Flücht­ling ja – aber kein Asyl?

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob für die (nur) auf Asyl­an­er­ken­nung gerich­te­te Ver­pflich­tungs­kla­ge über­haupt ein Rechts­schutz­be­dürf­nis besteht, nach­dem das Bun­des­amt von sei­nem Selbst­ein­tritts­recht nach Art. 3 Abs. 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 343/​2003 (Dub­lin-II-VO) Gebrauch gemacht und den Asyl­be­wer­ber mit (bestands­kräf­ti­gem) Bescheid die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt hat.

Flücht­ling ja – aber kein Asyl?

In dem hier ent­schie­de­nen Fall reis­ter der Asyl­be­wer­ber, ein ira­ki­scher Volks­zu­ge­hö­ri­ger assy­ri­scher Volks- und chaldä­isch-römisch-katho­li­scher Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, 2009 auf dem Luft­weg von Grie­chen­land kom­mend in das Bun­des­ge­biet ein und bean­trag­te sei­ne Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ter. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge mach­te von sei­nem Selbst­ein­tritts­recht Gebrauch und erkann­te ihm die Flücht­lings­ei­gen­schaft wegen Grup­pen­ver­fol­gung als Christ zu, den Antrag auf Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ter lehn­te es hin­ge­gen wegen Ein­rei­se aus einem siche­ren Dritt­staat ab.

Das deut­sche Asyl­recht unter­schei­det zwar zwi­schen dem ver­fas­sungs- und dem uni­ons­recht­lich gere­gel­ten Flücht­lings­schutz. Nach dem Asyl­ver­fah­rens­ge­setz umfasst ein Asyl­an­trag grund­sätz­lich bei­de Begeh­ren (vgl. § 13 AsylVfG) und hat das Bun­des­amt über die­se in einem Bescheid zu ent­schei­den (vgl. § 31 AsylVfG). Auch bei Gericht wer­den bei­de Begeh­ren zuläs­si­ger­wei­se zusam­men gel­tend gemacht. Lehnt das Bun­des­amt indes – wie hier – den Antrag auf Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ter ab, gewährt es aber zugleich uni­ons­recht­li­chen Flücht­lings­schutz, bedarf beson­de­rer Begrün­dung, inwie­fern die gericht­li­che Wei­ter­ver­fol­gung des Asyl­be­geh­rens mit dem Ziel der (zusätz­li­chen) Aner­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ten dem Klä­ger einen wei­te­ren Vor­teil bräch­te. Denn der Gesetz­ge­ber hat mit dem Zuwan­de­rungs­ge­setz von 2004 Asyl­be­rech­tig­te und Flücht­lin­ge recht­lich weit­ge­hend gleich­ge­stellt, so dass der Unter­schei­dung kei­ne erheb­li­che prak­ti­sche Bedeu­tung mehr zukommt, ins­be­son­de­re kön­nen sich bei­de Per­so­nen­grup­pen auf die einem Flücht­ling gegen­über ande­ren Aus­län­dern in der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on gewähr­ten Vor­tei­le beru­fen. Hin­sicht­lich der auf­ent­halts­recht­li­chen Fol­gen sind Asyl­be­rech­tig­te und Aus­län­der, denen die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt wur­de, eben­falls gleich­ge­stellt (vgl. etwa § 5 Abs. 3, § 25 Abs. 1 und 2 Auf­en­thG hin­sicht­lich der Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis und § 29 Abs. 2 Auf­en­thG bezüg­lich Erleich­te­run­gen beim Fami­li­en­nach­zug). Auch für das Fami­li­en­asyl und den Fami­li­en­flücht­lings­schutz bestehen nach § 26 AsylVfG inzwi­schen kei­ne Unter­schie­de mehr. Bei die­ser Sach­la­ge obliegt es dem Klä­ger dar­zu­le­gen, wel­che wei­ter­ge­hen­den Vor­tei­le ihm die begehr­te Asyl­an­er­ken­nung bräch­te. Andern­falls wäre es eine über­flüs­si­ge Inan­spruch­nah­me der Gerich­te, wenn die­se trotz des vom Bun­des­amt gewähr­ten Flücht­lings­schut­zes über die Asyl­an­er­ken­nung sach­lich ent­schei­den müss­ten. Dies zu ver­hin­dern ist Zweck der Sachur­teils­vor­aus­set­zung des Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses 1.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2015 – 1 B 362015

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.04.1998 – 9 C 1.97, BVerw­GE 106, 339, 340 f.[]