Über­set­zung des schrift­li­chen Urteils

Hat ein der deut­schen Spra­che nicht mäch­ti­ger Ange­klag­ter einen Ver­tei­di­ger und wur­de die münd­li­che Urteils­be­grün­dung in sei­ne Mut­ter­spra­che über­tra­gen, besteht nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Braun­schweig kein Anspruch auf Über­set­zung des schrift­li­chen Urteils.

Über­set­zung des schrift­li­chen Urteils

Zwar sieht § 187 Abs. 2 Satz 1 GVG zur Aus­übung der pro­zes­sua­len Rech­te des Beschul­dig­ten in der Regel die Über­set­zung von nicht rechts­kräf­ti­gen Urtei­len vor, es lie­gen jedoch die Vor­aus­set­zun­gen der in § 187 Abs. 2 Satz 4 und 5 GVG vor­ge­se­he­nen Aus­nah­men vor.

Nach § 187 Abs. 2 Satz 4 GVG kann an die Stel­le der schrift­li­chen Über­set­zung eine münd­li­che Über­set­zung oder eine münd­li­che Zusam­men­fas­sung des Inhalts tre­ten, wenn die pro­zes­sua­len Rech­te des Beschul­dig­ten gewahrt wer­den. Das ist gemäß § 187 Abs. 2 Satz 5 GVG in der Regel anzu­neh­men, wenn der Beschul­dig­te einen Ver­tei­di­ger hat.

Die pro­zes­sua­len Rech­te des Ange­klag­ten, ins­be­son­de­re auch der Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren gemäß Art. 6 Abs. 3 Buch­sta­be e)) EMRK, wer­den dadurch hin­rei­chend gewahrt, dass dem ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten die münd­li­che Urteils­be­grün­dung von einem Dol­met­scher über­setzt wor­den ist 1. Ob die schrift­li­che Über­set­zung auch dann ent­behr­lich ist, wenn der Betrof­fe­ne und sein Ver­tei­di­ger bei der Urteils­ver­kün­dung anwe­send gewe­sen sind, dem nicht aus­rei­chend sprach­kun­di­gen Ange­klag­ten die Urteils­grün­de jedoch nicht durch einen Dol­met­scher über­setzt wor­den sind, kann im vor­lie­gen­den Fall dahin­ste­hen 2.

Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers soll kei­ne Ver­pflich­tung zur schrift­li­chen Urteils­über­set­zung bestehen, wenn eine effek­ti­ve Ver­tei­di­gung des nicht aus­rei­chend sprach­kun­di­gen Ange­klag­ten dadurch aus­rei­chend gewähr­leis­tet wird, dass der von Geset­zes wegen für die Revi­si­ons­be­grün­dung zustän­di­ge Rechts­an­walt das schrift­li­che Urteil kennt 3. Die Rech­te des ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten wer­den dadurch gewahrt, dass er die Mög­lich­keit hat, das schrift­li­che Urteil mit sei­nem Ver­tei­di­ger unter Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers zu bespre­chen und sich soweit auch die schrift­li­che Begrün­dung über­set­zen zu las­sen. Der Anspruch des ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten auf umfas­sen­de Ver­dol­met­schung umfasst auch die Gesprä­che mit sei­nem Ver­tei­di­ger nach Urteils­ver­kün­dung, etwa zur Vor­be­rei­tung der Begrün­dung eines Rechts­mit­tels. Soweit die Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers für einen sol­chen Ter­min erfor­der­lich ist, kann der Ange­klag­te dies jeder­zeit bean­tra­gen.

Da die­se Vor­aus­set­zun­gen hier vor­lie­gen, ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Ange­klag­te – auch ohne schrift­li­che Über­set­zung des Urteils – über aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten ver­fügt, die gegen ihn ergan­ge­ne Ent­schei­dung inhalt­lich nach­zu­voll­zie­hen.

