Straf­voll­stre­ckung – und die Ent­schä­di­gung bei über­lan­gem Gerichts­ver­fah­ren

Die Ent­schä­di­gungs­re­ge­lung bei über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er (§§ 198 ff GVG) ist auf das gericht­li­che Ver­fah­ren nach §§ 109 ff StVoll­zG unmit­tel­bar anzu­wen­den.

Straf­voll­stre­ckung – und die Ent­schä­di­gung bei über­lan­gem Gerichts­ver­fah­ren

Nach § 2 EGGVG gel­ten die Vor­schrif­ten des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes und damit auch die Ent­schä­di­gungs­re­ge­lung bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren für die ordent­li­che Gerichts­bar­keit und deren Aus­übung. Davon umfasst sind nach § 13 GVG alle Zivil- und Straf­sa­chen. Auf ande­re Gerichts­bar­kei­ten ist das Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz nicht unmit­tel­bar anzu­wen­den, son­dern nur inso­weit, als sei­ne Gel­tung durch Ver­wei­sungs­nor­men aus­drück­lich vor­ge­schrie­ben ist (zum Bei­spiel § 173 VwGO, § 202 SGG, § 155 FGO) 1.

Das gericht­li­che Ver­fah­ren ist in §§ 109 ff StVoll­zG nicht abschlie­ßend gere­gelt und ent­zieht sich einer ein­deu­ti­gen Ein­ord­nung. § 120 Abs. 1 StVoll­zG ver­weist zwar ergän­zend auf die ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrif­ten der Straf­pro­zess­ord­nung; dies ist jedoch nicht unpro­ble­ma­tisch. Denn das Ver­fah­ren nach §§ 109 ff StVoll­zG ähnelt sei­ner Struk­tur nach dem Ver­wal­tungs­streit­ver­fah­ren und ist kein Straf­pro­zess, so dass bei jeder Norm der Straf­pro­zess­ord­nung sorg­fäl­tig geprüft wer­den muss, ob sie für das Straf­voll­zugs­ge­setz passt, das heißt mit dem mate­ri­el­len Straf­voll­zugs­recht und dem ver­wal­tungs­pro­zes­su­al aus­ge­stal­te­ten Antrags­recht nach §§ 109 ff StVoll­zG in Ein­klang zu brin­gen ist 2. Dies hat zu einer weit­ge­hend rich­ter­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens geführt 3.

Die unmit­tel­ba­re Gel­tung des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes ergibt sich dar­aus, dass der Gesetz­ge­ber die gemäß §§ 109 ff StVoll­zG zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen den ordent­li­chen Gerich­ten (§ 12 GVG) zuge­wie­sen hat. Der zustän­di­ge erst­in­stanz­li­che Spruch­kör­per ist die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts (§ 78a Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 GVG), der auf Grund der Voll­zugs­nä­he im Rah­men der Ent­schei­dun­gen nach §§ 462a, 463 StPO auch inso­weit beson­de­re Sach­kun­de zukommt 4. Über die Rechts­be­schwer­de nach § 116 StVoll­zG ent­schei­det ein Straf­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts, in des­sen Bezirk die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer ihren Sitz hat (§ 117 StVoll­zG). Für das Vor­la­ge­ver­fah­ren nach § 121 Abs. 2 GVG ist der Bun­des­ge­richts­hof zustän­dig. Die vor­ge­nann­ten Gerich­te wer­den bei Ent­schei­dun­gen nach §§ 109 ff StVoll­zG als ordent­li­che Gerich­te tätig (§ 12 GVG) und üben ordent­li­che Gerichts­bar­keit aus 5.

Für die­ses Ergeb­nis spricht auch, dass §§ 23 ff EGGVG, die im Bereich des Straf­voll­zugs­rechts sub­si­di­är gel­ten 6, die Zustän­dig­keit der sach­nä­he­ren ordent­li­chen Gerich­te für die Über­prü­fung der in § 23 Abs. 1 EGGVG bezeich­ne­ten Maß­nah­men abwei­chend von der Gene­ral­klau­sel des § 40 VwGO bestim­men 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Febru­ar 2014 – III ZR 311/​13

  1. Ott in SteinbeißWinkelmann/​Ott, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren, § 198 GVG Rn. 9[]
  2. AKStVollzG/​Kamann/​Spaniol, 6. Aufl., § 120 Rn. 3; Arloth, StVoll­zG, 3. Aufl., § 120 Rn. 1 f[]
  3. Arloth aaO § 120 Rn. 1[]
  4. AKStVollzG/​Kamann/​Spaniol aaO § 110 Rn. 1; Arloth aaO § 110 Rn. 1[]
  5. vgl. Ott aaO § 198 GVG Rn. 9; nicht ein­deu­tig inso­weit Kissel/​Mayer, GVG, 7. Aufl., § 12 GVG Rn. 4 einer­seits sowie Ein­lei­tung Rn. 2 und § 2 EGGVG Rn. 2 ande­rer­seits[]
  6. Arloth aaO Vor­be­mer­kung zu § 108 Rn. 8[]
  7. Mey­er­Goß­ner, StPO, 56. Aufl., vor § 23 EGGVG Rn. 1[]
  8. vgl. BVerfGE 67, 43, 58; stRspr[]