz zur Ent­las­tung der Rechts­pfle­ge vom 11. Janu­ar 1993 wur­de die Mög­lich­keit zur Ver­hän­gung von Frei­heits­stra­fen bis zu einem Jahr im Straf­be­fehls­ver­fah­ren ein­ge­führt. In die­sem Zusam­men­hang hat der Gesetz­ge­ber die Vor­schrift über die Bestel­lung eines Ver­tei­di­gers nicht etwa in den Kata­log des § 140 Abs. 1 StPO auf­ge­nom­men (so dass die Not­wen­dig­keit der Ver­tei­di­gung bzw. die Bei­ord­nung ganz selbst­ver­ständ­lich das gesam­te Ver­fah­ren umfas­sen wür­de [3]), son­dern die Rege­lung des § 408b StPO in den 1. Abschnitt des Sechs­ten Buches der StPO über das Ver­fah­ren bei Straf­be­feh­len ein­ge­stellt und in § 408b Satz 2 StPO aus­schließ­lich auf § 141 Abs. 3 StPO ver­wie­sen. Dass es sich dabei kei­nes­wegs um ein Redak­ti­ons­ver­se­hen, son­dern um eine bewuss­te Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers gehan­delt hat, ergibt sich aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en. So heißt es in der Begrün­dung der Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges [4]:

"Die Rege­lung ist als eige­ne Bestim­mung in den Abschnitt über das Ver­fah­ren bei Straf­be­feh­len ein­ge­fügt wor­den, um zu ver­deut­li­chen, dass die Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers allein auf­grund der beson­de­ren pro­zes­sua­len Situa­ti­on gebo­ten ist; der Kata­log der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung in § 140 StPO bleibt unbe­rührt."

Die vom Gesetz­ge­ber beton­te "beson­de­re pro­zes­sua­le Situa­ti­on" besteht im Wesent­li­chen dar­in, dass das Straf­be­fehls­ver­fah­ren die Ver­ur­tei­lung zu einer Frei­heits­stra­fe (zur Bewäh­rung) im sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren nach Akten­la­ge ermög­licht. Zur Kom­pen­sa­ti­on der bei die­ser Ver­fah­rens­wei­se nicht vor­ge­se­he­nen münd­li­chen Haupt­ver­hand­lung, in der sich der Rich­ter sonst für die nach §§ 47, 56 StGB zu tref­fen­de Ent­schei­dung über die Ver­hän­gung einer (gege­be­nen­falls kur­zen) Frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung einen per­sön­li­chen Ein­druck vom Ange­klag­ten ver­schaf­fen kann, ist die Bei­ord­nung eines Ver­tei­di­gers gebo­ten. Es kommt hin­zu, dass einem nicht-ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten, der nur schrift­lich nach §§ 409 Abs. 1 Satz 2, 268a Abs. 3 StPO über die Bedeu­tung der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung belehrt wird, oft­mals die Gefahr des Wider­rufs nach § 56f StGB mit der Fol­ge, dass er die Frei­heits­stra­fe schließ­lich ver­bü­ßen muss, nicht ohne Wei­te­res bewusst sein wird [5].

Die­se Beson­der­hei­ten enden mit der Ein­le­gung eines Ein­spruchs gegen den Straf­be­fehl. Denn nach (zuläs­si­gem) Ein­spruch ersetzt der Straf­be­fehls­an­trag die Ankla­ge und der Straf­be­fehl über­nimmt die Funk­ti­on des Eröff­nungs­be­schlus­ses, so dass das Ver­fah­ren und ins­be­son­de­re die Haupt­ver­hand­lung ihren Fort­gang im Wesent­li­chen nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 213 ff., 226 ff. StPO neh­men. Vor die­sem Hin­ter­grund besteht kein Anlass, der nur vor­über­ge­hend bestehen­den "beson­de­ren pro­zes­sua­len Situa­ti­on" mehr als eben vor­über­ge­hend Rech­nung zu tra­gen.

Wenn statt­des­sen die Bestel­lung nach § 408b StPO für die Haupt­ver­hand­lung fort­wir­ken wür­de, hät­te dies – im Ver­gleich zu einem Ange­klag­ten, der unmit­tel­bar nach § 200 StPO ange­klagt wird – ein wenig ein­leuch­ten­des Ergeb­nis zur Fol­ge: Der­je­ni­ge Ange­klag­te, dem nach vor­an­ge­gan­ge­nem Straf­be­fehl gemäß § 407 Abs. 2 Satz 2 StPO grund­sätz­lich nur eine Frei­heits­stra­fe bis zu einem Jahr bei Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung droht, wäre in der Haupt­ver­hand­lung auto­ma­tisch ver­tei­digt, wohin­ge­gen ein Ange­klag­ter, der unter Umstän­den sogar mit einer unbe­ding­ten Frei­heits­stra­fe rech­nen muss, aber im Nor­mal­ver­fah­ren ange­klagt wird, nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 140 StPO einen Ver­tei­di­ger erhal­ten wür­de (was in der Regel wegen der Schwe­re der Tat gemäß § 140 Abs. 2 StPO erst bei einer Straf­er­war­tung von einem Jahr Frei­heits­stra­fe oder mehr gebo­ten ist [6]).

