Bericht­erstat­tung über das Pri­vat­le­ben Pro­mi­nen­ter

Die Ver­öf­fent­li­chung von Arti­keln bzw. Fotos, die das Pri­vat­le­ben pro­mi­nen­ter Per­so­nen dar­stel­len, sind zuläs­sig und ver­sto­ßen nicht gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, sofern sie im all­ge­mei­nen Inter­es­se und in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur Ach­tung des Pri­vat­le­bens ste­hen.

Bericht­erstat­tung über das Pri­vat­le­ben Pro­mi­nen­ter

So hat die Gro­ße Kam­mer des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in zwei Fäl­len ent­schie­den. In einem Ver­fah­ren ist die Axel Sprin­ger AG Beschwer­de­füh­rer gegen Deutsch­land, um eine Ver­let­zung von Arti­kel 10 EMRK (Frei­heit der Mei­nungs­äu­ße­rung) fest­stel­len zu las­sen. In dem zwei­ten Ver­fah­ren Von Han­no­ver gegen Deutsch­land ging es um die Ver­let­zung von Arti­kel 8 EMRK (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens) . Beschwer­de­füh­rer sind Prin­zes­sin Caro­li­ne von Han­no­ver, Toch­ter des ver­stor­be­nen Fürs­ten Rai­nier III von Mona­co, und ihr Ehe­mann, Prinz Ernst August von Han­no­ver.

Die Aus­gangs­sach­ver­hal­te[↑]

Axel Sprin­ger AG

Beschwer­de­füh­re­rin ist die Axel Sprin­ger AG. Die von Sprin­ger her­aus­ge­ge­be­ne Bild-Zei­tung ver­öf­fent­lich­te im Sep­tem­ber 2004 auf ihrer Titel­sei­te einen Arti­kel über die Fest­nah­me von X, einem bekann­ten Fern­seh­schau­spie­ler, in einem Zelt auf dem Münch­ner Okto­ber­fest, wegen Koka­in­be­sit­zes. Der Arti­kel war mit drei Fotos von X illus­triert und wur­de im Innen­teil fort­ge­setzt. Dar­in wur­de erwähnt, dass X, der seit 1998 die Rol­le eines Kom­mis­sars in einer belieb­ten TV-Serie spiel­te, bereits im Juli 2000 wegen Dro­gen­be­sit­zes zu einer Haft­stra­fe auf Bewäh­rung ver­ur­teilt wor­den war. In einem zwei­ten Arti­kel im Juli 2005 berich­te­te die Bild-Zei­tung, dass X nach einem Geständ­nis wegen ille­ga­len Dro­gen­be­sit­zes zu einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt wur­den war.

Nach Erschei­nen des ers­ten Arti­kels bean­trag­te X beim Land­ge­richt Ham­burg eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen Sprin­ger. Das Gericht gab dem Antrag statt und unter­sag­te dem Ver­lag jede wei­te­re Ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels und der Fotos. Das Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg bestä­tig­te die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung im Juni 2005 betref­fend den Arti­kel. Im Hin­blick auf die Fotos war Sprin­ger nicht in Beru­fung gegan­gen. In einem Urteil vom Novem­ber 2005 unter­sag­te das Land­ge­richt Ham­burg jede wei­te­re Ver­öf­fent­li­chung des nahe­zu voll­stän­di­gen Inhalts des ers­ten Arti­kels unter Andro­hung eines Ord­nungs­gel­des und ver­ur­teil­te Sprin­ger zur Zah­lung einer Ver­trags­stra­fe für die Ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels. Das Gericht befand ins­be­son­de­re, dass das Recht von X auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens das öffent­li­che Inter­es­se an der Infor­ma­ti­on über­wie­ge, obwohl die Wahr­heit des Berichts der Bild-Zei­tung nicht in Fra­ge ste­he. Es sei in dem Fall nicht um eine schwe­re Straf­tat gegan­gen und es gebe kein beson­de­res Inter­es­se der Öffent­lich­keit, über das Ver­ge­hen von X Bescheid zu wis­sen. Das Urteil wur­de vom Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg sowie, im Dezem­ber 2006, vom Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt.

