Kom­mu­na­le Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten – und die ver­jähr­ten Anschluss­bei­trä­ge

Die Her­an­zie­hung zu ver­jähr­ten Anschluss­bei­trä­gen ist auch bei kom­mu­na­len Woh­nungs­ge­sell­schaf­ten unzu­läs­sig.

Kom­mu­na­le Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten – und die ver­jähr­ten Anschluss­bei­trä­ge

So hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig jetzt ent­schie­den, dass kom­mu­na­le Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten nicht zu Anschluss­bei­trä­gen her­an­ge­zo­gen wer­den dür­fen, die nach der Rechts­la­ge in Bran­den­burg vor dem 1. Febru­ar 2004 nicht mehr erho­ben wer­den konn­ten.

Geklagt hat­ten zwei kom­mu­na­le Woh­nungs­ge­sell­schaf­ten in der Rechts­form einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung. Gesell­schaf­ter der Klä­ge­rin­nen sind aus­schließ­lich Gemein­den. Bei­de Klä­ge­rin­nen sind jeweils Eigen­tü­mer eines Grund­stücks im Ver­bands­ge­biet des beklag­ten Was­ser- und Abwas­ser­zweck­ver­bands „Der Tel­tow“. Die Grund­stü­cke waren bereits am 3. Okto­ber 1990 an eine Ein­rich­tung der zen­tra­len Schmutz­was­ser­ent­sor­gung ange­schlos­sen. Für bei­de Grund­stü­cke setz­te der Zweck­ver­band im Jahr 2014 Bei­trä­ge für die Her­stel­lung sei­ner Ent­wäs­se­rungs­an­la­ge fest.

Die Wider­sprü­che der Klä­ge­rin­nen wur­den zurück­ge­wie­sen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Pots­dam hob die Bei­trags­be­schei­de und die Wider­spruchs­be­schei­de auf 1. Und auch die vom Ver­wal­tungs­ge­richt zuge­las­se­ne Sprung­re­vi­si­on des Zweck­ver­ban­des hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kei­nen Erfolg:

Nach § 8 Abs. 7 Satz 2 des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes für das Land Bran­den­burg in der bis zum 31. Janu­ar 2004 gel­ten­den Fas­sung war für das Ent­ste­hen der Bei­trags­pflicht und damit für den Beginn der Fest­set­zungs­frist der Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens der ers­ten Bei­trags­sat­zung unab­hän­gig von deren Gül­tig­keit maß­geb­lich. Danach konn­ten Bei­trä­ge von den Klä­ge­rin­nen nicht mehr erho­ben wer­den, weil die Fest­set­zungs­frist bereits Ende 1997 abge­lau­fen war. Nach der seit dem 1. Febru­ar 2004 gel­ten­den Fas­sung ent­steht die Bei­trags­pflicht hin­ge­gen frü­hes­tens mit dem Inkraft­tre­ten einer rechts­wirk­sa­men Sat­zung. Da eine sol­che Sat­zung erst­mals zum 1. Janu­ar 2011 in Kraft getre­ten war, wäre nach neu­er Rechts­la­ge die vier­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­frist bei Erlass der Bei­trags­be­schei­de im Jahr 2014 nicht ver­stri­chen und die Bei­trags­er­he­bung nicht aus­ge­schlos­sen gewe­sen. Jedoch ver­stößt die Anwen­dung der neu­en gesetz­li­chen Rege­lung in Fäl­len, in denen Bei­trä­ge nach dem zuvor gel­ten­den Recht nicht mehr erho­ben wer­den konn­ten, gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Rück­wir­kungs­ver­bot. Sie stellt eine unzu­läs­si­ge ech­te Rück­wir­kung dar.

Die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung im Abga­ben­recht gilt für alle Abga­ben­schuld­ner in glei­cher Wei­se. Ihre Wir­kung ist nicht davon abhän­gig, ob ein Ver­trau­en indi­vi­du­ell betä­tigt oder beson­ders schutz­wür­dig ist. Das dies­be­züg­li­che Rück­wir­kungs­ver­bot, das auf den im Rechts­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 3 GG ver­an­ker­ten Grund­sät­zen der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes beruht und das Ver­trau­en in die Ver­läss­lich­keit und Bere­chen­bar­keit der unter der Gel­tung des Grund­ge­set­zes geschaf­fe­nen Rechts­ord­nung und der auf ihrer Grund­la­ge erwor­be­nen Rech­te schützt, gilt des­halb eben­falls all­ge­mein. Es ist mit­hin auch auf juris­ti­sche Per­so­nen des Pri­vat­rechts anzu­wen­den, die wie die Klä­ge­rin­nen von der öffent­li­chen Hand beherrscht wer­den und daher nicht grund­rechts­fä­hig sind. Geschützt ist auch ihr Recht, wie jeder ande­re Abga­ben­pflich­ti­ge nicht zu Bei­trä­gen her­an­ge­zo­gen zu wer­den, die wegen Ver­jäh­rung nicht mehr fest­ge­setzt wer­den kön­nen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 23. Janu­ar 2019 – 9 C 2.18 und 9 C 3.18

  1. VG Pots­dam, Urtei­le vom 24.01.2018 – 8 K 2470/​14 und 8 K 2471/​14[]