Pflicht­ver­let­zung bei Abschluss eines Pacht­ver­tra­ges

Es ist nicht Auf­ga­be eines Ers­ten Stadt­rats, vor Abschluss eines Pacht­ver­tra­ges erneut und eigen­stän­dig zu prü­fen, ob ein anzu­pach­ten­des Objekt für eine Jugend­werk­statt in jeder Hin­sicht geeig­net war. Dage­gen ver­stößt ein Fach­be­reichs­lei­ter dadurch gegen sei­ne beam­ten­recht­li­chen Pflich­ten, dass er eine bau­fach­li­che Über­prü­fung der Eig­nung der Lie­gen­schaft und die Ermitt­lung der mit der geplan­ten Nut­zung ver­bun­de­nen tat­säch­li­chen Kos­ten vor der Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­aus­schus­ses über die Anpach­tung nicht aus­rei­chend vor­ge­nom­men oder ver­an­lasst hat.

Pflicht­ver­let­zung bei Abschluss eines Pacht­ver­tra­ges

So die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Lüne­burg in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len eines Fach­be­reichs­lei­ters und eines ers­ten Stadt­rats der Han­se­stadt Lüne­burg, die sich gegen die Fest­stel­lung weh­ren, jeweils Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen began­gen zu haben. Der jet­zi­ge Ers­te Stadt­rat ist seit 1984 bei der Han­se­stadt Lüne­burg tätig. Er war seit 2006 Stadt­di­rek­tor, ab 2007 ist er als Ers­ter Stadt­rat all­ge­mei­ner Ver­tre­ter des Ober­bür­ger­meis­ters, und er ist Dezer­nent für Sozia­les, Jugend, Schu­le, Sport und Kul­tur. Der Fach­be­reichs­lei­ter ist seit 1980 bei der Han­se­stadt tätig.

Zur Erwei­te­rung der städ­ti­schen Jugend­werk­statt wur­de am 5. Mai 2009 ein Pacht­ver­trag zwi­schen einer Ver­päch­te­rin und der Han­se­stadt Lüne­burg geschlos­sen über eine Immo­bi­lie mit einer Nutz­flä­che von 1.470 m². Der Ver­trag wur­de vom Ers­ten Stadt­rat für die Han­se­stadt Lüne­burg unter­schrie­ben.

Eine anschlie­ßen­de Unter­su­chung ergab, dass der Est­rich der frü­he­ren Gewer­be­hal­le asbest­hal­tig war. Die Han­se­stadt Lüne­burg kün­dig­te den Ver­trag im April 2010. Sie wur­de dar­auf­hin von der Ver­päch­te­rin beim Land­ge­richt Lüne­burg auf wei­te­re Zah­lung des Pacht­zin­ses ver­klagt. Das zivil­ge­richt­li­che Ver­fah­ren wur­de im Juli 2011 durch einen Ver­gleich been­det, wonach sich die Ver­päch­te­rin zur Durch­füh­rung von Sanie­rungs­ar­bei­ten ver­pflich­te­te und der Ver­trag mit der Han­se­stadt Lüne­burg fort­ge­setzt wur­de. Anfang 2011 hat die Han­se­stadt die Jugend­werk­statt an einen frei­en Trä­ger abge­ge­ben.