In einem wei­te­ren Ver­fah­ren bezüg­lich des zwei­ten Arti­kels über die Ver­ur­tei­lung von X, gab das Land­ge­richt Ham­burg der Kla­ge des Schau­spie­lers mit der im Wesent­li­chen glei­chen Begrün­dung statt wie in sei­nem Urteil bezüg­lich des ers­ten Arti­kels. Das Urteil wur­de vom Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg sowie, im Juni 2007, vom Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt. Im März 2008 lehn­te es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ab, eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de Sprin­gers gegen die­se Urtei­le zur Ent­schei­dung anzu­neh­men.

Von Han­no­ver

Seit den frü­hen 1990er Jah­ren bemüht sich Prin­zes­sin Caro­li­ne, die Ver­öf­fent­li­chung von Fotos, die ihr Pri­vat­le­ben abbil­den, in der Pres­se zu unter­bin­den. Zwei Foto­se­ri­en, die 1993 bzw. 1997 in deut­schen Zeit­schrif­ten erschie­nen, waren Gegen­stand von drei Ver­fah­ren vor deut­schen Gerich­ten. In Leit­ur­tei­len des Bun­des­ge­richts­hofs 1995 und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 1999 wur­den ihre Beschwer­den zurück­ge­wie­sen. Die­se Ver­fah­ren waren Gegen­stand eines Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 1 , in dem der Gerichts­hof fest­stell­te, dass die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te gegen das Recht Prin­zes­sin Caro­li­nes auf Ach­tung ihres Pri­vat­le­bens nach Arti­kel 8 EMRK ver­stie­ßen.

Unter Beru­fung auf die­ses Urteil klag­ten Prin­zes­sin Caro­li­ne und Prinz Ernst August in der Fol­ge­zeit in meh­re­ren Ver­fah­ren vor den deut­schen Zivil­ge­rich­ten auf eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen die Ver­öf­fent­li­chung wei­te­rer Fotos, die zwi­schen 2002 und 2004 in den Zeit­schrif­ten Frau im Spie­gel und Frau Aktu­ell erschie­nen waren. Die Bil­der zeig­ten die Beschwer­de­füh­rer wäh­rend eines Ski­ur­laubs und waren ohne ihre Ein­wil­li­gung auf­ge­nom­men wor­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof gab der Beschwer­de im Hin­blick auf zwei der ver­öf­fent­lich­ten Fotos 2 statt – da sie nicht zu einer Dis­kus­si­on von all­ge­mei­nem Inter­es­se bei­trü­gen – wies sie aber zurück im Hin­blick auf ein im Febru­ar 2002 in der Zeit­schrift Frau im Spie­gel erschie­ne­nes Foto. Es zeig­te das Paar bei einem Spa­zier­gang wäh­rend sei­nes Ski­ur­laubs in St. Moritz und wur­de u.a. von einem Arti­kel über den schlech­ten Gesund­heits­zu­stand des Fürs­ten Rai­nier von Mona­co beglei­tet. Der Bun­des­ge­richts­hof war der Auf­fas­sung, dass die Erkran­kung des Fürs­ten eine Fra­ge von all­ge­mei­nem gesell­schaft­li­chen Inter­es­se sei und dass die Pres­se dar­über berich­ten dür­fe, wie sei­ne Kin­der ihre fami­liä­ren Pflich­ten mit dem berech­tig­ten Bedürf­nis Urlaub zu machen, ver­ein­bar­ten. In einem Urteil vom 26. Febru­ar 2008 wies das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de von Prin­zes­sin Caro­li­ne ab; ins­be­son­de­re wies es den Vor­wurf als unbe­grün­det zurück, die deut­schen Gerich­te hät­ten die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te miss­ach­tet oder nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt. Am 16. Juni 2008 lehn­te es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ab, wei­te­re Ver­fas­sungs­be­schwer­den der Beschwer­de­füh­rer zur Ent­schei­dung anzu­neh­men, die das­sel­be und ein ähn­li­ches, in Frau aktu­ell erschie­ne­nes Foto betra­fen.

Die Beschwer­den zum EGMR[↑]

Unter Beru­fung auf Arti­kel 10 EMRK rüg­te die Axel Sprin­ger AG die gericht­li­che Ver­fü­gung gegen die wei­te­re Ver­öf­fent­li­chung der bei­den Arti­kel.

