Vor­weg­voll­stre­ckung von Straf­res­ten bei Bewäh­rungs­wi­der­ruf

Straf­res­te, deren Aus­set­zung wider­ru­fen wor­den ist, neh­men nicht an der durch § 454b Abs. 2 Satz 1 StPO in Ver­bin­dung mit §§ 57, 57a StGB gewähr­leis­te­ten gemein­sa­men Aus­set­zungs­ent­schei­dung teil (§ 454b Abs. 2 Satz 2 StPO) und sind des­halb regel­mä­ßig der Vor­weg­voll­stre­ckung über­ant­wor­tet.

Vor­weg­voll­stre­ckung von Straf­res­ten bei Bewäh­rungs­wi­der­ruf

Die­se Vor­weg­voll­stre­ckung ent­spricht der in § 454b Abs. 2 Satz 1, 2 StPO zum Aus­druck kom­men­den Wer­tung des Gesetz­ge­bers. Danach neh­men Straf­res­te, die auf­grund Wider­rufs ihrer Aus­set­zung voll­streckt wer­den, nicht an der durch § 454b Abs. 2 Satz 1 StPO i.V.m. §§ 57, 57a StGB gewähr­leis­te­ten gemein­sa­men Aus­set­zungs­ent­schei­dung teil (§ 454b Abs. 2 Satz 2 StPO). Die hier ange­wen­de­ten Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten nach § 43 Abs. 4, Abs. 2 Nr. 1 Satz 2 StVoll­s­trO set­zen die­sen gesetz­li­chen Auf­trag in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se für das Ver­fah­ren der Voll­stre­ckungs­be­hör­de um.

§ 454b Abs. 2 StPO gibt den voll­stre­ckungs­recht­li­chen Rah­men für den hier zu ent­schei­den­den Fall vor: Nach der durch das 23. Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz 1 ein­ge­führ­ten Vor­schrift des § 454b Abs. 2 Satz 1 StPO ist die Voll­stre­ckung meh­re­rer nach­ein­an­der zu voll­stre­cken­der Frei­heits­stra­fen zum Halb­stra­fen- (Nr. 1) oder Zwei-Drit­tel-Zeit­punkt (Nr. 2) sowie, bei lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fen (Nr. 3), nach fünf­zehn Jah­ren zu unter­bre­chen. Die Rege­lung dient dem Zweck, hin­sicht­lich der Res­te sämt­li­cher Stra­fen eine ein­heit­li­che Ent­schei­dung über die Aus­set­zung zur Bewäh­rung nach §§ 57, 57a StGB zu ermög­li­chen 2 22 und 23/​10, BGHSt 55, 243, 246 f. und NStZ-RR 2010, 353, 354; Regie­rungs­ent­wurf in BT-Drucks. 10/​2720 S. 9, 15)). Dem Ver­ur­teil­ten steht ein gesetz­li­cher Anspruch auf eine die­sen Vor­ga­ben ent­spre­chen­de Unter­bre­chung der Straf­voll­stre­ckung zur frü­hest­mög­li­chen Ver­wirk­li­chung eines gemein­sa­men Aus­set­zungs­zeit­punkts bei meh­re­ren zu voll­stre­cken­den Frei­heits­stra­fen zu 3.

Von die­ser Rege­lung nimmt § 454b Abs. 2 Satz 2 StPO aus­drück­lich Straf­res­te aus, die nach einem Wider­ruf der Straf­aus­set­zung voll­streckt wer­den, und über­ant­wor­tet sie folg­lich jeden­falls grund­sätz­lich der Vor­ab­voll­stre­ckung. Die Vor­schrift ist ein­deu­tig und nicht etwa dem blo­ßen Umstand geschul­det, dass es bei Straf­res­ten (in der Regel) kei­nen Zwei-Drit­tel-Zeit­punkt mehr gibt. Gegen die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung spricht schon, dass der Gesetz­ge­ber bei Ein­füh­rung des § 454b StPO die heu­te in § 43 Abs. 2 Nr. 1 Satz 2 StVoll­s­trO ein­ge­stell­te Ver­wal­tungs­vor­schrift zur Vor­ab­voll­stre­ckung von Straf­res­ten nach Wider­ruf der Straf­aus­set­zung gera­de vor Augen hat­te 4. Zudem hät­te es für eine blo­ße Selbst­ver­ständ­lich­keit kei­ner gesetz­li­chen Nor­mie­rung bedurft und wäre dann kon­se­quen­ter­wei­se zumin­dest eine Aus­nah­me­re­ge­lung für Halb­stra­fen­aus­set­zun­gen zu erwar­ten gewe­sen. Dass dem Gesetz­ge­ber die Pro­ble­ma­tik bewusst ist, erweist fer­ner die für das Jugend­straf­recht getrof­fe­ne Spe­zi­al­be­stim­mung des § 89a Abs. 1 Satz 4 JGG, nach der die Voll­stre­ckung eines Straf­rests, der auf Grund Wider­rufs sei­ner Aus­set­zung voll­streckt wird, unter­bro­chen wer­den kann, wenn ein Teil des Straf­rests ver­büßt ist und eine erneu­te Aus­set­zung in Betracht kommt. Eine ver­gleich­ba­re Rege­lung hält § 454b StPO für das all­ge­mei­ne Straf­recht nicht bereit.

