Haft­auf­he­bungs­ver­fah­ren – und die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit eines Haft­an­ord­nungs­be­schlus­ses

Ein Antrag auf Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit eines Haft­an­ord­nungs­be­schlus­ses gemäß § 62 Abs. 1 FamFG kann auch im Rah­men eines Haft­auf­he­bungs­ver­fah­rens gemäß § 426 Abs. 2 Satz 1 FamFG vor dem Amts­ge­richt gestellt wer­den. Ein sol­cher Fest­stel­lungs­an­trag ist jedoch unzu­läs­sig, wenn die Haft­ent­las­sung und damit die Erle­di­gung bereits vor Ein­gang des Auf­he­bungs­an­trags beim Amts­ge­richt erfolgt war.

Haft­auf­he­bungs­ver­fah­ren – und die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit eines Haft­an­ord­nungs­be­schlus­ses

Ein Antrag auf Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit eines Haft­an­ord­nungs­be­schlus­ses kann ent­ge­gen dem inso­weit zu engen Wort­laut des § 62 Abs. 1 FamFG nicht nur im Rah­men eines Beschwer­de­ver­fah­rens gestellt wer­den. Wenn der Betrof­fe­ne gemäß § 426 Abs. 2 Satz 1 FamFG die Auf­he­bung der Haft­an­ord­nung bean­tragt und sich die­ser Antrag nach­träg­lich durch die Ent­las­sung aus der Haft erle­digt, besteht die Mög­lich­keit, die Rechts­wid­rig­keit der Haft­an­ord­nung bereits vor dem Amts­ge­richt fest­stel­len zu las­sen 1. Denn unter dem Blick­win­kel effek­ti­ven Rechts­schut­zes ist es uner­heb­lich, in wel­chem Sta­di­um des Ver­fah­rens sich die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che erle­digt 2. Macht der Betrof­fe­ne von der Rechts­schutz­mög­lich­keit bei dem Amts­ge­richt Gebrauch, ist aller­dings ein spä­ter bei dem Beschwer­de­ge­richt mit dem glei­chen Rechts­schutz­ziel gestell­ter Fest­stel­lungs­an­trag wegen ander­wei­ti­ger Rechts­hän­gig­keit unzu­läs­sig 3.

Die Beja­hung eines Rechts­schutz­in­ter­es­ses an der Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit einer frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­nah­me ermög­licht eine sol­che Fest­stel­lung aller­dings nicht los­ge­löst von dem jeweils bestehen­den Rechts­schutz­sys­tem. Sofern es dem Betrof­fe­nen zumut­bar und mög­lich war, eine von der Ver­fah­rens­ord­nung bereit­ge­stell­te Rechts­schutz­mög­lich­keit zu ergrei­fen, kann von ihm erwar­tet wer­den, dass er die­se wahr­nimmt 4.

Hier­aus folgt zum einen, dass die for­mel­le Rechts­kraft der Ent­schei­dung über die Haft­an­ord­nung durch das Ver­fah­ren auf Auf­he­bung der Haft nach § 426 Abs. 2 Satz 1 FamFG nicht durch­bro­chen wer­den kann. Ist gegen den Beschluss, mit dem die Haft ange­ord­net wor­den ist, kein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wor­den oder ist ein sol­ches Rechts­mit­tel erfolg­los geblie­ben, kann die Rechts­wid­rig­keit erst ab dem Zeit­punkt des Haft­auf­he­bungs­an­trags bei Gericht fest­ge­stellt wer­den 5. Ein auf den vor­an­ge­gan­ge­nen Haft­zeit­raum bezo­ge­ner Fest­stel­lungs­an­trag ist dann unzu­läs­sig 6.

Die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der Haft­an­ord­nung im Rah­men eines Haft­auf­he­bungs­ver­fah­rens vor dem Amts­ge­richt gemäß § 426 Abs. 2 Satz 1 FamFG schei­det zum ande­ren ins­ge­samt aus mit der Fol­ge der Unzu­läs­sig­keit des gesam­ten Fest­stel­lungs­an­trags, wenn die Haft­ent­las­sung und damit die Erle­di­gung bereits vor Ein­gang des Auf­he­bungs­an­trags beim Amts­ge­richt erfolgt war. Man­gels einer auf­zu­he­ben­den Ent­schei­dung fehlt es an einem Rechts­schutz­in­ter­es­se des Betrof­fe­nen für die Durch­füh­rung die­ses Ver­fah­rens. Des­halb kommt auch eine Ver­fah­rens­fort­set­zung durch Stel­lung eines Fest­stel­lungs­an­trags gemäß § 62 Abs. 1 FamFG nicht in Betracht. Dies ist auch ver­fas­sungs­recht­lich (Art.19 Abs. 4 GG) unbe­denk­lich, weil es dem Betrof­fe­nen zumut­bar ist, die Recht­mä­ßig­keit der Maß­nah­me im Rah­men einer – aller­dings frist­ge­recht ein­zu­rei­chen­den – Beschwer­de über­prü­fen zu las­sen 7. Dies ist auch bei einer Erle­di­gung vor Ein­le­gung der Beschwer­de mög­lich 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 2015 – V ZB 3/​15

  1. BGH, Beschlüs­se vom 28.04.2011 – V ZB 292/​10, FGPrax 2011, 200 Rn. 18; vom 26.05.2011 – V ZB 318/​10 16; vom 29.11.2012 – V ZB 115/​12, InfAuslR 2013, 158 Rn. 4; vom 29.11.2012 – V ZB 170/​12, InfAuslR 2013, 157 Rn. 7[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 29.04.2010 – V ZB 218/​09, FGPrax 2010, 210 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.05.2011 – V ZB 318/​10 17[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 28.04.2011 – V ZB 292/​10, FGPrax 2011, 200 Rn. 15; und vom 26.05.2011 – V ZB 318/​10 16[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 28.04.2011 – V ZB 292/​10, FGPrax 2011, 200 Rn. 17 f.; vom 26.05.2011 – V ZB 318/​10 16; vom 29.11.2012 – V ZB 170/​12, InfAuslR 2013, 157 Rn. 7[]
  6. BGH, Beschluss vom 29.11.2012 – V ZB 170/​12, InfAuslR 2013, 157 Rn. 5[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 20.01.2011 – V ZB 116/​10, FGPrax 2011, 143 Rn. 8 zu der Unzu­läs­sig­keit eines iso­lier­ten Fest­stel­lungs­an­trags an das Amts­ge­richt nach Erle­di­gung eines Ver­fah­rens gemäß § 427 FamFG[]
  8. BGH, Beschluss vom 06.10.2011 – V ZB 314/​10, FGPrax 2012, 211 Rn. 7[]