Auf­rech­nungs­ver­bot in Archi­tek­ten­ver­trä­gen

Die von einem Archi­tek­ten in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines Archi­tek­ten­ver­tra­ges ver­wand­te Klau­sel

Auf­rech­nungs­ver­bot in Archi­tek­ten­ver­trä­gen

"Eine Auf­rech­nung gegen den Hono­rar­an­spruch ist nur mit einer unbe­strit­te­nen oder rechts­kräf­tig fest­ge­stell­ten For­de­rung zuläs­sig"

(§ 4 Nr. 4.5 der All­ge­mei­nen Ver­trags­be­stim­mun­gen zum Ein­heits-Archi­tek­ten­ver­trag) ist gemäß § 9 Abs. 1 AGBG unwirk­sam.

Der Auf­trag­ge­ber eines Archi­tek­ten kann etwai­ge Scha­dens­er­satz­an­sprü­che regel­mä­ßig nur im Wege der Auf­rech­nung gel­tend machen; eine Ver­rech­nung mit der Werk­lohn­for­de­rung des Archi­tek­ten fin­det nicht statt. Die Ver­rech­nung ist kein gesetz­lich vor­ge­se­he­nes Rechts­in­sti­tut in den Fäl­len, in denen sich nach der Geset­zes­la­ge Werk­lohn und Anspruch wegen Nicht­er­fül­lung oder ande­re Ansprü­che wegen Schlech­ter­fül­lung des Ver­tra­ges auf­re­chen­bar gegen­über ste­hen. In die­sen Fäl­len sind die ver­trag­li­chen oder gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur Auf­rech­nung anwend­bar 1. Die­se vom Bun­des­ge­richts­hof bereits für einen Werk­ver­trag unter Ver­ein­ba­rung der VOB/​B ent­schie­de­nen Grund­sät­ze fin­den eben­so auf einen Archi­tek­ten­ver­trag Anwen­dung, der als Werk­ver­trag zu qua­li­fi­zie­ren ist.

Die Bestim­mung des § 4 Nr.4.5 der All­ge­mei­nen Ver­trags­be­stim­mun­gen des im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Falls vom Archi­tek­ten ver­wen­de­ten Ein­heits-Archi­tek­ten­ver­tra­ges ist ent­ge­gen einer viel­fach in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te ver­tre­te­nen Auf­fas­sung 2 gemäß § 9 Abs. 1 AGBG unwirk­sam. Denn sie benach­tei­ligt den Ver­trags­part­ner des ver­wen­den­den Archi­tek­ten ent­ge­gen den Gebo­ten von Treu und Glau­ben unan­ge­mes­sen.

Eine sol­che Benach­tei­li­gung liegt vor, wenn der Bestel­ler durch das Ver­bot der Auf­rech­nung in einem Abrech­nungs­ver­hält­nis eines Werk­ver­tra­ges gezwun­gen wür­de, eine man­gel­haf­te oder unfer­ti­ge Leis­tung in vol­lem Umfang zu ver­gü­ten, obwohl ihm Gegen­an­sprü­che in Höhe der Män­gel­be­sei­ti­gungs- oder Fer­tig­stel­lungs­kos­ten zuste­hen 3. Denn hier­durch wür­de in das durch den Ver­trag geschaf­fe­ne Äqui­va­lenz­ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung in für den Bestel­ler unzu­mut­ba­rer Wei­se ein­ge­grif­fen.

Die syn­al­lag­ma­ti­sche Ver­knüp­fung der Werk­lohn­for­de­rung mit der For­de­rung auf man­gel­freie Erfül­lung des Ver­tra­ges fin­det zunächst ihren Aus­druck in einem Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht des Bestel­lers im Fal­le einer man­gel­haf­ten oder nicht fer­tig gestell­ten Leis­tung, § 320 Abs. 1 BGB. Der Bestel­ler kann sich im Pro­zess mit dem Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht ver­tei­di­gen mit der Fol­ge, dass die Werk­lohn­for­de­rung ganz oder teil­wei­se nicht durch­setz­bar ist. Dies kann in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den (§ 11 Nr. 2a AGBG, § 309 Nr. 2a BGB). Es wäre ein nicht hin­nehm­ba­res Ergeb­nis, wenn eine aus dem Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht erwach­se­ne auf Zah­lung gerich­te­te Gegen­for­de­rung dazu füh­ren wür­de, dass der Werk­lohn nun­mehr durch­setz­bar ist 4.

Aus die­sen Grün­den hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass ein Vor­be­halts­ur­teil grund­sätz­lich nicht erlas­sen wer­den darf, wenn damit eine Werk­lohn­for­de­rung zuge­spro­chen wird und zur Auf­rech­nung gestell­te Ansprü­che auf Zah­lung der Män­gel­be­sei­ti­gungs­kos­ten oder der Fer­tig­stel­lungs­mehr­kos­ten dem Nach­ver­fah­ren vor­be­hal­ten wer­den. Dies wür­de näm­lich zu einer vor­über­ge­hen­den Aus­set­zung der Wir­kung einer mate­ri­ell­recht­lich begrün­de­ten Auf­rech­nung füh­ren und hät­te zur Fol­ge, dass der Klä­ger einen Titel über eine For­de­rung erhält, die tat­säch­lich infol­ge der Auf­rech­nung nicht besteht. Die­se Wir­kung ist grund­sätz­lich nicht gerecht­fer­tigt, wenn der Bestel­ler gegen­über einer Werk­lohn­for­de­rung mit Ansprü­chen auf­rech­net, die dazu die­nen, das durch den Ver­trag geschaf­fe­ne Äqui­va­lenz­ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung her­zu­stel­len 5.

