Finan­zi­el­le För­de­rung kon­kur­rie­ren­der jüdi­scher Gemein­den

Nach einer heu­te bekannt gewor­de­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist die Rege­lung zur staat­li­chen finan­zi­el­len För­de­rung jüdi­scher Gemein­den in Bran­den­burg ver­fas­sungs­wid­rig.

Finan­zi­el­le För­de­rung kon­kur­rie­ren­der jüdi­scher Gemein­den

Nach dem Ver­trag vom 11. Janu­ar 2005 zwi­schen dem Land Bran­den­burg und der Jüdi­schen Gemein­de – Land Bran­den­burg wen­det das Land Bran­den­burg der jüdi­schen Gemein­schaft in Bran­den­burg zur Auf­recht­erhal­tung jüdi­schen Gemein­de­le­bens jähr­lich einen Betrag von 200.000 € zu. Die­ser Betrag wird nach Art. 8 Abs. 1 des Ver­tra­ges von dem Lan­des­ver­band der Jüdi­schen Gemein­den – Land Bran­den­burg, der den Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts besitzt und die mit­glie­der­stärks­te jüdi­sche Reli­gi­ons­ge­mein­schaft in Bran­den­burg ist, für alle jüdi­schen Gemein­den des Lan­des unab­hän­gig von ihrer Mit­glied­schaft im Lan­des­ver­band ver­wal­tet; der Lan­des­ver­band ist ver­pflich­tet, sämt­li­che Gemein­den ange­mes­sen dar­an zu betei­li­gen. Dar­über hin­aus gewährt der Ver­trag dem Lan­des­ver­band bestimm­te Pri­vi­le­gi­en u. a. in den Berei­chen Fei­er­tags­recht, Anstalts­seel­sor­ge, Betrei­ben von Schu­len und Fried­hö­fen, Befrei­ung von Gebüh­ren und Zur­ver­fü­gung­stel­lung von Sen­de­zei­ten im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk.

Außer dem Lan­des­ver­band exis­tiert in Bran­den­burg der ein­ge­tra­ge­ne Ver­ein Geset­zes­treue Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de Bran­den­burg, der die Glau­bens­rich­tung des Lan­des­ver­ban­des nicht teilt und ihm daher auch nicht ange­hört. Zwi­schen bei­den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten besteht viel­mehr ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis. Nach Abschluss des Ver­tra­ges betei­lig­te der Lan­des­ver­band die Geset­zes­treue Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de zunächst nicht an der vom Land zuge­wen­de­ten Sum­me; erst seit Dezem­ber 2007 wird ihr rück­wir­kend und für die Zukunft ein monat­li­cher Betrag von 1020 € zuge­wandt.

Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­den sich die Geset­zes­treue Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de Bran­den­burg und eines ihrer Mit­glie­der unmit­tel­bar gegen die ver­trag­li­chen Rege­lun­gen in Ver­bin­dung mit dem vom Bran­den­bur­gi­schen Land­tag erlas­se­nen Zustim­mungs­ge­setz. Sie sehen sich dadurch in ihren Grund­rech­ten ver­letzt, dass sie durch die ver­trag­li­che Rege­lung von einem unmit­tel­ba­ren Leis­tungs­an­spruch gegen das Land Bran­den­burg und dar­über hin­aus auch von den übri­gen Pri­vi­le­gie­run­gen des Ver­tra­ges aus­ge­schlos­sen wür­den.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schied dar­auf­hin, dass die Rege­lung zur Ver­ga­be der Mit­tel durch den Lan­des­ver­band in Art. 8 Abs. 1 des Ver­tra­ges mit den aus Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG fol­gen­den leis­tungs- und teil­ha­be­recht­li­chen Gehal­ten des Grund­rechts der Reli­gi­ons­frei­heit in Ver­bin­dung mit dem aus dem Rechts­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 3 GG abzu­lei­ten­den Gebot der Unpar­tei­lich­keit unver­ein­bar und daher nich­tig ist. Für die ver­gan­ge­ne Zeit bis zu einer Neu­re­ge­lung hat das Land Bran­den­burg der Geset­zes­treu­en Jüdi­schen Lan­des­ge­mein­de Bran­den­burg unter Anrech­nung der vom Lan­des­ver­band bereits zuge­wen­de­ten Beträ­ge eine finan­zi­el­le För­de­rung zukom­men zu las­sen, die gemes­sen an der dem Lan­des­ver­band zuge­wand­ten Sum­me Pari­täts­ge­sichts­punk­ten ent­spricht. Soweit sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen wei­te­re Vor­schrif­ten des Ver­tra­ges wen­den, sind sie dage­gen unzu­läs­sig.

