Ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urteils

Ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urteils (§ 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) sind immer schon dann begrün­det, wenn der Rechts­mit­tel­füh­rer einen ein­zel­nen tra­gen­den Rechts­satz oder eine ein­zel­ne erheb­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lung mit schlüs­si­gen Gegen­ar­gu­men­ten in Fra­ge stellt 1.

Ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urteils

Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes gemäß Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gewähr­leis­tet zwar kei­nen Anspruch auf die Errich­tung eines bestimm­ten Instan­zen­zu­ges 2. Hat der Gesetz­ge­ber jedoch meh­re­re Instan­zen geschaf­fen, darf der Zugang zu ihnen nicht in unzu­mut­ba­rer und durch Sach­grün­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 3.

Das Glei­che gilt, wenn das Pro­zess­recht – wie hier die §§ 124, 124a VwGO – den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit gibt, die Zulas­sung eines Rechts­mit­tels zu erstrei­ten 4.

Aus die­sem Grund dür­fen die Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung der Zulas­sungs­grün­de nicht der­art erschwert wer­den, dass sie auch von einem durch­schnitt­li­chen, nicht auf das gera­de ein­schlä­gi­ge Rechts­ge­biet spe­zia­li­sier­ten Rechts­an­walt mit zumut­ba­rem Auf­wand nicht mehr erfüllt wer­den kön­nen und die Mög­lich­keit, die Zulas­sung eines Rechts­mit­tels zu erstrei­ten, für den Rechts­mit­tel­füh­rer leer­läuft.

Dies gilt nicht nur hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung der Zulas­sungs­grün­de gemäß § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO, son­dern in ent­spre­chen­der Wei­se für die Aus­le­gung und Anwen­dung der Zulas­sungs­grün­de des § 124 Abs. 2 VwGO selbst 4.

Mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes unver­ein­bar ist eine Aus­le­gung und Anwen­dung des § 124 Abs. 2 VwGO danach dann, wenn sie sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen ist, sich damit als objek­tiv will­kür­lich erweist und den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar erschwert 5.

Ernst­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urteils (§ 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) sind immer schon dann begrün­det, wenn der Rechts­mit­tel­füh­rer einen ein­zel­nen tra­gen­den Rechts­satz oder eine ein­zel­ne erheb­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lung mit schlüs­si­gen Gegen­ar­gu­men­ten in Fra­ge stellt 1.

Es begeg­net zwar kei­nen grund­sätz­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, wenn das Beru­fungs­ge­richt bei der Über­prü­fung des ange­foch­te­nen Urteils (§ 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO) auf ande­re recht­li­che oder tat­säch­li­che Gesichts­punk­te abstellt als das Ver­wal­tungs­ge­richt in den Ent­schei­dungs­grün­den sei­nes Urteils und wenn es – soweit recht­li­ches Gehör gewährt ist – die Zulas­sung der Beru­fung des­halb ablehnt, weil sich das Urteil aus ande­ren Grün­den im Ergeb­nis als rich­tig erweist. Es wider­spricht jedoch sowohl dem Sinn und Zweck des dem Beru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­schal­te­ten Zulas­sungs­ver­fah­rens als auch der Sys­te­ma­tik der in § 124 Abs. 2 VwGO gere­gel­ten Zulas­sungs­grün­de und kann den Zugang zur Beru­fung in sach­lich nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se ein­schrän­ken, wenn das Beru­fungs­ge­richt auf ande­re Grün­de ent­schei­dungs­tra­gend abstellt als das Ver­wal­tungs­ge­richt, die nicht ohne Wei­te­res auf der Hand lie­gen und deren Her­an­zie­hung des­halb über den mit Blick auf den ein­ge­schränk­ten Zweck des Zulas­sungs­ver­fah­rens von ihm ver­nünf­ti­ger­wei­se zu leis­ten­den Prü­fungs­um­fang hin­aus­geht 6.

Dar­über hin­aus lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­tausch der Begrün­dung nicht vor, wenn das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die ange­nom­me­ne inhalt­li­che Rich­tig­keit des ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Urteils auf Grün­de stützt, denen ihrer­seits grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne von § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO zukommt. Denn die Her­an­zie­hung von Erwä­gun­gen mit Grund­satz­be­deu­tung zur Ableh­nung des Zulas­sungs­grun­des der ernst­li­chen Zwei­fel ver­kürzt den vom Gesetz­ge­ber für Fra­gen von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung vor­ge­se­he­nen Rechts­schutz im Beru­fungs­ver­fah­ren in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se 7.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung hat eine Rechts­fra­ge immer dann, wenn es maß­ge­bend auf eine kon­kre­te, über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­de Rechts­fra­ge ankommt, deren Klä­rung im Inter­es­se der Ein­heit oder der Fort­bil­dung des Rechts gebo­ten erscheint. Der Begriff der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung im Sin­ne des § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO ent­spricht danach weit­ge­hend dem der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung in der revi­si­ons­zu­las­sungs­recht­li­chen Bestim­mung des § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO 8.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Juni 2016 – 1 BvR 2453/​12

  1. vgl. BVerfGE 125, 104, 140[][]
  2. vgl. BVerfGE 104, 220, 231; 125, 104, 136 f.; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 104, 220, 232; 125, 104, 137; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 125, 104, 137[][]
  5. vgl. BVerfGE 125, 104, 137; 134, 106, 117 f. Rn. 34[]
  6. vgl. BVerfGE 134, 106, 119 f. Rn. 40; sie­he auch BVerwG, Beschluss vom 10.03.2004 – BVerwG 7 AV 4.03, NVwZ-RR 2004, S. 542, 543[]
  7. vgl. BVerfGK 10, 208, 213 f. m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfGK 10, 208, 214; BVerfG, Beschluss vom 10.09.2009 – 1 BvR 814/​09, NJW 2009, S. 3642, 3643; Beschluss vom 22.08.2011 – 1 BvR 1764/​09, NVwZ-RR 2011, S. 963, 964[]