Kei­ne Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen Grup­pen­ver­fol­gung im Irak

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat ges­tern eine Ent­schei­dung des Baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs auf­ge­ho­ben, der einem Ira­ker sun­ni­tisch-isla­mi­scher Glau­bens­rich­tung wegen einer Grup­pen­ver­fol­gung von Sun­ni­ten im Irak die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt hat­te. Nach Anga­ben der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik leben im Irak etwa 8 bis 10 Mil­lio­nen Sun­ni­ten.

Kei­ne Flücht­lings­an­er­ken­nung wegen Grup­pen­ver­fol­gung im Irak

Der Baye­ri­sche VGH war der Auf­fas­sung, dass dem 2006 nach Deutsch­land ein­ge­reis­ten Klä­ger wegen sei­nes sun­ni­ti­schen Glau­bens bei einer Rück­kehr in den Irak Ver­fol­gung dro­he, weil die Sun­ni­ten dort einer Grup­pen­ver­fol­gung durch nicht­staat­li­che Akteu­re, ins­be­son­de­re durch schii­ti­sche Mili­zen, aus­ge­setzt sei­en. Der ira­ki­sche Staat kön­ne dage­gen kei­nen Schutz bie­ten. Auch eine inlän­di­sche Schutz­al­ter­na­ti­ve ste­he dem aus Bag­dad stam­men­den Klä­ger nicht zur Ver­fü­gung.

Das BVerwG hat nun jedoch bean­stan­det, dass der VGH in dem ange­foch­te­nen Urteil von den in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen für die Fest­stel­lung einer Grup­pen­ver­fol­gung abge­wi­chen ist. Danach braucht ein Flücht­ling nicht not­wen­di­ger­wei­se ein indi­vi­du­el­les Ver­fol­gungs­schick­sal dar­zu­le­gen, son­dern kann sich dar­auf beru­fen, dass er einer Grup­pe ange­hört, die im Hei­mat­staat aus asyl­erheb­li­chen Grün­den ver­folgt wird. Die Annah­me einer sol­chen Grup­pen­ver­fol­gung setzt aller­dings vor­aus, dass die gegen die­se Grup­pe gerich­te­ten Ver­fol­gungs­hand­lun­gen so inten­siv und zahl­reich sind, dass jedes ein­zel­ne Mit­glied der Grup­pe dar­aus die aktu­el­le Gefahr eige­ner Betrof­fen­heit her­lei­ten kann. Um die­se Ver­fol­gungs­dich­te fest­zu­stel­len, müs­sen die Anzahl und Inten­si­tät der Ver­fol­gungs­hand­lun­gen gegen­über der gesam­ten Grup­pe ermit­telt und zur Grö­ße der Grup­pe in Bezie­hung gesetzt wer­den.

Dem wird nach Ansicht des BVerwG das Urteil des VGH aber nicht gerecht. Es beschränkt sich dar­auf, "häu­fi­ge" Über­grif­fe nicht­staat­li­cher Akteu­re gegen Sun­ni­ten fest­zu­stel­len und hält wegen der Schwie­rig­kei­ten wei­te­rer Auf­klä­rung eine genaue­re Ermitt­lung der Ver­fol­gungs­dich­te für ent­behr­lich. Es fehlt damit schon an Fest­stel­lun­gen zur Grö­ßen­ord­nung der Ver­fol­gungs­hand­lun­gen, die in dem hier maß­geb­li­chen Zeit­raum gegen Sun­ni­ten unter Anknüp­fung an ihr reli­giö­ses Bekennt­nis gerich­tet waren. Der VGH hat viel­mehr nur Anga­ben zur Gesamt­zahl aller Getö­te­ten und Ver­letz­ten unter der ira­ki­schen Zivil­be­völ­ke­rung gemacht. Eben­so wenig hat er Fest­stel­lun­gen zur Grö­ße der ver­folg­ten Grup­pe getrof­fen und die­se in Bezie­hung zu den Ver­fol­gungs­hand­lun­gen gegen Sun­ni­ten gesetzt. Nur auf der Grund­la­ge einer sol­chen Rela­ti­ons­be­trach­tung lässt sich aber nach­voll­zieh­bar bewer­ten, ob für jeden Sun­ni­ten im Irak nicht nur die Mög­lich­keit, son­dern ohne Wei­te­res die aktu­el­le Gefahr eige­ner Ver­fol­gung besteht.

Da das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt selbst nicht die erfor­der­li­chen Tat­sa­chen fest­stel­len darf, hat es den Rechts­streit zur wei­te­ren Klä­rung – auch im Hin­blick auf eine etwai­ge indi­vi­du­el­le Ver­fol­gung des Klä­gers oder gege­be­nen­falls die Gewäh­rung ander­wei­ti­gen Abschie­bungs­schut­zes – an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. April 2009 – 10 C 11.08