Unter Beru­fung auf Arti­kel 8 EMRK beklag­ten sich Prin­zes­sin Caro­li­ne und Prinz Ernst August von Han­no­ver, dass die deut­schen Gerich­te die wei­te­re Ver­öf­fent­li­chung des umstrit­te­nen Fotos nicht unter­bun­den hat­ten, und mach­ten gel­tend, die deut­schen Gerich­te hät­ten das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te im Ver­fah­ren Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land von 2004 nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt.

Die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in Sachen Axel Sprin­ger AG[↑]

Zwi­schen den Par­tei­en war unstrei­tig, dass die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te einen Ein­griff in Sprin­gers Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung nach Arti­kel 10 EMRK dar­stell­ten. Wei­ter­hin war unstrei­tig, dass die­ser Ein­griff nach deut­schem Recht gesetz­lich vor­ge­se­hen war und ein legi­ti­mes Ziel, näm­lich den Schutz des guten Rufs ande­rer, ver­folg­te.

Im Hin­blick auf die Fra­ge, ob der Ein­griff not­wen­dig in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft war, stell­te der Gerichts­hof fest, dass die strit­ti­gen Arti­kel über die Fest­nah­me und Ver­ur­tei­lung des Schau­spie­lers öffent­lich zugäng­li­che Infor­ma­tio­nen aus der Jus­tiz betra­fen, an denen die Öffent­lich­keit ein Inter­es­se hat­te. Grund­sätz­lich ist es Sache der natio­na­len Gerich­te, zu beur­tei­len, wie bekannt eine Per­son in der Öffent­lich­keit ist, beson­ders wenn es sich, wie im Fall des betrof­fe­nen Schau­spie­lers, um eine vor allem in einem Land bekann­te Per­sön­lich­keit han­delt. Das Ham­bur­ger Ober­lan­des­ge­richt war der Auf­fas­sung, dass der Schau­spie­ler, der über einen län­ge­ren Zeit­raum die Rol­le eines Kom­mis­sars gespielt hat­te, bekannt und sehr beliebt sei. Der Gerichts­hof schluss­fol­ger­te, dass der Schaup­sie­ler bekannt genug war, um als Per­son des öffent­li­chen Lebens zu gel­ten, was den Anspruch der Öffent­lich­keit, über sei­ne Fest­nah­me und das Ver­fah­ren gegen ihn infor­miert zu wer­den, bekräf­tig­te. Zwar stimm­te der Gerichts­hof der Ein­schät­zung der deut­schen Gerich­te im Wesent­li­chen zu, dass das Inter­es­se Sprin­gers an der Ver­öf­fent­li­chung der Arti­kel ledig­lich auf eben die Tat­sa­che zurück­zu­füh­ren war, dass es sich um das Ver­ge­hen eines bekann­ten Schau­spie­lers han­del­te, über das die Bild-Zei­tung kaum berich­tet hät­te, wenn es es von einer der Öffent­lich­keit unbe­kann­ten Per­son began­gen wor­den wäre. Der Gerichts­hof hob aber her­vor, dass der Schau­spie­ler öffent­lich auf dem Münch­ner Okto­ber­fest fest­ge­nom­men wor­den war. Da er zuvor in Inter­views Ein­zel­hei­ten aus sei­nem Pri­vat­le­ben preis­ge­ge­ben hat­te, konn­te er zudem nur in beschränk­tem Maße dar­auf ver­trau­en, dass sei­ne Pri­vat­sphä­re wirk­sam geschützt wür­de. Nach den Aus­sa­gen einer betei­lig­ten Jour­na­lis­tin, deren Wahr­heits­ge­halt die deut­sche Bun­des­re­gie­rung nicht in Fra­ge stell­te, hat­te die Bild-Zei­tung die in dem Arti­kel vom Sep­tem­ber 2004 ver­öf­fent­lich­ten Infor­ma­tio­nen über die Fest­nah­me des Schau­spie­lers von der Poli­zei und der Staats­an­walt­schaft Mün­chen erhal­ten. Die ver­öf­fent­lich­ten Anga­ben hat­ten also eine aus­rei­chen­de sach­li­che Grund­la­ge und der Wahr­heits­ge­halt bei­der Arti­kel war zwi­schen den Par­tei­en nicht strit­tig.

