Wider­ruf des natio­na­len Abschie­bungs­schut­zes

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat im Anfech­tungs­pro­zess gegen den Wider­ruf der Fest­stel­lung von Abschie­bungs­schutz nach natio­na­lem Recht (§ 73c Abs. 2 AsylVfG) den Wider­rufs­be­scheid umfas­send auf sei­ne Recht­mä­ßig­keit zu prü­fen; in die­se Prü­fung hat es auch vom Klä­ger nicht gel­tend gemach­te Anfech­tungs­grün­de und von der Behör­de nicht ange­führ­te Wider­rufs­grün­de ein­zu­be­zie­hen 1.

Wider­ruf des natio­na­len Abschie­bungs­schut­zes

Gegen­stand des hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Falls war vor­ran­gig die Recht­mä­ßig­keit des Wider­rufs­be­schei­des der Beklag­ten vom 03.04.2008 und in die­sem Zusam­men­hang die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung natio­na­len Abschie­bungs­schut­zes (§ 60 Abs. 5 oder 7 Satz 1 oder 2 Auf­en­thG), der inso­weit einen ein­heit­li­chen, nicht wei­ter teil­ba­ren Schutz mit meh­re­ren Anspruchs­grund­la­gen bie­tet 2, nicht mehr vor­lie­gen. Für den Wider­ruf der Asyl- und Flücht­lings­an­er­ken­nung (§ 73 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG) ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ent­schie­den, dass der Wider­rufs­be­scheid umfas­send auf sei­ne Recht­mä­ßig­keit zu prü­fen ist und das Gericht auch vom Klä­ger nicht gel­tend gemach­te Anfech­tungs­grün­de sowie von der Behör­de nicht ange­führ­te Wider­rufs­grün­de ein­zu­be­zie­hen hat 3. Denn die Auf­he­bung eines sol­chen, nicht im Ermes­sen der Behör­de ste­hen­den, Ver­wal­tungs­ak­tes setzt nach § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO unter ande­rem sei­ne objek­ti­ve Rechts­wid­rig­keit vor­aus; dar­an fehlt es auch dann, wenn er aus einem im Bescheid oder im Ver­fah­ren nicht ange­spro­che­nen Grund recht­mä­ßig ist. Liegt der im Wider­rufs­be­scheid allein ange­führ­te Wider­rufs­grund nicht vor, so ist eine Kla­ge erst dann begrün­det, wenn der Bescheid auch unter ande­ren recht­li­chen Gesichts­punk­ten nicht halt­bar ist und er den Adres­sa­ten in sei­nen Rech­ten ver­letzt, ins­be­son­de­re also wenn auch ande­re in Betracht kom­men­de Wider­rufs­grün­de aus­schei­den. Dies ent­spricht der im Asyl­ver­fah­ren gel­ten­den Kon­zen­tra­ti­ons-und Beschleu­ni­gungs­ma­xi­me, nach der alle in einem Asyl­pro­zess typi­scher­wei­se rele­van­ten Fra­gen in einem Pro­zess abschlie­ßend geklärt wer­den sol­len 4.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten glei­cher­ma­ßen auch für den Wider­ruf der Fest­stel­lung von Abschie­bungs­ver­bo­ten nach § 73c Abs. 2 AsylVfG. Nach § 73c Abs. 2 AsylVfG ist eine sol­che Fest­stel­lung zu wider­ru­fen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen nicht mehr vor­lie­gen. Ein Ermes­sen ist dem Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge inso­weit nicht ein­ge­räumt. Es han­delt sich um eine recht­lich gebun­de­ne Ent­schei­dung. Dies erkennt im recht­li­chen Ansatz auch das Beru­fungs­ge­richt. Die von ihm ange­nom­me­ne Beschrän­kung für ein "Nach­schie­ben von Grün­den", das auch bei gebun­de­nen Ver­wal­tungs­akt grund­sätz­lich zuläs­sig sei, auf sol­che nach­träg­lich vor­ge­brach­ten