Sub­si­diä­re Schutz­ge­wäh­rung in einem ande­ren EU-Staat – und der erneu­te Asyl­an­trag

Vor dem 20.07.2015 gestell­te Asyl­an­trä­ge dür­fen auf­grund der Über­gangs­re­ge­lung in Art. 51 Unter­ab­satz 1 der Richt­li­nie 2013/​32/​EU nicht allein des­halb als unzu­läs­sig behan­delt wer­den, weil dem Antrag­stel­ler in einem ande­ren Mit­glied­staat bereits sub­si­diä­rer Schutz gewährt wor­den ist.

Sub­si­diä­re Schutz­ge­wäh­rung in einem ande­ren EU-Staat – und der erneu­te Asyl­an­trag

In die­sen Fäl­len ist der Asyl­an­trag nicht schon des­halb unzu­läs­sig, weil ihm in einem ande­ren Mit­glied­staat sub­si­diä­rer Schutz gewährt wor­den ist.

Dies steht nicht in Wider­spruch zum Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 17.06.2014 1. Die­ser Ent­schei­dung lag eine ande­re Fall­kon­stel­la­ti­on zugrun­de, da der Klä­ger im dor­ti­gen Ver­fah­ren in einem ande­ren Mit­glied­staat als Flücht­ling aner­kannt wor­den war. Eine sol­che aus­län­di­sche Flücht­lings­an­er­ken­nung hat zur Fol­ge, dass der Betrof­fe­ne nach § 60 Abs. 1 Satz 1 und 2 Auf­en­thG kraft natio­na­len Rechts nicht in den Her­kunfts­staat abge­scho­ben wer­den darf; einen Anspruch auf eine (neu­er­li­che) Sta­tusan­er­ken­nung durch das Bun­des­amt hat er nach § 60 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG aber nicht. Dies gilt über § 60 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG auch in Bezug auf die Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes.

Vor­lie­gend geht es hin­ge­gen um die Kon­se­quen­zen, die sich aus der Ableh­nung der Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft bei gleich­zei­ti­ger Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes durch einen ande­ren Mit­glied­staat für einen erneu­ten Asyl­an­trag im Bun­des­ge­biet erge­ben. Hier­zu sind der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 17.06.2014 kei­ne tra­gen­den Rechts­sät­ze zu ent­neh­men, von denen das Beru­fungs­ge­richt abge­wi­chen ist. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in die­ser Ent­schei­dung ins­be­son­de­re nicht den Rechts­satz auf­ge­stellt, dass jede Form einer im Aus­land bereits erfolg­ten Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Schut­zes den Aus­schluss einer noch­ma­li­gen mate­ri­el­len Prü­fung im Bun­des­ge­biet zur Fol­ge hat. Die Ent­schei­dung ver­hält sich ins­be­son­de­re nicht zu der hier ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge, ob die Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in einem ande­ren Mit­glied­staat auch einem Anspruch auf Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft ent­ge­gen­steht.

Soweit das BAMF im Übri­gen hin­sicht­lich des Umfangs der aus § 60 Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG abzu­lei­ten­den Unzu­läs­sig­keit eines mate­ri­el­len Prüf­ver­fah­rens dar­auf hin­weist, dass die Ableh­nung der Durch­füh­rung eines erneu­ten Asyl­ver­fah­rens wegen der Gewäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in einem ande­ren Mit­glied­staat den uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben, ins­be­son­de­re Art. 33 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2013/​32/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rats vom 26.06.2013 zu gemein­sa­men Ver­fah­ren für die Zuer­ken­nung und Aberken­nung des inter­na­tio­na­len Schut­zes 2Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie n.F. – ent­spre­che, wonach die Mit­glied­staa­ten zusätz­lich zu den Dub­lin-Bestim­mun­gen einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz als unzu­läs­sig betrach­ten dür­fen, wenn ein ande­rer Mit­glied­staat inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat, über­sieht es die Über­gangs­re­ge­lung in Art. 52 Unter­ab­satz 1 der Richt­li­nie 2013/​32/​EU. Danach wen­den die Mit­glied­staa­ten die in Umset­zung die­ser Richt­li­nie nach Art. 51 Abs. 1 erlas­se­nen Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten auf förm­lich gestell­te Anträ­ge auf inter­na­tio­na­lem Schutz nach dem 20.07.2015 oder frü­her an; für vor die­sem Datum gestell­te Anträ­ge gel­ten die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten "nach Maß­ga­be der Richt­li­nie 2005/​85/​EG" (Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie a.F.). Zu den die­ser Über­gangs­re­ge­lung unter­fal­len­den Bestim­mun­gen zählt auch die Ermäch­ti­gung in Art. 33 der Richt­li­nie 2013/​32/​EU, die regelt, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Mit­glied­staa­ten zusätz­lich zu den Fäl­len, in denen nach Maß­ga­be der Dub­lin-Ver­ord­nun­gen ein Antrag nicht geprüft wird, einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz wegen Unzu­läs­sig­keit nicht prü­fen müs­sen. Folg­lich darf ein – wie hier – vor dem Stich­tag (20.07.2015) gestell­ter Asyl­an­trag nur nach Maß­ga­be der Rege­lung in Art. 25 der Richt­li­nie 2005/​85/​EG als unzu­läs­sig betrach­tet wer­den. Nach Art. 25 Abs. 2 Buchst. b der Richt­li­nie 2005/​85/​EG kön­nen die Mit­glied­staa­ten einen Asyl­an­trag wegen Schutz­ge­wäh­rung in einem ande­ren Mit­glied­staat aber nur als unzu­läs­sig betrach­ten, wenn der ande­re Mit­glied­staat die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt hat. Dar­an fehlt es hier.

Da es sich bei der den Mit­glied­staa­ten in Art. 33 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2013/​32/​EU ein­ge­räum­ten – und gegen­über der Vor­gän­ger­re­ge­lung erwei­ter­ten – Opti­on um eine den Antrag­stel­ler belas­ten­de Ände­rung han­delt, ermög­licht auch die Güns­tig­keits­be­stim­mung des Art. 5 der Richt­li­nie 2013/​32/​EU kei­ne vor­zei­ti­ge Anwen­dung der Ände­rung auf vor dem 20.07.2015 gestell­te Asyl­an­trä­ge. Damit steht im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren Uni­ons­recht der von der Beklag­ten ange­nom­me­nen Aus­le­gung des § 60 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. Abs. 1 Satz 3 und 4 Auf­en­thG ent­ge­gen, ohne dass es hier­für der Durch­füh­rung eines Revi­si­ons­ver­fah­rens bedarf.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Okto­ber 2015 – 1 B 412015

  1. BVerwG, Urteil vom 17.06.2014 – 10 C 7.13, BVerw­GE 150, 29[]
  2. ABl. L 180 S. 60[]