Hin­ter der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung ste­hen in der Sache schlüs­si­ge Erwä­gun­gen. Für sie strei­tet, dass das Bedürf­nis, einem Ver­ur­teil­ten nach einem Bewäh­rungs­ver­sa­gen die Chan­ce auf aber­ma­li­ge Straf­aus­set­zung zu gewäh­ren, deut­lich gerin­ger wiegt 5. Fer­ner blie­be die Ent­schei­dung über den Wider­ruf der Straf­aus­set­zung im Hin­blick auf den Auf­schub der Straf­voll­stre­ckung bis zur Ver­bü­ßung von zwei Drit­teln der ori­gi­när voll­streck­ten Frei­heits­stra­fe(n) andern­falls regel­mä­ßig ohne als­bald spür­ba­re Wir­kung auf den Ver­ur­teil­ten. Dies zu ver­mei­den, mit­hin die mit dem Bewäh­rungs­wi­der­ruf vor­ran­gig ver­folg­te nega­ti­ve spe­zi­al­prä­ven­ti­ve Ziel­set­zung nicht leer­lau­fen zu las­sen, ent­spricht dem in § 454b Abs. 2 Satz 2 StPO ver­an­ker­ten gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len 6. Ob die­ser dar­über hin­aus etwa gar dahin ging, dass eine erneu­te Aus­set­zung der Voll­stre­ckung eines Straf­rests nach deren Wider­ruf mit Blick auf die abschlie­ßen­den Rege­lun­gen des § 57 StGB gene­rell aus­schei­det 7, kann der Bun­des­ge­richts­hof aber­mals 8 dahin­ge­stellt las­sen.

Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen das Zusam­men­spiel von gesetz­li­cher Rege­lung und Ver­wal­tungs­vor­schrift unter dem Blick­win­kel von Art. 104 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 GG und Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG 9 hegt der Bun­des­ge­richts­hof nicht. Grund­la­gen der Rest­stra­fen­voll­stre­ckung sind das ver­ur­tei­len­de Erkennt­nis 10 und die Wider­rufs­ent­schei­dung der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer. Die die Rechts­stel­lung des Ver­ur­teil­ten nach­ran­gig berüh­ren­den Rah­men­be­din­gun­gen der Voll­stre­ckung meh­re­rer Frei­heits­stra­fen – Anschluss­voll­stre­ckung und Unter­bre­chung der Voll­stre­ckung – sind nor­men­klar in § 454b StPO fest­ge­legt. Wenn § 43 Abs. 4 StVoll­s­trO der Voll­stre­ckungs­be­hör­de durch Ein­räu­mung eines – gericht­lich nach­prüf­ba­ren 8 – Ermes­sens erlaubt, unter beson­de­ren Umstän­den, etwa bei bereits begon­ne­ner Voll­stre­ckung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe und einem dann erfolg­ten Wider­ruf des Rests einer zei­ti­gen Frei­heits­stra­fe, zuguns­ten des Ver­ur­teil­ten von der gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen, in § 43 Abs. 2 und 3 StVoll­s­trO näher aus­ge­form­ten Rei­hen­fol­ge abzu­wei­chen 11, so beein­träch­tigt dies – nicht anders bei ande­ren Ermes­sens­ent­schei­dun­gen 12 oder bei Gna­den­ent­schei­dun­gen 13 im Rah­men der Straf­voll­stre­ckung – des­sen Rechts­stel­lung nicht. Dies gilt nament­lich auch mit Blick auf die Gesamt­län­ge der Straf­voll­stre­ckung 14. Beson­de­re Umstän­de für eine ander­wei­ti­ge Voll­stre­ckungs­rei­hen­fol­ge sind hier nicht ersicht­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Febru­ar 2012 – 5 AR (VS) 40/​11

  1. vom 13.04.1986, BGBl. I S. 393[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 04.08.2010 – 5 AR ((VS[]
  3. vgl. BVerfG [Kam­mer], NStZ 1988, 474, 475[]
  4. vgl. Regie­rungs­ent­wurf aaO[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 21.12.1990 – 2 ARs 570/​90, NStZ 1991, 205; Han­sOLG Ham­burg, MDR 1993, 261, 262[]
  6. vgl. hier­zu auch Gre­ger, JR 1986, 353, 357; Funck, NStZ 1992, 511; Mey­er-Goß­ner, StPO, 54. Aufl., § 454b Rn. 7; vgl. fer­ner OLG Frank­furt, NStZ-RR 2000, 282, 284[]
  7. vgl. hier­zu Wen­disch, NStZ 1989, 293[]
  8. vgl. BGH aaO[][]
  9. vgl. BVerfGE 29, 312, 315[]
  10. BVerfGE aaO, S. 316; 1, 418, 420[]
  11. vgl. auch Appl in KK, 6. Aufl., StPO, § 454b Rn. 17[]
  12. vgl. etwa §§ 455, 456, 456a StPO[]
  13. vgl. etwa Weber, BtMG, 3. Aufl., vor §§ 29 ff. Rn. 1211 f.[]
  14. vgl. BVerfG [Kam­mer], NStZ 1994, 452, 453[]