Grün­de, die schon bei Erlass des strei­ti­gen Ver­wal­tungs­akts vor­ge­le­gen hät­ten, und auf Fäl­le, in denen die nach­ge­scho­be­nen Grün­de den Ver­wal­tungs­akt nicht in sei­nem Wesen ver­än­der­ten und der Betrof­fe­ne auch nicht in sei­ner Rechts­ver­tei­di­gung beein­träch­tigt wer­de, greift jeden­falls nicht für den Wider­ruf von Schutz­ent­schei­dun­gen nach dem Asyl­ver­fah­rens­ge­setz. Aus der aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung, dass in Strei­tig­kei­ten nach die­sem Gesetz das Gericht stets auf die­ser Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung abzu­stel­len hat (§ 77 Abs. 1 AsylVfG), ergibt sich, dass nicht nur sol­che Tat­sa­chen einen Wider­rufs­be­scheid als recht­mä­ßig tra­gen kön­nen, die schon bei des­sen Erlass vor­ge­le­gen haben, son­dern gera­de auch wei­te­re Tat­sa­chen zu berück­sich­ti­gen sind. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die Ver­pflich­tungs- wie für die Anfech­tungs­kla­ge. Damit ist grund­sätz­lich auch das Aus­wech­seln des einem Bescheid zu Grun­de lie­gen­den Sach­ver­hal­tes jeden­falls dann mög­lich, wenn – wie hier – die Ent­schei­dungs­for­mel unver­än­dert bleibt 5. Dadurch wird die Rechts­ver­tei­di­gung des Betrof­fe­nen nicht beein­träch­tigt. Denn dem Betrof­fe­nen ist zur Ver­mei­dung einer Über­ra­schungs­ent­schei­dung recht­li­ches Gehör zu sol­chen Tat­sa­chen zu gewäh­ren, die nicht schon in dem ange­foch­te­nen Bescheid zur Stüt­zung des Wider­rufs her­an­ge­zo­gen wor­den sind und mit deren Ver­wer­tung der Betrof­fe­ne nicht zu rech­nen hat­te. Das auch aus der im Asyl­ver­fah­ren gel­ten­den Kon­zen­tra­ti­ons- und Beschleu­ni­gungs­ma­xi­me fol­gen­de Gebot einer umfas­sen­den Prü­fung eines Wider­rufs­be­schei­des auf sei­ne Recht­mä­ßig­keit erfasst daher nicht nur die Berück­sich­ti­gung unter­schied­li­cher Wider­ruf­s­tat­be­stän­de, son­dern inner­halb des Wider­ruf­s­tat­be­stan­des nach § 73c Abs. 2 AsylVfG auch die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­stel­lung von Abschie­bungs­ver­bo­ten nach § 60 Abs. 5 oder 7 Auf­en­thG nicht mehr vor­lie­gen, weil sich die schutz­be­grün­den­den Umstän­de erheb­lich und dau­er­haft ver­än­dert haben. Eine Beschrän­kung der gericht­li­chen Über­prü­fung auf die im Wider­rufs­be­scheid benann­ten oder die­sen zumin­dest wesens­glei­chen Grün­de, wie sie das Beru­fungs­ge­richt vor­ge­nom­men hat, ist hier­mit unver­ein­bar.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Juni 2015 – 1 C 22015 -

  1. Fort­füh­rung von BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 17.12, BVerw­GE 146, 31 Prü­fungs­um­fang bei Wider­ruf der Asyl- und Flücht­lings­an­er­ken­nung[]
  2. BVerwG, Urteil vom 29.09.2011 – 10 C 23.10, Buch­holz 402.242 § 60 Abs. 2 ff. Auf­en­thG Nr. 45[]
  3. BVerwG, Urteil vom 31.01.2013 – 10 C 17.12, BVerw­GE 146, 31 Rn. 9[]
  4. s.a. BVerwG, Urteil vom 08.09.2011 – 10 C 14.10, BVerw­GE 140, 319 Rn. 10; Beschluss vom 10.10.2011 – 10 B 24.11 4[]
  5. zur Umdeu­tung des Wider­rufs einer Asyl­an­er­ken­nung in eine Rück­nah­me bei Täu­schung über die Staats­an­ge­hö­rig­keit s.a. BVerwG, Beschluss vom 29.04.2013 – 10 B 40.12InfAuslR 2013, 314[]