Die Han­se­stadt sieht dar­in, dass das Objekt trotz Ver­pflich­tung zur Zah­lung des Pacht­zin­ses nicht für die Jugend­werk­statt genutzt wer­den konn­te, einen Scha­den und meint, der Ers­te Stadt­rat und der Fach­be­reichs­lei­ter hät­ten ihre dienst­li­chen Pflich­ten im Vor­feld und bei Abschluss des Pacht­ver­tra­ges ver­letzt. Im Janu­ar 2011 wur­den des­halb gegen bei­de Beam­te Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Der Ver­wal­tungs­aus­schuss der Han­se­stadt Lüne­burg stell­te die bei­den Ver­fah­ren jeweils mit Ver­fü­gung vom 12. Okto­ber 2011 ein. In den Ein­stel­lungs­ver­fü­gun­gen wur­de jedoch fest­ge­stellt, dass der Ers­te Stadt­rat bzw. der Fach­be­reichs­lei­ter jeweils Dienst­pflicht­ver­let­zun­gen began­gen hät­ten, eine Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me aber nicht erfor­der­lich sei. Bei­de Beam­te haben Kla­ge erho­ben.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Lüne­burg kann im Hin­blick auf den Ers­ten Stadt­rat nicht fest­ge­stellt wer­den, dass er schuld­haft die ihm oblie­gen­den Beam­ten­pflich­ten ver­letzt hat. Der Vor­wurf des Ver­wal­tungs­aus­schus­ses, der Beam­te habe sich nicht mit vol­lem per­sön­li­chem Ein­satz sei­nem Beruf gewid­met und habe sei­ne dienst­li­chen Auf­ga­ben schuld­haft ver­letzt, ist nicht gerecht­fer­tigt. Der Ers­te Stadt­rat konn­te bei der Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges am 5. Mai 2009 von der Eig­nung des Pacht­ob­jek­tes für die Unter­brin­gung der Jugend­werk­statt aus­ge­hen, nach­dem Mit­ar­bei­ter und der Lei­ter des Fach­be­reichs 5 das Objekt besich­tigt und für gut befun­den hat­ten, die not­wen­di­ge Betei­li­gung des Eigen­be­trie­bes Gebäu­de­wirt­schaft statt­ge­fun­den hat­te und die Kos­ten für die Her­rich­tung der Immo­bi­lie über­schlä­gig ermit­telt wor­den waren. Es war nicht Auf­ga­be des Beam­ten, vor Abschluss des Pacht­ver­tra­ges erneut und eigen­stän­dig zu prü­fen, ob das Objekt für die Jugend­werk­statt in jeder Hin­sicht geeig­net war. Der Beam­te konn­te zu die­sem Zeit­punkt davon aus­ge­hen, dass die mit der Prü­fung des Pacht­ob­jek­tes betrau­ten Mit­ar­bei­ter ihre Auf­ga­ben ver­ant­wort­lich durch­ge­führt hat­ten. Der Beam­te war auch nicht ver­pflich­tet, zusätz­lich wesent­li­che inhalt­li­che Ver­än­de­run­gen des Ver­tra­ges vor­zu­neh­men. Die Ver­ant­wor­tung für die Ver­trags­ge­stal­tung war auf den Eigen­be­trieb Gebäu­de­wirt­schaft über­ge­gan­gen, der regel­mä­ßig mit dem Abschluss von Ver­trä­gen über die Nut­zung von Lie­gen­schaf­ten betraut war. Der Beam­te hat zusätz­lich die Auf­nah­me einer Klau­sel ver­an­lasst, wonach der Ver­trag frü­hes­tens nach fünf Jah­ren hät­te gekün­digt wer­den kön­nen. Anlass, eine frü­he­re Kün­di­gungs­mög­lich­keit zu ver­ein­ba­ren, hat im Hin­blick auf die von bei­den Ver­trags­part­nern grund­sätz­lich gewünsch­te län­ger­fris­ti­ge ver­trag­li­che Bin­dung nicht bestan­den. Wegen der För­de­rung der Maß­nah­me im Rah­men des Euro­päi­schen Sozi­al­fonds war eine lang­fris­ti­ge Nut­zung durch die seit Jahr­zehn­ten von der Han­se­stadt betrie­be­ne Jugend­werk­statt vor­ge­se­hen. Ent­schei­dend ist auch, dass zur Zeit des Ver­trags­schlus­ses ein Risi­ko, wel­ches geson­dert hät­te abge­si­chert wer­den müs­sen, für den Ers­ten Stadt­rat nicht erkenn­bar gewe­sen ist.

Der Fach­be­reichs­lei­ter hin­ge­gen hat gegen sei­ne beam­ten­recht­li­chen Pflich­ten dadurch ver­sto­ßen, dass er eine bau­fach­li­che Über­prü­fung der Eig­nung der Lie­gen­schaft und die Ermitt­lung der mit der geplan­ten Nut­zung ver­bun­de­nen tat­säch­li­chen Kos­ten vor der Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­aus­schus­ses am 27. Janu­ar 2009 über die Anpach­tung nicht aus­rei­chend vor­ge­nom­men oder ver­an­lasst hat. Viel­mehr hat er sich auf die Ein­schät­zung der bau­fach­lich nicht aus­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Mit­ar­bei­ter der Jugend­werk­statt ver­las­sen, ohne recht­zei­tig den Eigen­be­trieb Gebäu­de­wirt­schaft zu betei­li­gen, damit die­ser ggf. erfor­der­li­che wei­te­re bau­fach­li­che Prü­fun­gen ver­an­lasst. Das war unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Auf­ga­ben als Fach­be­reichs­lei­ter und der damit ver­bun­de­nen Ver­ant­wor­tung nicht aus­rei­chend. Wei­te­re dis­zi­pli­na­re Vor­wür­fe kön­nen dem Fach­be­reich­lei­ter aller­dings nicht gemacht wer­den.

Hin­sicht­lich des Ers­ten Stadt­ra­tes hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die Ein­stel­lungs­ver­fü­gung auf­ge­ho­ben, soweit dar­in ein Dienst­ver­ge­hen fest­ge­stellt wor­den ist. Hin­sicht­lich des Fach­be­reichs­lei­ters hat das Ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­den, dass die Fest­stel­lung über das Vor­lie­gen eines Dienst­ver­ge­hens nicht zu bean­stan­den ist, weil er die Eig­nung der Lie­gen­schaft und die Kos­ten vor der Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­aus­schus­ses am 27. Janu­ar 2009 über die Anpach­tung nicht aus­rei­chend geprüft hat.

Ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg, Urtei­le vom 20. Juni 2012 – 10 A 25/​11 und 10 A 26/​11