Der Anspruch ergibt sich auch nicht aus der Richt­li­nie 2010/​64/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20.10.2010 über das Recht auf Dol­met­scher­leis­tun­gen und Über­set­zun­gen im Straf­ver­fah­ren, da die­se durch das Gesetz der Stär­kung von Ver­fah­rens­rech­ten von Beschul­dig­ten im Straf­ver­fah­ren mit Wir­kung vom 06.07.2013 voll­stän­dig in das deut­sche Recht umge­setzt wor­den ist. Die Aus­nah­me­re­ge­lung des § 187 Abs. 2 Satz 4 und Satz 5 GVG ent­spricht auch den Vor­ga­ben der in Art. 3 Abs. 7 der Richt­li­nie 2010/​64/​EU auf­ge­führ­ten Aus­nah­men von der in Art. 3 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie sta­tu­ier­ten Regel der grund­sätz­li­chen schrift­li­chen Über­set­zung aller wesent­li­chen Unter­la­gen 4. Die Umset­zung der Richt­li­nie, ins­be­son­de­re das in § 187 Abs. 2 Satz 5 genann­te Regel­bei­spiel des ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten, steht auch im Ein­klang mit der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 5, auf wel­che auch die Geset­zes­be­grün­dung zu § 187 GVG Bezug nimmt 6.

Anhalts­punk­te dafür, dass der Ange­klag­te im vor­lie­gen­den Fall aus­nahms­wei­se ein berech­tig­tes Inter­es­se an einer schrift­li­chen Über­set­zung der Urteils­grün­de in die pol­ni­sche Spra­che hat, sind nicht ersicht­lich.

Die vom Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten behaup­te­ten "emo­tio­na­len Spit­zen" und "unzu­läs­si­gen Wer­tun­gen" begrün­den kein berech­tig­tes Inter­es­se an einer schrift­li­chen Über­set­zung des Urteils, da sol­che einen nicht sprach­kun­di­gen Ange­klag­ten und einen Ange­klag­ten, der die Gerichts­spra­che beherrscht, in glei­chem Maße trä­fen.

Auch mög­li­che Abwei­chun­gen zwi­schen der münd­li­chen und der schrift­li­chen Urteils­be­grün­dung begrün­den kei­nen Anspruch auf eine schrift­li­che Über­set­zung des Urteils, wenn der Ange­klag­te einen Ver­tei­di­ger und somit die Mög­lich­keit hat, die schrift­li­che Urteils­be­grün­dung unter Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers mit dem Ver­tei­di­ger zu bespre­chen.

Mit­hin lie­gen auch kei­ne ande­ren Grün­de vor, die für den ver­tei­dig­ten Ange­klag­ten aus­nahms­wei­se ein berech­tig­tes Inter­es­se an einer schrift­li­chen Über­set­zung begrün­den. Ein Umstand, der mit dem in der Geset­zes­be­grün­dung genann­ten Bei­spiel des fach­kun­di­gen Ange­klag­ten 6 ver­gleich­bar wäre, ist nicht ersicht­lich.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 11. Mai 2016 – 1 Ws 82/​16

  1. vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 26.01.2016, 1 Ws 8/​16, RN 3, zitiert nach juris; OLG Hamm, Beschluss vom 11.03.2014, 2 Ws 40/​14, NStZ-RR 2014, 217; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 09.01.2014, 6 – 2 StE 2/​12, StV 2014, 536 f.[]
  2. so OLG Cel­le, Beschluss vom 22.07.2015, 1 Ss (OWi) 118/​15, NStZ, 2015, 720[]
  3. vgl. BT-Drs. 17/​12578, S. 12[]
  4. OLG Hamm, Beschluss vom 26.01.2016, 1 Ws 8/​16, RN 4, zitiert nach juris[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.05.1983, 2 BvR 731/​80BVerfGE 64, 135, 150 ff.[]
  6. BT-Drs. 17/​12578, S. 12[][]