Der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de:

Das Grund­recht auf Glau­bens­frei­heit nach Art. 4 GG gewähr­leis­tet unter ande­rem die reli­giö­se Ver­ei­ni­gungs­frei­heit, also die Frei­heit, aus gemein­sa­mem Glau­ben sich zu einer Reli­gi­ons­ge­sell­schaft zusam­men­zu­schlie­ßen. Dabei ist die mate­ri­el­le Aus­stat­tung von hoher Bedeu­tung für die Frei­heit der Reli­gi­ons­aus­übung der Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten. Zwar las­sen sich aus Art. 4 GG kei­ne Ansprü­che auf bestimm­te staat­li­che Leis­tun­gen ablei­ten, doch ent­fal­tet Art. 4 GG bezo­gen auf die finan­zi­el­le För­de­rung von Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten auch eine leis­tungs- und teil­ha­be­recht­li­che Kom­po­nen­te. Die­se kann den Staat auch zu Vor­keh­run­gen orga­ni­sa­to­ri­scher Art ver­pflich­ten. Dabei ist auch das Gebot reli­giö­ser und welt­an­schau­li­cher Neu­tra­li­tät des Staa­tes zu berück­sich­ti­gen.

Gibt der Staat die Ver­ga­be von ihm bereit­ge­stell­ter Mit­tel an Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten aus der Hand, so hat er dar­über hin­aus die Anfor­de­run­gen des Rechts­staats­prin­zips zu beach­ten. Dem Rechts­staats­prin­zip ist zu ent­neh­men, dass Ent­schei­dun­gen eines Auf­ga­ben­trä­gers in eige­ner Sache nur in begrenz­tem Umfang zuläs­sig sind. Zwar ist von der Recht­spre­chung in ande­ren Rechts­be­rei­chen ein gene­rel­les Gebot der Unpar­tei­lich­keit des Ver­wal­tungs­trä­gers und der ihn ver­tre­ten­den Behör­de bis­her nicht ange­nom­men wor­den. Jeden­falls in dem von Art. 4 GG gepräg­ten Bereich finan­zi­el­ler För­de­rung von Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten durch den Staat ist die­ser aber ver­pflich­tet, die Ent­ste­hung einer struk­tu­rel­len Gefähr­dungs­la­ge hin­sicht­lich der Gehal­te des Art. 4 GG zu ver­hin­dern. Durch die Auf­ga­ben­über­tra­gung darf nicht eine Situa­ti­on ent­ste­hen, in der die mit der Auf­ga­be betrau­te Reli­gi­ons­ge­sell­schaft als selbst anspruchs­be­rech­tig­ter Grund­rechts­trä­ger regel­mä­ßig über einen Gegen­stand zu ent­schei­den hat, in Bezug auf den eine ande­re, mög­li­cher­wei­se kon­kur­rie­ren­de Reli­gi­ons­ge­sell­schaft die glei­che grund­recht­li­che Berech­ti­gung gel­tend machen kann. Eine der­ar­ti­ge Inter­es­sen­kol­li­si­on, die gleich­zei­tig mit einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zulas­ten der ande­ren betrof­fe­nen Reli­gi­ons­ge­sell­schaft ver­bun­den ist, steht der Grund­rechts­ver­wirk­li­chung im Bereich des Art. 4 GG ent­ge­gen.