Ein Auf­rech­nungs­ver­bot führt in noch stär­ke­rer Wei­se als ein Vor­be­halts­ur­teil zu einer Auf­lö­sung der syn­al­lag­ma­ti­schen Ver­bun­den­heit der genann­ten gegen­sei­ti­gen For­de­run­gen. Die­se Wir­kung wäre anders als bei einem Vor­be­halts­ur­teil nicht nur vor­über­ge­hend, son­dern sogar end­gül­tig. Des­halb gilt hier erst recht, dass dies in den genann­ten Fäl­len nicht gerecht­fer­tigt ist und den Bestel­ler des­halb unan­ge­mes­sen benach­tei­ligt.

Auch in einem Archi­tek­ten­ver­trag kön­nen dem Bestel­ler wegen Män­geln der Leis­tung des Archi­tek­ten Ansprü­che auf Scha­dens­er­satz zuste­hen, die dar­in bestehen, die Kos­ten zur Besei­ti­gung der Män­gel des Archi­tek­ten­wer­kes (etwa die Über­ar­bei­tung einer feh­ler­haf­ten Pla­nung) oder die Fer­tig­stel­lungs­mehr­kos­ten 6 erstat­tet zu bekom­men. Durch § 4 Nr.4.5 der All­ge­mei­nen Ver­trags­be­stim­mun­gen wird die Auf­rech­nung mit jeder For­de­rung für unzu­läs­sig erklärt, es sei denn, sie ist unbe­strit­ten oder rechts­kräf­tig fest­ge­stellt. Damit umfasst das Auf­rech­nungs­ver­bot auch der­ar­ti­ge in einem engen syn­al­lag­ma­ti­schen Ver­hält­nis zur Werk­lohn­for­de­rung ste­hen­de Ersatz­an­sprü­che wegen Män­gel­be­sei­ti­gungs­kos­ten und Fer­tig­stel­lungs­mehr­kos­ten. Die Klau­sel führt daher aus den dar­ge­leg­ten Grün­den zu einer unan­ge­mes­se­nen Benach­tei­li­gung des Bestel­lers.

Es kann dahin­ste­hen, ob der Aus­schluss der Mög­lich­keit der Auf­rech­nung mit Ansprü­chen, die nicht auf die Fer­tig­stel­lungs­mehr­kos­ten oder die Män­gel­be­sei­ti­gungs­kos­ten des Archi­tek­ten­wer­kes gerich­tet sind, zuläs­sig wäre. Denn jeden­falls umfasst die Klau­sel alle Gegen­an­sprü­che unter­schieds­los. Sie kann nicht hin­sicht­lich des Aus­schlus­ses der Auf­rech­nung von unbe­denk­li­chen Gegen­for­de­run­gen auf­recht­erhal­ten wer­den 7. Dies ist wegen des für All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen all­ge­mein zu beach­ten­den Ver­bots einer gel­tungs­er­hal­ten­den Reduk­ti­on 8 unmög­lich. Somit fehlt es in jedem Fall an einem wirk­sam ver­ein­bar­ten Aus­schluss der Auf­rech­nung auch inso­weit, als es um sol­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che geht, wie sie hier von den Beklag­ten gel­tend gemacht wer­den.

Damit erteilt der Bun­des­ge­richts­hof der Auf­fas­sung eine Absicht, eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung kön­ne allen­falls ange­nom­men wer­den, wenn die Gegen­an­sprü­che ent­schei­dungs­reif fest­stün­den. Viel­mehr ist es dem Bestel­ler in jedem Fall, in dem ihm die Gegen­an­sprü­che tat­säch­lich zuste­hen, unzu­mut­bar, zunächst die vol­le Werk­lohn­for­de­rung zah­len zu müs­sen und auf die geson­der­te Gel­tend­ma­chung sei­ner Ansprü­che ver­wie­sen zu wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. April 2011 – VII ZR 209/​07

  1. BGH, Urteil vom 23.06.2005 – VII ZR 197/​03, BGHZ 163, 274, 278[]
  2. OLG Hamm, BauR 2004, 1643, 1645 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.06.2005 – VII ZR 197/​03, BGHZ 163, 274, 279; OLG Frank­furt, OLGR Frank­furt 2008, 665; H.D. Hen­sen in Ulmer/​Brander/​Hensen, AGBRecht, 10. Aufl., § 309 Nr. 3 BGB Rn. 7 m.w.N.; Kes­sen, BauR 2005, 1691, 1693 ff.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.11.2005 – VII ZR 304/​04, BGHZ 165, 134, 137[]
  5. BGH, Urtei­le vom 24.11.2005 – VII ZR 304/​04, BGHZ 165, 134; und vom 27.09. 2007 – VII ZR 80/​05, BauR 2007, 2052 = NZBau 2008, 55 = ZfBR 2008, 39[]
  6. etwa die not­wen­di­ge Beauf­tra­gung eines wei­te­ren Archi­tek­ten mit den­sel­ben Leis­tun­gen[]
  7. vgl. Kes­sen, BauR 2005, 1691, 1695 f.[]
  8. st. Rspr., vgl. zuletzt BGH, Urteil vom 08.12.2010 – VIII ZR 86/​10, NJW 2011, 597 Rn. 16[]