Nichts wies dar­auf hin, dass Sprin­ger kei­ne Abwä­gung zwi­schen sei­nem Inter­es­se, die­se Infor­ma­tio­nen zu ver­öf­fent­li­chen, und dem Recht des Schau­spie­lers auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens vor­ge­nom­men hät­te. Da die Staats­an­walt­schaft Sprin­ger gegen­über die frag­li­chen Anga­ben bestä­tigt hat­te, gab es für den Ver­lag kei­ne hin­rei­chen­den Grün­de anzu­neh­men, er hät­te die Anony­mi­tät des Schau­spie­lers zu wah­ren. Es konn­te folg­lich nicht behaup­tet wer­den, Sprin­ger habe in böser Absicht gehan­delt. In die­sem Zusam­men­hang unter­strich der Gerichts­hof, dass die Staats­an­walt­schaft alle von Sprin­ger in dem ers­ten Arti­kel preis­ge­ge­be­nen Infor­ma­tio­nen gegen­über ande­ren Zeit­schrif­ten und Fern­seh­sen­dern bestä­tigt hat­te.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wies außer­dem dar­auf hin, dass die Arti­kel kei­ne Ein­zel­hei­ten aus dem Pri­vat­le­ben des Schau­spie­lers preis­ge­ge­ben hat­ten, son­dern im Wesent­li­chen über die Umstän­de sei­ner Fest­nah­me und den Aus­gang des Ver­fah­rens gegen ihn berich­te­ten. In den Arti­keln wur­den kei­ne her­ab­wür­di­gen­den Aus­drü­cke ver­wen­det oder unbe­grün­de­te Behaup­tun­gen auf­ge­stellt, und die Bun­des­re­gie­rung hat­te nicht dar­ge­legt, dass die Ver­öf­fent­li­chung der Arti­kel schwer­wie­gen­de Fol­gen für den Schau­spie­ler gehabt hät­te. Die Sank­tio­nen gegen Sprin­ger waren zwar mild, aber trotz­dem dazu geeig­net, eine abschre­cken­de Wir­kung dem Ver­lag gegen­über zu ent­fal­ten. Der Gerichts­hof kam zu dem Schluss, dass die dem Ver­lag auf­er­leg­ten Beschrän­kun­gen in kei­nem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zu dem legi­ti­men Ziel stan­den, das Pri­vat­le­ben des Schau­spie­lers zu schüt­zen. Folg­lich lag eine Ver­let­zung von Arti­kel 10 vor.

Arti­kel 41 EMRK, gerech­te Ent­schä­di­gung

Der Gerichts­hof ent­schied, dass Deutsch­land der Axel Sprin­ger AG 17.734,28 Euro für den erlit­te­nen mate­ri­el­len Scha­den und 32.522,80 Euro für die ent­stan­de­nen Kos­ten zu zah­len hat.

Die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in Sachen Von Han­no­ver [↑]

Es war nicht Auf­ga­be des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, zu prü­fen, ob Deutsch­land sei­nen Ver­pflich­tun­gen bei der Umset­zung des Urteils des Gerichts­hofs im Ver­fah­ren Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land von 2004 nach­ge­kom­men war, da dies in der Ver­at­wor­tung des Minis­ter­ko­mi­tees des Euro­pa­rats liegt. In sei­ner am 31. Okto­ber 2007 ange­nom­me­nen Reso­lu­ti­on über die Umset­zung des Urteils des Gerichts­hofs im Ver­fah­ren Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land von 2004 erklär­te das Minis­ter­ko­mi­tee, dass Deutsch­land das Urteil umge­setzt hat und ent­schied, die Unter­su­chung des Falls abzu­schlie­ßen.