Die ange­grif­fe­ne Rege­lung ist nach ihrer Ent­ste­hungs­ge­schich­te und ihrem Sinn und Zweck so zu ver­ste­hen, dass mit ihr eine abschlie­ßen­de Rege­lung der För­de­rung jüdi­scher Gemein­den in Bran­den­burg getrof­fen und dar­über hin­aus­ge­hen­de Ansprü­che von jüdi­schen Gemein­den gegen das Land aus­ge­schlos­sen wer­den soll­ten. Damit war beab­sich­tigt, das Land von der Ver­ant­wor­tung für eine gerech­te Ver­tei­lung der Mit­tel zu ent­las­ten und die För­der­mit­tel für jüdi­sche Gemein­den auf den ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Betrag zu begren­zen. Dem­entspre­chend lehn­te das Land in der Fol­ge gegen­über der Geset­zes­treu­en Jüdi­schen Lan­des­ge­mein­de Bran­den­burg sei­ne Ver­ant­wort­lich­keit unter Ver­weis auf die ver­trag­li­che Rege­lung stets ab.

Die ange­grif­fe­ne Rege­lung ist nicht des­halb ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, weil es sich bei der Mit­tel­ver­ga­be um die Wahr­neh­mung einer eige­nen Ange­le­gen­heit des Lan­des­ver­ban­des han­del­te. Trotz der zunächst voll­stän­di­gen Zuwei­sung der Mit­tel an den Lan­des­ver­band wer­den die­se nicht voll­stän­dig zum Gegen­stand sei­nes Selbst­be­stim­mungs­rech­tes nach Art. 137 Abs. 3 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG, da die­ses nicht die recht­li­che Ein­wir­kung auf den inter­nen Bereich ande­rer Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten decken kann.

Die ange­grif­fe­ne Rege­lung ver­letzt die Geset­zes­treue Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de in ihrem Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 GG, weil die Beauf­tra­gung des Lan­des­ver­ban­des mit der Wei­ter­ga­be der vom Land bereit­ge­stell­ten Mit­teln die­sen in eine Situa­ti­on insti­tu­tio­nel­ler Befan­gen­heit ver­setzt. Der Lan­des­ver­band steht dem Land selbst als Grund­rechts­trä­ger gegen­über. Da der Ver­trag die Ent­schei­dung über die Höhe des wei­ter­zu­rei­chen­den Betrags voll­stän­dig in die Hän­de des Lan­des­ver­ban­des legt, wird die­ser dadurch ver­pflich­tet, die Gren­zen sei­ner eige­nen Berech­ti­gung selbst abzu­ste­cken. Dabei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass der Lan­des­ver­band ein star­kes Eigen­in­ter­es­se an den Gel­dern hat. Mit den Gebo­ten staat­li­cher Neu­tra­li­tät sowie einer rechts­staat­li­chen Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on ist eben­falls unver­ein­bar, dass die Geset­zes­treue Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de durch die ange­grif­fe­ne Rege­lung in ein Ver­hält­nis der Abhän­gig­keit gegen­über dem Lan­des­ver­band gebracht wird.

Der fest­ge­stell­te Grund­rechts­ver­stoß betrifft nur die Beauf­tra­gung des Lan­des­ver­ban­des mit der Ver­wal­tung der vom Land bereit­ge­stell­ten Mit­tel und der Betei­li­gung aller jüdi­schen Gemein­den dar­an; gegen die Zuwen­dung finan­zi­el­ler Mit­tel zur För­de­rung und zum Auf­bau jüdi­schen Gemein­de­le­bens bestehen kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Es besteht auch weder Not­wen­dig­keit noch Anlass, die Nich­tig­erklä­rung über die Beauf­tra­gung des Lan­des­ver­ban­des mit der Ver­wal­tung der Mit­tel hin­aus auf ande­re Bestim­mun­gen zu erstre­cken.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 12. Mai 2009 – 2 BvR 890/​06