Der durch­aus zutref­fen­de Hin­weis auf die Mög­lich­keit des ver­ein­fach­ten Beweis­auf­nah­me­ver­fah­rens im Straf­be­fehls­ver­fah­ren nach §§ 411 Abs. 2 Satz 2, 420 StPO recht­fer­tigt kein ande­res Ergeb­nis. Viel­mehr über­sieht die oben zitier­te Gegen­mei­nung, soweit sie sich auf die­ses Argu­ment stützt, dass die Nach­tei­le und Gefah­ren der erleich­ter­ten Beweis­auf­nah­me auch den nicht-ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten tref­fen, gegen den im Straf­be­fehl "nur" eine – mög­li­cher­wei­se aber sogar hohe –Geld­stra­fe fest­ge­setzt wur­de. Ein sol­cher Ange­klag­ter wäre nach der Gegen­mei­nung schlech­ter gestellt als ein Ange­klag­ter, gegen den bereits im Straf­be­fehl eine Frei­heits­stra­fe fest­ge­setzt wor­den ist, obwohl auch er – da das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot gemäß § 411 Abs. 4 StPO nicht gilt –gege­be­nen­falls mit der Ver­hän­gung einer Frei­heits­stra­fe rech­nen muss, selbst wenn die Haupt­ver­hand­lung kei­nen schwe­rer wie­gen­den Sach­ver­halt erge­ben hat [7].

Das wei­te­re Argu­ment der Gegen­mei­nung, dass die Fort­dau­er der Bestel­lung gemäß § 408b StPO auch für die Haupt­ver­hand­lung aus der in § 411 Abs. 2 StPO feh­len­den Ver­wei­sung auf § 418 Abs. 4 StPO zu fol­gern sei, ver­mag im vor­lie­gen­den Fall schon des­halb nicht zu über­zeu­gen, weil kei­ne Frei­heits­stra­fe von min­des­tens sechs Mona­ten zu erwar­ten ist; der erlas­se­ne Straf­be­fehl hat eine Frei­heits­stra­fe von nur einem Monat vor­ge­se­hen. Im Übri­gen wür­de es bei der bereits oben dar­ge­stell­ten unan­ge­mes­se­nen Ungleich­be­hand­lung je nach im Straf­be­fehls­ver­fah­ren bean­trag­ter Rechts­fol­ge (Frei­heits- oder Geld­stra­fe) blei­ben.

Land­ge­richt Walds­hut-Tien­gen, Beschluss vom 7. Mai 2013 – 1 Qs 26/​13

  1. OLG Düs­sel­dorf, NStZ 2002, 390; Stra­Fo 2008, 441 f.; KG Ber­lin, Beschluss vom 29.05.2012 – 1 Ws 30/​12; LG Dres­den, Beschluss vom 05.07.2006 – 3 Qs 78/​06; LG Aurich, Beschluss vom 12.08.2009 – 12 Qs 90/​09; LG Walds­hut-Tien­gen, Urteil vom 15.12.2011 – 2 Ns 21 Js 7911; AG Höx­ter, NJW 1994, 2842; offen gelas­sen: OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 09.05.2012 – 3 (4) Ss 159/​12; aus der Lite­ra­tur: Mey­er-Goß­ner, StPO, 55. Aufl., § 408b Rn. 6 m. w. N.; Beck’scher Online-Kom­men­tar StPO, Stand:01.10.2012, § 408b Rn. 5; Graf, StPO, 2. Aufl., § 408b Rn. 5; Pfeif­fer, StPO, 4. Aufl., § 408b Rn. 4[]
  2. OLG Köln, NStZ-RR 2010, 30; OLG Olden­burg, NStZ-RR 2010, 391; OLG Cel­le, NStZ-RR 2011, 295; KK-Fischer, StPO, 6. Aufl., § 408b Rn. 8; LR-Gös­sel, StPO, 26. Aufl., § 408b Rn. 11; HK/​Kurth, StPO, 5. Aufl., § 408b Rn. 6; Radtke/​Hohmann, StPO, 2011, § 408b Rn. 7[]
  3. vgl. dazu Mey­er-Goß­ner, aaO., § 140 Rn. 5 m. w. N.[]
  4. Bun­des­tags­druck­sa­che 12/​3832, Sei­te 42[]
  5. Mey­er-Goß­ner, aaO., § 408b Rn. 1[]
  6. vgl. dazu Mey­er-Goß­ner, aaO., § 140 Rn. 23 m. w. N.[]
  7. vgl. dazu Mey­er-Goß­ner, aaO., § 411 Rn. 11; OLG Stutt­gart, StV 2007, 232[]