Das heu­ti­ge Urteil betrifft nur die jün­ge­ren von den Beschwer­de­füh­rern ange­streng­ten Ver­fah­ren. Der Gerichts­hof nahm zur Kennt­nis, dass der Bun­des­ge­richts­hof sei­ne Recht­spre­chung in Fol­ge des EGMR-Urteils im Ver­fah­ren Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land von 2004 geän­dert hat­te. Ins­be­son­de­re hat­te er dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es eine Rol­le spie­le, ob die Bericht­erstat­tung eines Arti­kels in den Medi­en zu einer Debat­te mit einem Sach­ge­halt bei­tra­ge, der über die Befrie­di­gung blo­ßer Neu­gier hin­aus­ge­he. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te unter­stri­chen, dass je grö­ßer der Infor­ma­ti­ons­wert für die All­ge­mein­heit sei, des­to gerin­ger der Schutz der Per­sön­lich­keit des Betrof­fe­nen vor der Ver­öf­fent­li­chung wie­ge – und umge­kehrt – und dass das Inter­es­se des Lesers an Unter­hal­tung grund­sätz­lich gerin­ger wie­ge als das Inter­es­se des Betrof­fe­nen am Schutz sei­ner Pri­vat­sphä­re. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te die­sen Ansatz bestä­tigt. Die Tat­sa­che, dass der Bun­des­ge­richts­hof den Infor­ma­ti­ons­wert des frag­li­chen Fotos – des ein­zi­gen, gegen des­sen Ver­öf­fent­li­chung er kei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung ver­hängt hat­te – im Lich­te des zusam­men mit dem Foto ver­öf­fent­lich­ten Arti­kels beur­teilt hat­te, war nach der Kon­ven­ti­on nicht zu bean­stan­den. Der Gerichts­hof war bereit anzu­er­ken­nen, dass das Foto im Zusam­men­hang mit dem Arti­kel zumin­dest in einem gewis­sen Maße zu einer Debat­te von all­ge­mei­nem Inter­es­se bei­trug. Dass die deut­schen Gerich­te die Erkran­kung des Fürs­ten Rai­nier als zeit­ge­schicht­li­ches Ereig­nis ein­ge­stuft hat­ten, schien nicht unan­ge­mes­sen. Es war zu beto­nen, dass die deut­schen Gerich­te die Ver­öf­fent­li­chung zwei­er wei­te­rer Fotos gera­de mit der Begrün­dung unter­sagt hat­ten, die­se sei­en ledig­lich zu Unter­hal­tungs­zwe­cken ver­öf­fent­licht wor­den. Unab­hän­gig von den von Caro­li­ne von Han­no­ver tat­säch­lich wahr­ge­nom­me­nen offi­zi­el­len Funk­tio­nen im Namen des Fürs­ten­tums Mona­co konn­te nicht behaup­tet wer­den, die unbe­streit­bar sehr bekann­ten Beschwer­de­füh­rer sei­en gewöhn­li­che Pri­vat­per­so­nen. Sie sind zwei­fel­los Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens.

Die deut­schen Gerich­te waren zu dem Schluss gekom­men, dass die Beschwer­de­füh­rer kei­ner­lei Bewei­se für ihre Behaup­tung vor­ge­legt hät­ten, dass die Fotos in einem Kli­ma der all­ge­mei­nen Beläs­ti­gung ent­stan­den oder heim­lich auf­ge­nom­men wor­den sei­en. Die Fra­ge der Enste­hung der Bil­der erfor­der­te unter den Umstän­den des Falls kei­ne wei­te­re Unter­su­chung durch die Gerich­te, da die Beschwer­de­füh­rer dies­be­züg­lich kei­ne stich­hal­ti­gen Argu­men­te vor­ge­bracht hat­ten.

Der Gerichts­hof kam zu dem Schluss, dass die deut­schen Gerich­te zwi­schen dem Recht der Ver­le­ger auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und dem Recht der Beschwer­de­füh­rer auf Ach­tung ihres Pri­vat­le­bens eine sorg­fäl­ti­ge Abwä­gung vor­ge­nom­men hat­ten. Dabei hat­ten sie aus­drück­lich die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs, ein­schließ­lich des Urteils im Ver­fah­ren Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land von 2004 berück­sich­tigt. Folg­lich lag kei­ne Ver­let­zung von Arti­kel 8 EMRK vor.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Urtei­le vom 7. Febru­ar 2012 – 39954/​08, Axel Sprin­ger AG gegen Deutsch­land und 40660/​08, 60641/​08, Von Han­no­ver gegen Deutsch­land

  1. EGMR, Urteil vom 24.06.2004 – 59320/​00 Caro­li­ne von Han­no­ver gegen Deutsch­land[]
  2. BGH, Urteil vom 06.03.2007 – VI ZR 51/​06[]